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#MeToo und die Folgen:Die Vergessenen von Hollywood

Aug 23 2014 Hollywood California USA The Hollywood can be seen in the distance above the bui

Epizentrum des rasantesten gesellschaftlichen Wandels seit Jahrzehnten: Hollywood.

(Foto: imago)

In der US-Filmstadt herrscht eine gespenstische Stimmung. Denn es sind nicht nur die Missbrauchstäter, die derzeit ihre Jobs verlieren: Für jeden geschassten Star werden Hunderte im Business arbeitslos.

Von Jürgen Schmieder

Wir müssen, bevor wir über Francis Giglio und diesen wütenden Brief an den Komiker und Vor-Kolleginnen-Masturbierer Louis C. K. reden, mal kurz darüber sprechen, wie es auf Partys in Hollywood so zugeht. Es sind keineswegs rauschende und ausschweifende Feste, wie einem das bisweilen vorgegaukelt wird. Es ist inszenierter Glamour für Fotografen, meist öder als die Hochzeit eines entfernten Verwandten. Es geht bei dieser inszenierten Fröhlichkeit um Selbstvermarktung und Klüngelei, schließlich müssen sich die Nomaden der Unterhaltungsbranche an solchen Abenden vor allem bei den Jobvergebern für das nächste Projekt empfehlen. Also: Gläser und Mundwinkel nach oben!

Es sind schreckliche Dinge passiert, in Hollywood und auch anderswo, so massiv und mannigfaltig, dass sie nicht als Einzelfälle abgetan werden können, sondern als eine Kultur des Missbrauchs und Schweigens wahrgenommen werden müssen. Das Magazin Time hat gerade einige Protagonistinnen der dringend notwendigen "Me Too"-Debatte zur "Person des Jahres" erklärt. "Es ist der rasanteste soziale Wandel, den wir seit Jahrzehnten gesehen haben", sagt Time-Chefredakteur Edward Felsenthal zur Entscheidung: "Er begann mit mutigen Frauen und Männern."

Viele ahnen, was noch kommen kann, von Spacey und Weinstein wusste man es ja auch vorher

Es gibt in Hollywood allerdings auch Leute wie Giglio, die mit all den Skandalen gar nichts zu tun haben und dennoch davon betroffen sind. "Wir sind jetzt arbeitslos, kurz vor Weihnachten", hat Giglio auf die Seite eines Umzugskartons gekritzelt und ein Foto davon bei Facebook veröffentlicht. Er war der künstlerische Leiter der Zeichentrickserie "The Cops". Am 13. November hat der Sender TBS die Produktion noch vor dem Erscheinen der ersten Folge eingestellt und knapp 100 Mitarbeiter der Produktionsfirma FX Productions entlassen. Grund dafür waren die Vorwürfe gegen Erfinder und Hauptdarsteller Louis C. K., der zugegeben hatte, vor mehreren Frauen onaniert zu haben.

"All die Frustration und der Stress sind nichts gegen den Schmerz und den Kummer, die Sie diesen Frauen zugefügt haben", schreibt Giglio auf dem Karton an Louis C. K. Er habe damit gerechnet, bis Mai kommenden Jahres an der Serie arbeiten zu dürfen, bei einer Fortsetzung um weitere Staffeln womöglich noch länger: "Ich werde nun verzweifelt nach einem neuen Projekt suchen, um für meine Frau und meine drei Jahre alte Tochter sorgen zu können. Das ist die schlimmste Zeit des Jahres, einen Job in der Unterhaltungsbranche zu finden." Die meisten Produktionen sind schon in Arbeit, die Aufgaben und Jobs verteilt. Es heißt, dass viele erst im März wieder Arbeit finden werden, wenn neue Projekte genehmigt werden.

Das Magazin Time hat am Montag eine Liste mit 73 Beschuldigten veröffentlicht, darunter: Der Filmproduzent Harvey Weinstein, in dessen Firma Weinstein Co. etwa 150 Menschen gearbeitet haben und die nun entweder verkauft werden soll oder Konkurs anmelden muss. Der Schauspieler Kevin Spacey, wegen dem die 200 Mitarbeiter der Serie "House of Cards" erst einmal in (immerhin bezahlten) Urlaub geschickt worden sind. In dieser Woche verkündete Netflix, die Produktion ohne Spacey im kommenden Jahr fortsetzen zu wollen. Der Moderator Charlie Rose, dessen Talkshow eingestellt worden ist, weshalb 20 Leute seiner Produktionsfirma vorerst ohne Beschäftigung sind. Der Regisseur Brett Ratner, der Produzent Andrew Kreisberg: Sie alle haben an Projekten gearbeitet, die nun vorerst gestoppt sind.

Dieses Hollywood, das sich gern glamourös und selbstbewusst inszeniert, wirkt gerade arg ängstlich, weil die bange Frage nicht etwa lautet: Was kommt da noch? Wen erwischt es als Nächsten? Sie ahnen ja alle, was da noch kommen könnte, so wie viele von Weinstein gewusst haben und von Spacey und Ratner. Die entscheidende Frage lautet deshalb für viele, so zynisch das klingen mag: Erwischt es einen Star, der am selben Projekt beteiligt ist wie ich?

Wer derzeit die Dreharbeiten einer TV-Serie besucht oder eben eine dieser Partys nach einer Filmpremiere, der bemerkt recht schnell, dass derzeit kaum jemand feiern will und die meisten noch nicht einmal die fröhliche Fassade wahren möchten. Es geht vielmehr zu wie im Schützengraben: Die Leute ziehen den Kopf ein und hoffen darauf, dass der nächste Einschlag nicht sie treffen möge. Das häufigste Stoßgebet dürfte derzeit in Hollywood in etwa so lauten: "Bitte, lass nicht wahr sein, worüber viele reden."

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