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"Stern 111" von Lutz Seiler:Berliner Freiheit

Für den Vorgängerroman "Kruso" wurde Lutz Seiler 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

(Foto: Heike Steiweg)

Lutz Seilers "Stern 111" erzählt von der Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung, als ein Einzelner noch die Welt verändern konnte. Ein kraftvoller Roman, der ganz ohne Nostalgie auskommt.

Als Carl Bischoff die große Stadt Berlin erreicht, ist es tiefe Nacht. Er stellt sein Auto, einen soliden russischen Nachbau des Fiat 124, in eine stille Straße in der Nähe des Alexanderplatzes und legt sich darin schlafen. In den folgenden Tagen erkundet er die Umgebung. Er erinnert sich an einen Film über Goldsucher in Alaska, er empfängt rätselhafte Radiosignale, er findet eine Höhle, in der vermeintliche Eingeborene hausen. Die Höhlenbewohner geben ihm einen Kriegsnamen: "Shigulimann", nach dem Fabrikatsnamen des Fahrzeugs, das sie längst am Straßenrand erspäht und als das Lager des einsamen Wanderers erkannt haben. Das Buch "Stern 111", der neue, zweite Roman Lutz Seilers ist noch nicht weit gekommen, als sich eine Abenteuergeschichte zu entspinnen scheint. Eine Geschichte, in der ein Held, allein, wie alle Helden dieser Art, in die Welt zieht: um etwas zu erleben, das zuvor noch keiner erlebte, um einen Feind zu besiegen, um Ruhm zu erwerben sowie vor allem: damit später von seinen Taten erzählt werden kann.

Der Abenteuerroman ist ein vergangenes Genre. Die Welt mag gegenwärtig gefährlich sein, gefährlicher als seit vielen Jahren. Doch ist diese Gefahr von anderer Art, als das Genre es verlangt. Der Abenteuerroman gehört, streng betrachtet, nicht in eine Welt, in der man Meldescheine ausfüllt, in der kein Landstrich mehr unbekannt ist und in der das Frühstück aus Rührei mit "Mischbrot" besteht. Doch scheint es in der jüngeren deutschen Geschichte eine Frist zu geben, die Monate zwischen November 1989, der Öffnung der Grenzübergänge nach Westen, und Oktober 1990, in der dem Abenteuer, auf lebenstaugliches Maß geschrumpft, eine Art Reservat gewährt wird. Viele Romane gibt es mittlerweile, die von einer Zeit handeln, in der sich das Leben eines ganzen Staatsvolks so veränderte, wie es ansonsten nur in der Folge von Kriegen geschieht. In dieser Frist, in der eine alte Macht wankte und fiel, während die neue Macht ihre Herrschaft noch nicht antrat, taten sich offenbar Verhältnisse auf, in denen ein Einzelner einer ungeregelten, chaotischen Welt entgegenzutreten und sie nach seinem Willen zu verändern vermochte. Carl Bischoff indessen ist kaum von dieser Art. Das Abenteuer mag seine bunten Fahnen aufziehen, es mag sich auf den Häuserkampf vorbereiten und vorsorglich in festem Schuhwerk auftreten: Der Held dieses Romans wendet ihm den Rücken zu.

Dieser Held, ein junger Mann, gewesener Maurer, Soldat und Student, einer, der sich "verkrochen hatte vor der Welt", wird zu Beginn der Geschichte nach Hause gerufen, zu seinen Eltern, in einen Wohnblock in der Siedlung Langenberg. Dort verkehren sich zum ersten Mal die Verhältnisse: Denn auf den Weg, nach Westen, machen sich die Alten, während der Sohn zunächst das Erbe der Eltern antritt und in den Schalen einer abgelegten Lebensform zurückbleibt. Und als dann auch er aufbricht, nach Berlin und einer erst einmal nur diffusen Berufung folgend, trägt der unmögliche Abenteuer zwar lange Haare und Lederjacke. Auch ist er allein. Doch dann nimmt die Geschichte eine andere Wendung: Carl Bischoff kommt zu sich, halbwegs, als er Schaufel, Kelle und Loteisen in die Hand gedrückt bekommt: Ein Handwerker hatte sich im Herumtreiber verborgen gehalten, eine verlässliche, umsichtige und mehr oder minder ortsfeste Gestalt, deren Wirken deutliche Spuren hinterlässt. Ein Abenteurer hingegen zieht immer wieder aufs Neue los, in die unbekannten Tiefen des Raums, während hinter ihm die Zweige zusammenschlagen und die Welt bald aussieht, als hätte sie nie Besuch bekommen. Und doch scheint, bis weit über die Mitte des Romans hinaus, das Abenteuer im Rücken des Maurers zu warten.

Vom Handwerk in ungewissen Zeiten handelt, streng genommen, dieses Buch

Als Lutz Seiler, zunächst seiner Gedichte wegen berühmt geworden, im Jahr 2014 "Kruso" veröffentlichte, sein erstes großes Prosawerk, für das er dann den Deutschen Buchpreis erhielt, war bekannt, dass ihm ein erster, aufgegebener Versuch vorausgegangen war. Der neue Roman ist, nach allen Indizien zur urteilen, eben dieses zunächst gescheiterte, aber dann doch vollendete Werk. Tatsächlich sind die beiden Bücher eng miteinander verbunden, wobei die Geschichte des Romans "Kruso" der Handlung in "Stern 111" um ein gutes Jahr vorausgeht. Zwar schließen die Bücher nicht einander an. Doch scheinen die Helden beinahe Geschwister zu sein, wozu sich dann der Autor als dritter Bruder gesellt, auch er "geboren 1963 in Gera/Thüringen" (wie es über Carl Bischoff heißt). Auch er ist ein gelegentlich wandernder Handwerker, auch er ein Dichter, strebend nach dem gültigen Wort. Man sollte den Autor und den Helden nicht verwechseln. Aber es ist offenbar, dass der Autor seinem Helden oft und gründlich zur Seite stand, zum Beispiel als es darum ging, an einem alten Mercedes die Zylinderkopfdichtung zu wechseln.

Vom Handwerk in ungewissen Zeiten handelt, streng genommen, dieses Buch. "Die Welt erforderte Konzentration - und Geduld. Sie war wacklig, anfällig, von fragwürdiger Beschaffenheit, aber reparabel", lautet die Überzeugung des Vaters, eines universalen Mechanikers und Fachmanns für Computersprachen, den, in einer anderen ironischen Wendung der Geschichte, ausgerechnet seine handwerklichen Tugenden in die weite Welt tragen, während er selbst fast unveränderlich zu bleiben scheint. Eine "Auftragsarbeit" tue gut, erfährt Carl, "eine Aufgabe, konkret, mit Anfang und Ende". Das Handwerk, lernt der Leser mit dem Protagonisten, ist die Voraussetzung von allem. Ohne Handwerk und Heizung ist alles Pfusch. Wenn man etwas versteht, kann man es auch herstellen. Oder reparieren, vorausgesetzt, die Werkzeuge liegen gut in der Hand. Diese Regel gilt, wie sich nach einiger Zeit erweist, auch für die eigentliche Berufung Carls: für das Dichten. Denn das Buch "Stern 111" ist, wie auch schon "Kruso", ein Künstlerroman: Er erzählt davon, wie eine durch das Leben irrende Gestalt allmählich ihre Bestimmung erkennt und zu einem Poeten wird, der an einer Werkbank dichtet.

Das "gute Rudel", in dem Carl Bischoff nach seiner Ankunft in Berlin Aufnahme findet, besteht aus einer Gruppe junger Menschen, die sich selbst als Revolutionäre wahrnehmen und einige Häuser in Prenzlauer Berg besetzt halten: halbe Ruinen, Schuppen, Remisen, "eine Art Dschungel, in den der marode Seitenflügel ragt". Doch so abenteuerlich Umstände und Gesinnung wirken mögen: Der Übergang vom Outlaw zum Siedler ist fließend, und bald schon ist zu erkennen, dass es sich beim "Rudel" keineswegs um Gesetzlose handelt, sondern um eine Bande, in der feste Regel gelten.

Die Sterne sind schließlich die Musiker und ihre leuchtenden Lieder

Und je weiter die Überführung des wilden Ostens in die Verwaltung einer ostdeutschen Stadtguerilla voranschreitet, gebunden an den allmählichen Aufstieg eines alternativen Lokals namens "Assel" oder an den professionellen Verkauf von Fragmenten der Mauer, desto deutlicher wird auch, dass die ungeordneten Verhältnisse, in denen das Abenteuer zumindest als Möglichkeit noch einmal aufschien, in denen sich Handwerker selbst erfinden, Genossenschaften bilden und als Kolonisatoren in unerschlossenen oder an die Natur zurückgefallenen Gebieten wirken könnten, nur eine Art Insel gewesen sein können: eine Insel in der Zeit wie eine Insel im Raum, ähnlich wie es Hiddensee, eine Insel des zweiten Gesichts, in "Kruso" darstellte.

Aus der Differenz zwischen den historischen Ereignissen, die nicht nur eine Stadt, sondern die Welt verändern, und der Innenansicht eines im Grunde genommen kleinen Milieus, zieht dieser Roman seine Kraft. Er tut es umso mehr, als die Grenzen, an denen die Insel an den Rest der Welt stößt, kaum zu erkennen sind. Eine Art Meer, ein zwar durchlässiges, aber doch fast nicht zu überwindendes Element scheint das Milieu und die Welt zu trennen, mit der Folge, dass alles, was geschieht, aus Zeit und Raum gefallen zu sein oder ein Jenseits im Diesseits zu bilden scheint. Daher das Archaische oder "Indianische", das viele Gestalten annehmen, vom "Hirten" über die Ziege Dodo bis hin zum sowjetischen General, der zum Abschied sagt: "Wir ziehen ab, aber unsere Lieder werden bleiben." Daher auch das geheimnisvolle Kommen und Gehen, mit dem sich das Personal durch diesen Roman bewegt, als handle es nur bedingt mit eigenem Verstand und Willen, sondern als werde es gleichsam durch die Geschichte geschoben. Und daher vor allem die Nahsicht auf das Gegenständliche und eine Sprache, die jedem Ding etwas scheinbar Unmittelbares verleiht und alle Eindeutigkeit verweigert: Wer je wissen will, was geborstene Schamottsteine sind oder wie sich ein Matratzenfloß auflöst, wird es in diesem Buch erfahren.

Sterne ziehen über die Insel. Sie tun es nicht nur nachts, und manche von ihnen scheinen so nahe zu sein, dass sie sich beinahe festhalten lassen. Ein solcher Stern ist "Effi", die große, einzige und letztlich vergebliche Liebe Carl Bischoffs. Ein solcher Stern ist ein "großes, gültiges Gedicht", auch wenn es schließlich womöglich geschrieben wird. Ein solcher Stern ist das Kofferradio, die erste Anschaffung der Familie Bischoff (das gilt buchstäblich, denn das Gerät heißt "Stern 111"), mit dem sich im fernen Thüringen sogar AFN und Radio Luxemburg empfangen lässt. Und Sterne sind schließlich die Musiker und ihre Lieder, die immer häufiger aufleuchten, je mehr sich der Roman seinem Ende zuneigt: Element of Crime oder The Cure für Carl Bischoff, Bill Haley für den Vater.

Doch zu dieser Zeit gibt es die Insel schon nicht mehr, und der Roman hat sein Ende erreicht und, mehr noch: Er ist sich selbst historisch geworden. "Die wilden Zeiten sind vorbei, nicht wahr", sagt nun der dichtende Maurer (der nun längst ein nur noch gelegentlich mauernder Dichter ist) zur Ziege. Und das kluge Tier blickt ihn an: "Unschuldig, vertrauensvoll, so als wisse sie noch weniger als ich, wer das gerade gesagt haben könnte." Das Tier, versteht der Leser, kennt weder Sehnsucht noch Nostalgie. Dass der Roman, in dieser Hinsicht, die Ansichten der Ziege teilt, ist sein letzter und größter Vorzug.

Lutz Seiler: Stern 111. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 528 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 29.02.2020/luch
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