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Mafia-Fotografin Letizia Battaglia:Ihr Name ist Kampf

Shooting the Mafia

Ein Bild der Fotografin Letizia Battaglia aus den Gassen von Palermo.

(Foto: Letizia Battaglia/SWR/Lunar Pictures)

Bei den Blutbädern der Mafia in Sizilien war sie mit der Kamera zur Stelle. Eine Doku auf 3Sat würdigt die furchtlose italienische Fotografin Letizia Battaglia.

Von Carolin Gasteiger

Ihr Name lautet Kampf. Und selbst wenn es abgedroschen klingen mag: Auch Letizia Battaglias Leben gleicht einem Kampf. Die Sizilianerin, die sich selbst als "militante Fotografin" bezeichnet, hat jahrzehntelang die Verbrechen der sizilianischen Cosa Nostra für die kommunistische Tageszeitung L'Ora in Palermo dokumentiert. Jetzt ist sie selbst Gegenstand eines Dokumentarfilms - Kim Longinottos "Shooting the Mafia" lief auf 3Sat und ist aktuell in der Mediathek des Senders zu sehen.

Unter anderem fotografierte sie die Mafia-Morde an Piersanti Mattarella, Bruder des heutigen italienischen Präsidenten Sergio, sowie an einem Jungen, der sterben musste, weil er den Mord an seinem Vater mitbekam. Die Mafia tötete ihn, damit er keine Namen nennen konnte. Battaglia zeigt die Opfer, ohne vor Blutlachen oder zerschossenen Gesichtern zurückzuschrecken. Ihre Bilder sind schwarz-weiß - so wolle sie den Opfern trotz aller Brutalität Würde verleihen, erklärte sie dem Magazin Rolling Stone. Nun zeigt die ARD eine Dokumentation über die inzwischen 84-Jährige.

Zwar fotografiert Battaglia, 1935 in Palermo geboren, auch Alltagsszenen aus ihrer Heimatstadt, spielende Kinder, Familien in Armut, Straßenszenen. Aber die Bilder der Mafiaopfer sind ihre bekanntesten Arbeiten. Und die, die sie am meisten mitgenommen haben. Sie hadert mit ihnen, wolle sie am liebsten zerstören, wie sie zugibt. Und doch hört sie auch dann nicht auf zu fotografieren, als sie anonyme Morddrohungen erhält. "Mein Leben war ein Kampf, ohne dass ich mir dessen bewusst war."

Shooting the Mafia

Letizia Battaglia in ihrer Stadt, in der sie 1935 geboren wurde.

(Foto: SWR/Lunar Pictures)

Diesen Kampf zeichnet Shooting the Mafia nach, Battaglia erinnert sich vor der Kamera an früher, Archivaufnahmen von ihr belegen, wie entschlossen sie damals war, wie leidenschaftlich und engagiert. Als sie ihre eigenen Aufnahmen in dem von der Cosa Nostra kontrollierten Dorf Corleone ausstellt und auf einmal alle Bewohner in ihren Häusern verschwinden, sagt sie in einem Fernsehinterview: "Wir hatten Angst."

Aber die Dokumentation der britischen Filmemacherin Kim Longinotto beleuchtet auch Battaglias privaten Kampf. Hinter der Fotografin, zu der Battaglia erst mit 40 Jahren wurde, steckt eine Frau, die als Teenager heiratet, um der Kontrolle ihres Vaters zu entfliehen und feststellt, dass ihr Ehemann es nicht viel besser mit ihr meint. Sie verlässt ihn mit den Töchtern und findet schließlich im Engagement bei L'Ora zu sich selbst.

Sie war unkonventionell und mutig und liebte oft jüngere Männer

Diese mutige Fotografin und spätere Parlamentsabgeordnete der Grünen mit dem mal blonden, mal roten, mal pinken Pagenschnitt bietet Stoff genug für eine spannende Dokumentation. Aber Longinotto nimmt sich für Shooting the Mafia noch mehr vor. Will sie Battaglia doch auch von ihrer privaten Seite zeigen, als Femme fatale.

Shooting the Mafia

Foto eines Mafiamordes von Letizia Battaglia - das Schwarzweiß soll den Opfern eine Würde bewahren, sagt sie.

(Foto: Letizia Battaglia/SWR/Lunar Pictures)

Sie war oft mit viel jüngeren Männern zusammen und kämpfte auch hier gegen Konventionen. Longinotto räumt diesen Liaisons viel Platz ein, lässt frühere Liebhaber auftreten. Aber manche intimen Geständnisse am Esstisch und Umarmungen auf dem Bett erinnern eher an eine Kuppelshow für Senioren, wirken gekünstelt und deplatziert. Die Kindheits- und Jugenderinnerungen Battaglias illustriert die Filmemacherin mit Szenen italienischer Filme. Das mag kunstvoll gedacht sein, irritiert aber, weil Liebesszenen mit Silvana Mangano zu dem Schlager "Volare" das Porträt unnötig verkitschen.

Zumal diese persönlichen Einblicke in krassem Kontrast zum letzten Teil des Films stehen, in dem sich Battaglia an Palermos Anti-Mafia-Kampf in den Achtzigern erinnert. Ohne die Archivaufnahmen zum Maxi-Prozess 1986, in dem mehr als 400 Mafiosi angeklagt wurden, bliebe vieles ungeklärt im Raum. Aber Longinotto meint es ein wenig zu gut und verdrängt mit dem Filmmaterial von damals die Kommentare ihrer Protagonistin ins Off. "Shooting the Mafia" hätte sich dieser Kämpferin mit der Kamera, deren Bilder bis heute überzeugen, ruhig noch entschlossener widmen können.

Shooting the Mafia, US/Irland 2019 - Regie: Kim Loginotto. Musik: Ray Harman. Mit Letizia Battaglia. 94 Minuten. 3Sat Mediathek.

© SZ/kni
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