Lady Gaga Aus Kunst mach Pop

"Klatscht nicht! Tanzt auf keinen Fall zu diesem Song!" Im November soll Lady Gagas neues Album "Artpop" erscheinen. Im Vorfeld präsentiert sich die Sängerin zusammen mit Kunstfreunden und gibt ihrer Nacktheit endlich wieder eine Bedeutung.

Von Joachim Hentschel

Es ist wie auf den Partygesellschaften am Hof irgendwelcher Sonnenkönige. Bei den Preisverleihungsshows des Senders MTV geht es ja nicht um die öden Gewinner, sondern darum, über wen es danach am meisten zu reden und zu twittern geben wird. Und in der Hinsicht, das muss Lady Gaga jetzt leider mal hinnehmen, geht die letzte Runde an Miley Cyrus.

Am vergangenen Sonntag, bei den MTV Video Music Awards in New York, betrat die frühere Disney-Kinderprinzessin Cyrus im hautfarbenen Porno-Bikini die Bühne, beugte sich nach vorn, winkte ihrem Duettpartner mit dem Hintern. Die medienschlauen Zuschauer merkten sofort, dass das also jetzt der Moment war, über den sie reden und twittern sollten.

Im Fleischkleid aus dem Ei gestiegen

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Fleischbeschau

Lady Gaga hat in der Hinsicht auch schon blendend reüssiert, 2010 in einem Kleid aus frischem Fleisch. Oder 2011 bei den Grammys, als sie auf der Bühne aus einem überdimensionalen Ei stieg. Am Sonntag ging sie es dagegen vergleichsweise hochkulturell an. Sang zur Eröffnung der Zeremonie ihr neues Stück "Applause", vor einem Wald aus Pappblumen, den der Theatermonarch Robert Wilson ihr hingestellt hatte. Teenager-Websites analysierten hinterher allen Ernstes, welche Kunstwerke in der fünfminütigen Gaga-Choreografie zitiert worden waren: eine "Gazing Balls"-Statue von Jeff Koons, die Marilyn von Andy Warhol, zum Schluss Botticellis Venus, mit Muscheln über den Brüsten.

Gerade Lady Gaga hatte ja Anlass zur Hoffnung gegeben, es sei nun endlich vorbei mit dem doofen Fort-da-Spiel in den Karrieren von Popstars, den leidigen Platte-Interview-Tour-Verschwindibus-Ritualen. Weil sie seit 2009 so durchgängig präsent gewesen war, wie man es dank der auch nicht mehr ganz so neuen Kanäle nur sein kann. Lady Gaga, 27, New Yorkerin, eigentlich Stefani Germanotta, ist laut den nimmermüden Listenschreibern vom Forbes-Magazin derzeit die marktmächtigste Musikerin der Welt, die bestverdienende Entertainment-Prominente unter 30 (mit 80 Millionen Dollar Jahreseinkommen).

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Und unter den größeren Stars der Gegenwart die zweifellos strahlendste, riskanteste, diskurstauglichste Figur. Eine, bei der es absolut nicht egal ist, was sie als nächstes macht. Auf die alte Popkonvention greift sie nun dennoch zurück, sie hat für den 11. November ein neues Album namens "Artpop" angekündigt. Und sie lässt mit dem MTV-Auftritt und ihren diversen Videos derzeit die Aufregung wieder anschwellen, die sich zwischendurch dann doch gelegt hatte.

Am 1. September wird sie im London Roundhouse auftreten, ihr erstes richtiges Konzert seit Februar 2013, als sie die letzte Tour wegen einer Hüftverletzung abbrach. London, das könnte der Programm-Parteitag werden. "Swinefest" hat sie den Abend genannt, Schweineparty, und auf einem Plakatfoto sieht man Lady Gaga mit einer schaurigen Gasmaske aus Metall, die wie ein Ferkelkopf aussieht. Die Ähnlichkeit mit Damien Hirsts Kadaver-Installation "Pigs Must Fly" ist sicher keine Absicht, obwohl der Pappenheimer aus Bristol in diesem gewaltigen, auch gruseligen Pop-Art-Kommerz-Performance-Musik-Amalgam gerade noch gefehlt hätte.