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Geschlechterrollen:Vorbildliche weibliche Hauptfiguren sind selten besonders "weiblich"

Als Kind war mir zwar nie vollständig klar, was das Problem an Kleidern und Puppen sein sollte. Aber dass ich lieber George statt Anne sein sollte, um nicht als lahme Ente zu gelten, durchaus. Die Botschaft, dass eine gewisse Verachtung für das Häusliche und das sich Kümmern zu den Merkmalen eines unabhängigen Mädchens gehörte, kam an. Man kann sagen: Je wilder, "jungenhafter" eine Kinderbuchheldin, desto alberner und harmloser müssen die sie umgebenden, weniger wilden Protagonistinnen wirken.

Gerade Astrid Lindgren hat mit dieser Dialektik des Mädchentums gearbeitet: Ronja Räubertochter, die sich die Zuneigung Birks erwirbt, indem sie "gar nicht wie ein Mädchen" Mut beweist, und deren Mutter eigentlich nie etwas anderes tut, als dem Vater zu assistieren. Pippi Langstrumpf, das Urgeschöpf des freien Mädchens: Was wäre sie ohne die ängstliche Annika, deren Hauptaufgabe es ist, "Arme Pippi" zu sagen oder sich zu fürchten? Und warum sind sämtliche weibliche Fürsorgepersonen in den Langstrumpf-Büchern tot (die Mutter) oder aber überdrehte Hysterikerinnen (das Fräulein Prysselius)?

Blicke ich auf die Bücher, die mich als Mädchen beeindruckten, stelle ich fest: Weibliche Hauptfiguren, die mir als Schulkind vielleicht einfach nur besonders lustig, interessant und damit vorbildlich erschienen, hatten vor allem gemeinsam, nicht besonders weiblich zu sein. Das wäre an sich kein Problem. Aber die Erzählung, die davon ausgeht, dass "Weiblichkeit" - das Weiche, Häusliche - etwas ist, von dem man sich abgrenzen oder flüchten muss, bereitet den Boden für eine größere kulturelle Ambivalenz und latente Abwertung dieser Sphäre.

Klassiker verschmähen ist auch keine Lösung

Es gibt auch Gegenbeispiele: Wenige Kinderbücher haben bei mir so einen Eindruck hinterlassen wie "Anne auf Green Gables", die Romanreihe über ein liebenswürdiges, mutiges und besonders freies Waisenmädchen, dessen beste Freundin ein supersanftes Küken ist.

Die Mischung aus Abhängigkeit und Abneigung, die so viele Menschen gegenüber den Frauen in ihrem Leben empfinden, das, was die Philosophin Kate Manne als "die Logik der Misogynie" bezeichnet hat - man fragt sich doch manchmal, warum all das sich so hartnäckig hält. Die Antwort könnte auch in einer frühen kulturellen Prägung liegen, die in den besten Absichten geschieht. Kinderbuchklassiker zu verschmähen ist darauf natürlich nicht die angemessene Reaktion. Die eigenen Lieblinge genauer anzusehen, möglicherweise schon.

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