Süddeutsche Zeitung

Geschlechterrollen:Bloß nicht wie ein Mädchen sein

Was Pippi Langstrumpf und Annika mit der Abwertung von Weiblichkeit zu tun haben.

Neulich habe ich meinem siebenjährigen Sohn ein Buch gekauft. Es heißt "Billionen Boy" und ist von David Walliams, einem britischen Autor, und es war ein Fehler. Ich erwähne es nur, weil mir bei Kapitel 15 dieses lieblosen, detailarmen und wenig spannenden Flickwerks plumper Sprachspiele so klar wurde wie nie zuvor, dass eine Aversion gegen das Weibliche so beiläufig zur Kinderbuchliteratur gehört wie geheime Zauberkräfte oder sprechende Tiere. Das gilt auch für das klassische, hochwertigere Segment. Und es gilt seltsamerweise oft genug gerade für solche Werke, die klassische Rollenzuschreibungen auf den ersten Blick infrage stellen.

Inzwischen glaube ich, dass mich diese Ablehnung mindestens genauso stark beeinflusst hat wie alle unkonventionellen, wilden, abenteuerlustigen Protagonistenmädchen: zunächst als lesendes Kind in der Entwicklung einer Geschlechteridentität und inzwischen als lesende Mutter, die glaubt, "Jungsbücher" für ihren Zweitklässler auftreiben zu müssen, damit er sich angesprochen fühlt.

Ausgesucht hatte ich das falsche Buch, weil ich mit meinem Sohn ein zeitgenössisches, englischsprachiges (Migrationshintergrund) und altersgemäßes Buch lesen wollte, in dem ein Junge die Hauptrolle spielt, der sich nicht als verbissener Fußballer oder Hobby-Detektiv betätigt. Der Billionen-Junge ist der zwölfjährige Joe, der mit seinem neureichen Vater abgeschottet in einer Villa lebt. Joe hat keine Freunde, er ist übergewichtig und emotional verwahrlost. Seine Mutter hat sich nach einer lukrativen Scheidung von seinem Vater getrennt und ward nie wieder gesehen. Sein Vater geht seitdem mit Erotik-Models aus, die nur hinter seiner Kohle her sind und in Joe einen Störenfried sehen. Und Joe verliebt sich in ein Mädchen, von dem sich herausstellt, dass es dafür bezahlt wurde, ihm Gesellschaft zu leisten, eine Art Escort-Schulkind. Die Moral von der Geschicht: Echte Freunde kauft man nicht - und sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Männer.

Alle negativen Eigenschaften werden in dieser Geschichte von weiblichen, die positiven von männlichen Figuren verkörpert.

Draufgängerinnen brauchen weiche Weiblichkeit als Kontrast

Die Monokultur der geschlechtsspezifischen Erzählwelten ist ein Problem der Kinderbuchlandschaft. Subtile Misogynie ist ein anderes, ungleich schwerer darstellbares: Dass eine Frau meistens ein Problem ist, oder im besten Fall zu der Lösung eines Problems kaum etwas beizutragen hat, gehört zu den Geschichten, die sich die Menschheit offenbar nicht oft genug erzählen kann. Der narrative Urstoff der westlichen Zivilisation (Mythen, Bibel) kennt vor allem Frauen, die Männer entweder zu Dummheiten oder Gewalt anstiften, wehrlose Opfer sind oder klammernde, Grenzen setzende Mütter.

Dass seither viele neue Geschichten dazugekommen sind, steht außer Frage. Und gerade die Kinderbuchliteratur des 20. Jahrhunderts hat bei aller Kritik sehr viele "starke Mädchen" hervorgebracht. Doch deren Draufgängerinnentum und Willensstärke bedarf, wenn man es genau besieht, viel zu oft der Kontrastfolie der weichen, überzeichneten Weiblichkeit, um ihre Anziehung zu entfalten. Das ist insbesondere in der Literatur der Fall, die schon älter ist, aber bis heute gelesen wird.

Nehmen wir die "Fünf Freunde": Zwei Mädchen, zwei Jungs und ein Hund, die in zahlreichen Bänden an der frischen Luft spannende Geheimnisse aufdecken. Während die beiden Jungen, Brüder, sich durch Charaktereigenschaften unterscheiden (der Besonnene und der Witzbold), ist das Distinktionsmerkmal der Mädchen die Gender Performance: Georgina will nur George genannt werden, weil sie ihren Namen und alles, was Mädchen anziehen und spielen, "hasst". Anne ist ein sanftes, patentes Wesen, das mit Puppen spielt und sich darum kümmert, dass es genug zu essen gibt und es ordentlich im Zelt ist.

Vorbildliche weibliche Hauptfiguren sind selten besonders "weiblich"

Als Kind war mir zwar nie vollständig klar, was das Problem an Kleidern und Puppen sein sollte. Aber dass ich lieber George statt Anne sein sollte, um nicht als lahme Ente zu gelten, durchaus. Die Botschaft, dass eine gewisse Verachtung für das Häusliche und das sich Kümmern zu den Merkmalen eines unabhängigen Mädchens gehörte, kam an. Man kann sagen: Je wilder, "jungenhafter" eine Kinderbuchheldin, desto alberner und harmloser müssen die sie umgebenden, weniger wilden Protagonistinnen wirken.

Gerade Astrid Lindgren hat mit dieser Dialektik des Mädchentums gearbeitet: Ronja Räubertochter, die sich die Zuneigung Birks erwirbt, indem sie "gar nicht wie ein Mädchen" Mut beweist, und deren Mutter eigentlich nie etwas anderes tut, als dem Vater zu assistieren. Pippi Langstrumpf, das Urgeschöpf des freien Mädchens: Was wäre sie ohne die ängstliche Annika, deren Hauptaufgabe es ist, "Arme Pippi" zu sagen oder sich zu fürchten? Und warum sind sämtliche weibliche Fürsorgepersonen in den Langstrumpf-Büchern tot (die Mutter) oder aber überdrehte Hysterikerinnen (das Fräulein Prysselius)?

Blicke ich auf die Bücher, die mich als Mädchen beeindruckten, stelle ich fest: Weibliche Hauptfiguren, die mir als Schulkind vielleicht einfach nur besonders lustig, interessant und damit vorbildlich erschienen, hatten vor allem gemeinsam, nicht besonders weiblich zu sein. Das wäre an sich kein Problem. Aber die Erzählung, die davon ausgeht, dass "Weiblichkeit" - das Weiche, Häusliche - etwas ist, von dem man sich abgrenzen oder flüchten muss, bereitet den Boden für eine größere kulturelle Ambivalenz und latente Abwertung dieser Sphäre.

Klassiker verschmähen ist auch keine Lösung

Es gibt auch Gegenbeispiele: Wenige Kinderbücher haben bei mir so einen Eindruck hinterlassen wie "Anne auf Green Gables", die Romanreihe über ein liebenswürdiges, mutiges und besonders freies Waisenmädchen, dessen beste Freundin ein supersanftes Küken ist.

Die Mischung aus Abhängigkeit und Abneigung, die so viele Menschen gegenüber den Frauen in ihrem Leben empfinden, das, was die Philosophin Kate Manne als "die Logik der Misogynie" bezeichnet hat - man fragt sich doch manchmal, warum all das sich so hartnäckig hält. Die Antwort könnte auch in einer frühen kulturellen Prägung liegen, die in den besten Absichten geschieht. Kinderbuchklassiker zu verschmähen ist darauf natürlich nicht die angemessene Reaktion. Die eigenen Lieblinge genauer anzusehen, möglicherweise schon.

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Quelle:
SZ vom 12.01.2019/khil
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