bedeckt München 26°

Geschlechterrollen:Bloß nicht wie ein Mädchen sein

Wilde, interessante Kinderbuch-Mädchen wollen mit dem, was Mädchen normalerweise so machen, wenig zu tun haben.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Was Pippi Langstrumpf und Annika mit der Abwertung von Weiblichkeit zu tun haben.

Neulich habe ich meinem siebenjährigen Sohn ein Buch gekauft. Es heißt "Billionen Boy" und ist von David Walliams, einem britischen Autor, und es war ein Fehler. Ich erwähne es nur, weil mir bei Kapitel 15 dieses lieblosen, detailarmen und wenig spannenden Flickwerks plumper Sprachspiele so klar wurde wie nie zuvor, dass eine Aversion gegen das Weibliche so beiläufig zur Kinderbuchliteratur gehört wie geheime Zauberkräfte oder sprechende Tiere. Das gilt auch für das klassische, hochwertigere Segment. Und es gilt seltsamerweise oft genug gerade für solche Werke, die klassische Rollenzuschreibungen auf den ersten Blick infrage stellen.

Inzwischen glaube ich, dass mich diese Ablehnung mindestens genauso stark beeinflusst hat wie alle unkonventionellen, wilden, abenteuerlustigen Protagonistenmädchen: zunächst als lesendes Kind in der Entwicklung einer Geschlechteridentität und inzwischen als lesende Mutter, die glaubt, "Jungsbücher" für ihren Zweitklässler auftreiben zu müssen, damit er sich angesprochen fühlt.

Literatur Rosa Bücher, blaue Bücher
Geschlechterrollen

Rosa Bücher, blaue Bücher

Federleichte Feen und starke Piraten: Eine SZ-Datenrecherche zeigt, dass Kinderbücher immer noch voller Geschlechterklischees stecken.

Ausgesucht hatte ich das falsche Buch, weil ich mit meinem Sohn ein zeitgenössisches, englischsprachiges (Migrationshintergrund) und altersgemäßes Buch lesen wollte, in dem ein Junge die Hauptrolle spielt, der sich nicht als verbissener Fußballer oder Hobby-Detektiv betätigt. Der Billionen-Junge ist der zwölfjährige Joe, der mit seinem neureichen Vater abgeschottet in einer Villa lebt. Joe hat keine Freunde, er ist übergewichtig und emotional verwahrlost. Seine Mutter hat sich nach einer lukrativen Scheidung von seinem Vater getrennt und ward nie wieder gesehen. Sein Vater geht seitdem mit Erotik-Models aus, die nur hinter seiner Kohle her sind und in Joe einen Störenfried sehen. Und Joe verliebt sich in ein Mädchen, von dem sich herausstellt, dass es dafür bezahlt wurde, ihm Gesellschaft zu leisten, eine Art Escort-Schulkind. Die Moral von der Geschicht: Echte Freunde kauft man nicht - und sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Männer.

Alle negativen Eigenschaften werden in dieser Geschichte von weiblichen, die positiven von männlichen Figuren verkörpert.

Draufgängerinnen brauchen weiche Weiblichkeit als Kontrast

Die Monokultur der geschlechtsspezifischen Erzählwelten ist ein Problem der Kinderbuchlandschaft. Subtile Misogynie ist ein anderes, ungleich schwerer darstellbares: Dass eine Frau meistens ein Problem ist, oder im besten Fall zu der Lösung eines Problems kaum etwas beizutragen hat, gehört zu den Geschichten, die sich die Menschheit offenbar nicht oft genug erzählen kann. Der narrative Urstoff der westlichen Zivilisation (Mythen, Bibel) kennt vor allem Frauen, die Männer entweder zu Dummheiten oder Gewalt anstiften, wehrlose Opfer sind oder klammernde, Grenzen setzende Mütter.

Dass seither viele neue Geschichten dazugekommen sind, steht außer Frage. Und gerade die Kinderbuchliteratur des 20. Jahrhunderts hat bei aller Kritik sehr viele "starke Mädchen" hervorgebracht. Doch deren Draufgängerinnentum und Willensstärke bedarf, wenn man es genau besieht, viel zu oft der Kontrastfolie der weichen, überzeichneten Weiblichkeit, um ihre Anziehung zu entfalten. Das ist insbesondere in der Literatur der Fall, die schon älter ist, aber bis heute gelesen wird.

Nehmen wir die "Fünf Freunde": Zwei Mädchen, zwei Jungs und ein Hund, die in zahlreichen Bänden an der frischen Luft spannende Geheimnisse aufdecken. Während die beiden Jungen, Brüder, sich durch Charaktereigenschaften unterscheiden (der Besonnene und der Witzbold), ist das Distinktionsmerkmal der Mädchen die Gender Performance: Georgina will nur George genannt werden, weil sie ihren Namen und alles, was Mädchen anziehen und spielen, "hasst". Anne ist ein sanftes, patentes Wesen, das mit Puppen spielt und sich darum kümmert, dass es genug zu essen gibt und es ordentlich im Zelt ist.