"First Cow" bei Mubi:Vom Stehlen und Tauschen

FIRST COW 2019 de Kelly Reichardt Orion Lee John Magaro. Allyson Riggs - A24 - IAC Films - Film Science PUBLICATIONxINxG

Sie wollen nicht schießen, sondern Krapfen backen: Orion Lee und John Magaro in "First Cow".

(Foto: Allyson Riggs/Imago)

"First Cow" ist ein etwas anderer Western über Freundschaft und Gleichberechtigung, ohne die üblichen Revolverspielchen.

Von Martina Knoben

Cookie (John Magaro) ist der wohl sanftmütigste Mensch, der je durch einen Western stapfte. Als er beim Pilzesammeln einen Salamander auf dem Rücken entdeckt, dreht er ihn vorsichtig um. Und er hilft auch dem nackten Chinesen, der nachts vor ihm im Busch auftaucht. Cookie arbeitet für eine Truppe von Pelztierjägern als Koch, im wilden Oregon des frühen 19. Jahrhunderts. Das ist nicht so ganz seine Welt. Er schmückt lieber mit selbstgepflückten Blumen die Hütte eines Freundes. Faustschläge verteilt Cookie eher nicht.

Seitdem viele Unternehmen diverser sein wollen, werden dort mehr oder weniger besorgt Köpfe gezählt: Sind genug Frauen an Bord? People of Color? Der Film "First Cow" (ab 9. Juli beim Streamingdienst Mubi) ist ein in vielfacher Hinsicht "diverser", feministischer Western, in dem trotzdem fast keine Frauen und auch nur wenige PoCs auftreten. Kelly Reichardt, Regisseurin unter anderem von "Wendy und Lucy" (2008) und "Meek's Cutoff" (2010), ist der rein rechnerischen Gleichstellung schon einen Schritt voraus.

"First Cow" ist ihr zweiter Western, und es ist bezeichnend, welche Standardsituationen und -motive dieses "männlichen" Genres die Regisseurin nicht interessieren. In einer Szene nimmt Cookie einen Drink im Saloon, in dem zwei Männer Streit anfangen. Einer drückt Cookie ein Baby in den Arm, er soll darauf aufpassen, während sich die Kerle draußen prügeln. Die Kamera folgt üblicherweise der Action, Reichardt aber bleibt bei Cookie, der versucht, den Säugling zu beruhigen, während vor dem Fenster unscharf die sich prügelnden Männer zu sehen sind. Was für ein überflüssiges Ritual, scheinen Kamera und Schnitt zu kommentieren.

Die Pioniere sind armselige Gestalten in urwaldähnlichen Landschaften

Neben Cookie ist ein weiterer Mann im Saloon geblieben: King-Lu (Orion Lee), der junge Chinese, den Cookie gerettet hat. Die beiden wechseln nur wenige Worte, dann zieht Cookie wie selbstverständlich zu ihm in dessen bescheidene Hütte. Die Rollen sind klar verteilt: Während King-Lu Feuerholz hackt, greift Cookie zum Besen, dann pflückt er ebenso wortlos Blumen und schmückt das gemeinsame Heim.

Es gibt, anders als etwa in "Brokeback Mountain", keine Sexszene, ja nicht mal eine körperliche Annäherung. Und doch schwingt Liebe mit bei dieser Männerfreundschaft. Ein selbstloses Aneinandergebundensein.

Vor dem Hintergrund des unzivilisierten Landes mit seinen oft brutalen und nur auf den eigenen Vorteil bedachten Siedlern wirkt die Freundschaft von Cookie und King-Lu so unpassend wie die Kuh, die - als erste überhaupt - in die Gegend kommt. "Kühe gehören nicht hierher", findet einer. "Weiße Männer auch nicht", kontert ein anderer.

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Fürs Backen braucht man auch im Wilden Westen Milch - dummerweise ist nur eine einzige Kuh in der Nähe. Der Film "First Cow".

(Foto: Allyson Riggs/Imago)

Im Western, diesem amerikanischen Urgenre, wird immer wieder der Prozess der Zivilisierung verhandelt, welche Mythen und Wertvorstellungen die Pioniere etablieren, während sie die frontier Richtung Westen verschieben. In "Meek's Cutoff" schilderte Reichardt diesen Prozess als quälende Odyssee, aber auch als eine Reise ins Offene. "First Cow" ist ähnlich illusionslos: Die Pioniere sind armselige Gestalten in urwaldähnlichen Landschaften; ihre Siedlung ist eine Ansammlung von Bretterbuden. Ausstattung und Kostüme von "First Cow" wirken authentisch, sie sind bemerkenswert, ein Statement für sich. "Die Geschichte ist hier noch nicht mal angekommen", sagt King-Lu einmal. "Aber diesmal sind wir früh dabei. Wir können sie gestalten, wie wir wollen."

Er ist der scheinbar cleverere der Freunde, redegewandt und voller Ideen, während Cookie melancholisch und versponnen ist. Ein Künstlertyp: Weil er das übliche Brot aus Mehl und Wasser leid ist, backt Cookie für sich und seinen Freund in Öl frittierte Küchlein. King-Lu macht daraus eine Geschäftsidee. Und die feinen Krapfen, die die Pioniere an ihre Heimat erinnern, werden ihnen förmlich aus der Hand gerissen. Es ist der American Dream, den King-Lu träumt. Das einzige Problem ist, dass in den Teig für ihr Gebäck Milch gehört - die die Freunde von der einzigen Kuh weit und breit stehlen müssen.

"First Cow" ist auch ein Statement dazu, wie man den Westen anders hätte besiedeln können

Neben der Freundschaftsgeschichte erzählt "First Cow" vom Frühkapitalismus, den Gesetzen des Marktes, Angebot und Nachfrage, wie man Mehrwert erzielt - alles das lässt sich beim Krapfenverkauf leicht nachvollziehen. Schon vorher hatte Reichardt die Siedlung als Handelsplatz charakterisiert: Immerzu wird gefeilscht, gekauft und verkauft. Und es ist ja auch ein zivilisatorischer Fortschritt, dass niemand mehr erschlagen wird, weil er gute Stiefel trägt oder wunderbar schmeckende Küchlein bei sich trägt.

Die Welt ist noch jung - aber King-Lu hat unrecht, wenn er glaubt, dass noch alles möglich ist. Chief Factor (Toby Jones), dem die Kuh und vermutlich ein Großteil des Landes im Umfeld der Siedlung gehören, ist die gleichzeitig kultivierteste und barbarischste Figur des Films. Cookies Küchlein lässt er sich auf der Zunge zergehen und faselt von der Pariser Mode. Umso erschreckender ist die Grausamkeit, wenn er Überlegungen über die Schwere einer Körperstrafe zur Rechenaufgabe macht: Bei einem älteren Arbeiter dürfe die Strafe ruhig so hoch ausfallen, dass sie den Mann zum Krüppel macht, weil die Abschreckung mehr wert sei als der Wert des Mannes als Arbeitskraft. Während er diese gefühllose Rechnung präsentiert, vollführt die Kamera eine Kreisfahrt um ihn, zeigt sein elegant eingerichtetes Heim, bis dem Zuschauer schwindelig wird. Es ist die Logik des Kapitalismus, die Reichardt formuliert.

Die Regeln und Machtverhältnisse in dieser noch jungen Welt sind die alten geblieben. "First Cow" ist auch ein Statement, wie man es anders hätte machen können. Nicht nur die Freunde leben es vor, auch Cookie im Umgang mit der Kuh, wenn er sie nachts heimlich melkt. Es sind fast lyrische Momente, wenn er ganz sanft und voller Respekt mit ihr spricht und die ebenfalls sanftäugige Kuh, so scheint es, ihm Milch schenkt - die Alternative zu stehlen und tauschen.

First Cow, USA 2019 - Regie: Kelly Reichardt. Buch: Jon Raymond, K. Kelly Reichardt. Kamera: Christopher Blauvelt. Schnitt: Kelly Reichardt. Mit: John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, Ewen Bremner, Scott Shepherd. Ab 9. Juli bei Mubi, 122 Minuten.

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