Neu in Kino & Streaming:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Neu in Kino & Streaming: Nicht alles ist mehr Handarbeit, aber die Hühner sind immer noch aus Knete: Szene aus "Chicken Run: Operation Nugget" von Aardman Animation.

Nicht alles ist mehr Handarbeit, aber die Hühner sind immer noch aus Knete: Szene aus "Chicken Run: Operation Nugget" von Aardman Animation.

(Foto: Netflix)

Die Knethühner von "Chicken Run" starten eine "Mission Impossible", und der berühmte Maler Edvard Munch vervierfacht sich. Die Starts der Woche in Kürze.

Von Johanna Adorján, Nicolas Freund, Sofia Glasl, Fritz Göttler, Josef Grübl, Martina Knoben und Annett Scheffel

791 km

Josef Grübl: 791 Kilometer beträgt die Distanz zwischen der südlichsten und nördlichsten Metropole der Republik, zwischen München und Hamburg. Da die Bahn ausfällt (was nicht nur in Zeiten von Streiks vorkommt), teilen sich fünf Menschen ein Taxi. Doch die Lage darin eskaliert bereits vor der ersten Pinkelpause. Tobi Baumann legt eine Mischung aus Kammerspiel und Roadmovie vor und vertraut dabei auf Stars wie Iris Berben, Joachim Król oder Nilam Farooq. Alle haben eine Backstory, alle kriegen ihren großen Auftritt. Was etwas schematisch ist und den Film nicht unbedingt überraschender macht, am Ende aber immerhin versöhnlich.

All eure Gesichter

Martina Knoben: Ein Film über "Restaurative Justice", so heißen Programme, die Verbrechensopfer und Täter in begleiteten Gesprächsgruppen zusammenbringen. Jeanne Herry inszeniert die Begegnungen mit einem prominenten Ensemble, darunter Adèle Exarchopoulos aus "Blau ist eine warme Farbe" und Miou-Miou. Das Drehbuch ist präzise, die Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt von Opfern und Tätern wirken authentisch. So gelingt ein überzeugendes Plädoyer für die in Deutschland unbekannte Form der Trauma-Bewältigung und Resozialisierung, für die Überwindung von Fronten überhaupt: Es hilft, miteinander zu reden.

Chicken Run: Operation Nugget

Sofia Glasl: Das britische Animationsstudio Aardman trotzt dem CGI-Zeitalter wacker mit handgemachten Welten aus Plastilin und augenzwinkernden Filmbezügen. Wie Steve McQueen in "Gesprengte Ketten" flohen die rennenden Hennen vor 23 Jahren von einer Farm. In der Fortsetzung gerät nun ein forsches Küken aus der autarken Hühner-Enklave in eine Fast-Food-Fabrik - und die Familie muss eine "Mission Impossible" einleiten. Auch wenn nicht mehr alles am Film von Sam Fell Handarbeit ist, lebt "Chicken Run: Operation Nugget" von den charmanten Knethühnern. Mit (Über-)Biss, Strickmützen und MacGyver-Fähigkeiten geben sie alles für Familie, Freundschaft und Freiheit. (Netflix)

Eileen

Nicolas Freund: Ihr eigener, alkoholabhängiger Vater sagt, sie rieche wie ein überfahrenes Tier. Die anderen Frauen im Gefängnis für kriminelle Jugendliche, wo sie arbeitet, haben nur Spott für sie übrig. Die junge Eileen (Thomasin McKenzie) flüchtet sich in Sex- und Gewaltfantasien. Bis im Gefängnis die neue Psychologin Rebecca (Anne Hathaway) anfängt: Sie ist wunderschön, klug und selbstbewusst - alles, was Eileen auch gerne wäre. Schon durch ihre bloße Anwesenheit scheint nun alles möglich zu sein. 2015 mischte die amerikanische Schriftstellerin Ottessa Moshfegh mit ihrem Roman "Eileen" den Literaturbetrieb auf. Da war eine junge Frau, die von einer anderen jungen Frau erzählte, beide wollten so gar nicht in das Klischee vom hübschen, braven Mädchen passen, dem die Branche sonst nachjagt. Regisseur William Oldroyd trifft den zynischen und ironischen Ton der Vorlage, fügt ihr aber auch noch etwas Neues hinzu. Ein Film zum laut Auflachen und Zusammenzucken, manchmal in derselben Szene.

The Family Plan

Annett Scheffel: Apple TV setzt für sein Weihnachtsprogramm auf einen Genre-Mix aus Actionthriller und Familienkomödie. Mark Wahlberg spielt einen Vorstadtvater, der sich zwischen Wickeltischalltag und den Feinheiten moderner Elternschaft ganz gut schlägt, bis ihn sein altes Leben als Elitekiller einholt. Was folgt, ist ein Roadtrip wie einst in den "Griswold"-Filmen, halb modernisiert, und Spionage-Action. Eine Schnittstelle, an der sich zumindest Wahlberg wohlzufühlen scheint. Aber so sehr Regisseur Simon Cellan Jones das alles zu schnittigem Unterhaltungskino zu vermischen versucht - Windelhumor und fröhliches Rumgeballere bleiben irgendwie unoriginell und unpassend. (Apple TV+)

Kinder des Zorns

Fritz Göttler: Weite Maisfelder, wogend im Wind wie ein Meer. Und die Kinder in dem kleinen Kaff irgendwo in Nebraska treiben ein eigenes Spiel, sie lassen andere über die Planke gehen ... dann beschließen die Erwachsenen - ihre Eltern, Sheriff, Pfarrer - einstimmig, die von chemischen Düngemitteln verseuchten Felder zu zerstören und die staatliche Prämie dafür zu kassieren. Einstimmig? Ihr habt uns nicht gefragt, sagen die Kids. Die alte Geschichte von Stephen King, nicht zum ersten Mal ins Kino gebracht, kriegt in den Fridays-for-Future-Tagen eine neue Schärfe. Der Film entstand bereits 2020, kommt erst dieses Jahr in die Kinos. Kurt Wimmer (Drehbuch für "Expend4bles", "The Beekeeper" mit Jason Statham) inszeniert ein kleines Exempel von Hinterland-Horror, über eine kleine Revolte, die wie auch manche große historische in bösen blutigen Terror umschlägt. Das Motto: Nichts stirbt wirklich im Maisfeld.

Life is not a competition, but I'm winning

Fritz Göttler: Es geht ums Laufen in diesem Film, darum schnell zu sein, schneller zu sein. Denn die Sieger schreiben die Geschichte ... Im Sport wird die Trennung der Geschlechter besonders rigoros geprüft und geregelt. Die Olympischen Spiele, diese Fabrik für Heroen, waren lange eine (Weiße-)Männer-Veranstaltung, erst 1928 gab es erstmals Wettkämpfe mit Frauen. Und wurden gleich wieder abgeschafft, weil beim 800-Meter-Lauf eine der Frauen im Ziel zusammenbrach. Weibliche Athleten seien gegen die Natur, hatte schon Pierre de Coubertin erklärt, der Vater der modernen Spiele. Das alles ist manchmal zum Lachen, oft zum Weinen. Julia Fuhr Mann macht in ihrem Film eine Zeitreise zu Frauen, die mit ihren Läufen Sportgeschichte schrieben wie Stella Walsh oder Wilma Rudolph. Mit dabei ist Amanda Reiter, eine trans Marathonläuferin. Und eine kleine queere Athletentruppe, deren Körper und Geist die Kamera zum Leuchten bringt: So there we are ... continuing to run, continuing to live.

Munch

Johanna Adorján: Ein Film mit vielen rätselhaften Ideen. Es wird darin aus dem Leben des berühmten norwegischen Malers Edvard Munch ("Der Schrei") erzählt, in vier unterschiedlichen Epochen seiner Biografie, mit unterschiedlichen Schauspielern und filmischen Mitteln. Der junge Munch wirkt wie aus einer Skandinavien-Schmonzette, den Künstler Munch sieht man beim Raven im heutigen Berlin, im Alter wird Munch von einer Frau gespielt, ohne dass man verstünde, warum. Ein Film, in dem man nichts über Munch erfährt, aber viel über den Regisseur Henrik Martin Dahlsbakken, der gerne auf allen möglichen filmischen Klaviaturen spielt.

Silent Night - Stumme Rache

Sofia Glasl: Der Godfather des Actionfilms kehrt aus Hongkong in die USA zurück: John Woo, ohne dessen stilprägende Filme es Keanu Reeves' todschicken Killer John Wick nicht gäbe und auch Michael Manns Ballerballett "Heat" anders aussehen würde. Statt technisch weiter aufzurüsten, dreht Woo ein reduziertes Rachedrama nahezu ohne gesprochene Dialoge. "Silent Night" ist als moderner Action-Stummfilm konzipiert: Nachdem sein Sohn vom Querschläger einer Bandenschießerei getötet wurde und er selbst keine Stimme mehr hat, geht ein Familienvater methodisch auf Rachefeldzug. Die Prämisse ist so einfach wie experimentell, verheddert sich dann jedoch in melodramatischen Bildern und überbordender Musik.

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