Neu in Kino & Streaming:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Neu in Kino & Streaming: Ist Captain Faggotron der Richtige, um die Ordnung der Geschlechter wiederherzustellen?

Ist Captain Faggotron der Richtige, um die Ordnung der Geschlechter wiederherzustellen?

(Foto: Salzgeber)

Julia Roberts und Ethan Hawke sind im Digital Detox, und in "Captain Faggotron Saves the Universe" erlebt das Universum sein Coming-out. Die Starts der Woche in Kürze.

Von Fritz Göttler, Josef Grübl, Kathleen Hildebrand, Doris Kuhn, Philipp Stadelmaier, Anna Steinbauer, David Steinitz, Anke Sterneborg und Susan Vahabzadeh

BlackBerry

Anke Sterneborg: Um die Jahrtausendwende herrscht lebendig flirrende Aufbruchstimmung im Kreativ-Biotop der Tech-Nerds, die das erste Telefon erfinden wollen, mit dem man kostenfrei auch Kurznachrichten verschicken kann. Basierend auf dem 2015 erschienenen Sachbuch "Losing the Signal", rollt der Kanadier Matt Johnson als Regisseur und Hauptdarsteller (neben Jay Baruchel) mit dem Blackberry eine weitere irrwitzige Start-up-Geschichte auf. Bei den Tüftlern tauchen bald die Big-Business-Manager auf dem Bürospielplatz auf, plötzlich geht es nicht mehr um Ideen, Ideale und kreatives Chaos, sondern um Effizienz und Gewinn. Gespickt mit Popkultur-Zitaten, bewegt sich "BlackBerry" wie alles, was der Kanadier anpackt, auf einem schmalen Grat zwischen Doku und Fiktion.

Captain Faggotron Saves the Universe

Doris Kuhn: Sir Gaylord, ein Pfarrer, fürchtet die eigenen schwulen Begierden. Zudem hat er letztens im Darkroom einen Zauberring verloren, der die Welt verwandeln kann - in einen Ort, an dem die Homosexualität regiert. Also wird Captain Faggotron alarmiert, der dann durch Harvey Rabbits Mix aus Coming-out-Drama, Fantasy-Trash und kinky Erotik stolziert, großartig gestylt in regenbogenbuntem Spandex. Wer, wenn nicht er, sollte den Planeten retten! Die Frage ist bloß: Will er das überhaupt?

The Dive

Fritz Göttler: Zwei Schwestern, May und Drew, unterwegs an eine einsame Küste in Malta. Sie wollen gemeinsam tauchen gehen wie in der Jugend, "zurück in die Gebärmutter". Ein jährliches Ritual, sie wirken einander entfremdet: Willst du das überhaupt noch? Dann klemmt ein Felsbrocken in dreißig Meter Wassertiefe einer der beiden den Fuß ein, die andere muss versuchen, sie zu befreien. Ein kleiner Suspense-Genrefilm von Maximilian Erlenwein, mit kluger Schnörkellosigkeit inszeniert. Der Kofferraumdeckel des Autos lässt sich nicht öffnen, ein Boot am Horizont reagiert nicht auf Hilferufe, ein Luftschlauch ist undicht. Die Einsamkeit im Dunkel unter Wasser korrespondiert mit einer Einstellung von weit oben auf die andere Schwester, die sich verzweifelt und erschöpft auf den Felsen hat sinken lassen.

Falling into Place

Anke Sterneborg: Anfangs, auf der Isle of Skye, fliegen die Teile, vom rauen Küstenwind verweht, noch lose herum. Eine schwerelose Nacht lang lassen sich die beiden Thirtysomethings Kira (Aylin Tezel) und Ian (Chris Fulton) aus ihrem stagnierenden Liebes- und Künstlerleben in einen intensiven Flirt fallen, um dann wieder auseinanderzudriften. Danach lässt Aylin Tezel die beiden Lebensgeschichten in ihrem englischsprachigen Regiedebüt nur parallel laufen, sie beweist dabei ein feines Gespür für flüchtige Gefühle, die sich in den Stimmungen der schottischen Landschaften und der Londoner Metropole spiegeln, steuert die Geschichte des Haderns und Zweifelns aber ein bisschen zu forciert auf die Lösungen der Probleme zu.

Fast perfekte Weihnachten

Philipp Stadelmaier: Da die Kinder an Heiligabend nicht kommen, lädt Weihnachtsfreak Vincent (Franck Dubosc) zwei wilde Damen aus dem Altenheim zu sich nach Hause ein. Fremde statt Familie, Wolfsbarsch statt Gans und Kugelstoßen mit Weihnachtskugeln deuten eine verschämte Anarchie an, die der bürgerlichen Bravheit von Clément Michels Komödie natürlich nichts anhaben kann. Einmal mehr obsiegen Besinnlichkeit und Versöhnung über das Chaos. Also doch noch ein perfektes Weihnachten.

The First Slam Dunk

Doris Kuhn: Ein Animationsfilm nach der japanischen Comic-Serie "Slam Dunk", die in den Neunzigerjahren Japans Jugend in Euphorie versetzte. Geschrieben und umgesetzt wurde das Drama nun von Takehiko Inoue, der damals die Serie erfand. Man sieht das Basketballteam einer Hochschule bei einem nationalen Wettkampf, toll anzuschauen dank der brillanten digitalen Bildeffekte. Das Match ist schwierig, die alte Regel gilt, dass allein Hingabe letztlich den Erfolg bestimmt.

How to Have Sex

Susan Vahabzadeh: Tara ist sechzehn. Noch bevor sie weiß, ob sie ihren Schulabschluss geschafft hat, fährt sie mit ihren beiden Freundinnen nach Kreta, wo die drei sich unbedingt bei einer griechischen Variante des "Ballermann" vergnügen wollen: Tanzen, Komasaufen, Rumvögeln. Die schüchterne, unsichere Tara, die noch Jungfrau ist, lässt sich ständig in falsche Entscheidungen drängen. Molly Manning Walkers Regiedebüt handelt von den Grenzen der Einvernehmlichkeit, vor allem aber auch von einer diabolischen Gruppendynamik unter Teenagern. Spannend daran ist vor allem die Hauptdarstellerin Mia McKenna-Bruce, die mit jedem Augenaufschlag mehr zu erzählen hat, als das Drehbuch tatsächlich hergibt.

Kash Kash

Anna Steinbauer: Über den Dächern von Beirut gehen ein paar Typen einem traditionsreichen Hobby nach: Sie züchten Tauben, um sie gegeneinander fliegen zu lassen und anschließend auf das eigene Dach zu locken. Gelingt der Fang einer gegnerischen Taube, ist das ein "Kash". In Lea Najjars stimmungsvoller, poetischer Doku werden die Tiere zum Symbol einer Freiheit, die die Menschen in dem von Krisen gebeutelten Land nicht haben.

Leave The World Behind

Kathleen Hildebrand: Die Welt geht mal wieder unter, dieses Mal sehr alltagsnah, mit fantastischer Besetzung und trickreich inszeniert von "Mr. Robot"-Regisseur Sam Esmail. Julia Roberts und Ethan Hawke verbringen als gut situiertes Paar aus Brooklyn mit ihren zwei Teenagerkindern ein Wochenende in einer als Ferienunterkunft gemieteten Luxusvilla auf dem Land. Dann wird es schräg: Das Internet fällt aus, eine Herde Rehe taucht im Garten auf und die Besitzer der Villa kehren vor der Zeit zurück, um Schutz zu suchen. Die Originalität dieses unterhaltsamen, wenn auch nicht restlos überzeugenden Thrillers liegt in der schlichten Plausibilität der Apokalypse, von der er erzählt: Stellt den Leuten das Internet ab, und die Welt fliegt von selbst in die Luft.

Maestro

David Steinitz: Ein Spielfilm über den legendären Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein von und mit Hollywoodstar Bradley Cooper. Im Mittelpunkt steht die Liebesgeschichte zwischen Bernstein und seiner Frau Felicia (Carey Mulligan), die er wieder und wieder mit Männern betrog, ohne die er aber auch nicht leben konnte. Sieht alles schick verraucht und whiskeyselig aus, ist im Kern aber nur eine weitere Story über einen Mann, der sein Genie als Ausrede verwendete, um seine Frau schlecht zu behandeln.

Wie wilde Tiere

Josef Grübl: Männer, die mit Pferden ringen: Im Nordwesten Spaniens macht man so etwas aus Tradition, als Männlichkeits- oder Initiationsritus. Die dort lebenden Pferdebezwinger ringen aber auch mit anderen Männern, einem französischen Lehrer etwa, der zugezogen ist und mit seiner Frau Biogemüse anbaut. Rodrigo Sorogoyens beängstigend intensives Drama basiert auf wahren Begebenheiten, die Attacken sind perfide - und werden immer heftiger. Mag sein, dass die Wut der Männer berechtigt ist: Am Ende aber müssen die Frauen die Folgen dieser Männlichkeitskämpfe ausbaden.

Wonka

David Steinitz: Die Vorgeschichte zu Roald Dahls Kinderbuchklassiker "Charlie und die Schokoladenfabrik". Bevor Willy Wonka zum mächtigen Süßigkeitenmogul wird, muss er als junger Chocolatier in der Sturm-und-Drang-Phase (gespielt von Timothée Chalamet) ein fieses Kakao-Kartell bekämpfen. Paul King erzählt diese Geschichte als buntes, vorweihnachtliches Filmmusical. An die Magie der Vorlage kommt er vielleicht nicht ganz heran - aber Hugh Grant als Oompa-Loompa-Wichtel hat einen der lustigsten Auftritte des Kinojahres.

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