Designgeschichte:Sie war's

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Ray Eames fotografiert das "Tandem
Seating" im Eames Studio, 23.10.1962,
Eames Collection Vitra Design Museum

Obwohl Ray Eames mit ihrem Mann gleichberechtigt arbeitete, wurde meist er für die gemeinsamen Entwürfe gefeiert. Hier fotografiert die Designerin das "Tandem Seating" 1962 im Eames Studio.

(Foto: © Eames Office LLC)

Die Arbeit von Designerinnen wurde lange nicht gewürdigt. Das Vitra-Design-Museum zeigt jetzt in einer Schau, wie viel die Welt bislang verpasst hat.

Von Kito Nedo

Sechs Minuten dauert das Video "Semiotics of the Kitchen", das die US-amerikanische Künstlerin Martha Rosler 1975 produzierte. Wer den Film je gesehen hat, betrachtet jede Küche fortan mit anderen Augen. Wie in einer düster-bösen Version der "Sesamstraße" legte sich Rosler eine Schürze (A wie "Apron") an und buchstabiert ein Küchenalphabet bis T (wie "Tenderizer", also "Fleischklopfer") durch. Mit kühlem Gestus präsentiert die Künstlerin verschiedene Küchenutensilien. Ob Gabel, Messer, Kelle oder eine Hamburgerpresse - in ihren Händen sehen sie plötzlich aus wie Kampfinstrumente. Abteilung: Hieb- und Stichwaffen. Die untergründige Botschaft ist klar: Ohne Kampf keine Emanzipation. Ohne Frauen keine Revolution.

Auf Roslers Kunstwerk trifft man ungefähr nach der ersten Hälfte des Rundgangs in der Ausstellung "Here We Are! Frauen im Design 1900 - heute" im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein. Zwischen der überwältigenden Vielfalt von Design-Objekten und historischen Dokumenten wirkt das Schwarz-Weiß-Video auf dem kleinen Screen wie ein Kontrastmittel, welches hilft, das Thema dieser von Viviane Stappmanns, Nina Steinmüller und Susanne Graner kuratierten Ausstellung noch mal zu fokussieren. Mit Werken von rund achtzig Designerinnen aus 120 Jahren plädiert die umfangreiche Schau für eine inklusivere Form von Designgeschichtsschreibung und will eine "Standortbestimmung zu einem gesellschaftlich hochaktuellen Thema" liefern.

Ohne Kampf keine Emanzipation. Ohne Frauen keine Revolution

Der historische Bogen der Schau beginnt bei der Grafik für die westeuropäische Frauenrechtsbewegung, die um 1900 für das Frauenwahlrecht kämpfte, und endet unter anderem beim berühmten "Women's March on Washington" von 2017, bei denen viele der Demonstrierenden sogenannte pinkfarbene "pussy hats" trugen, die auf eine Initiative von Jayna Zweiman und Krista Suh, einer Architektin und einer Drehbuchautorin aus Los Angeles zurückgingen. An ausgewählten Projekten werden aktuelle Diskurse um Materialfragen und Ökologie, Überwachungskapitalismus und kollektive Designpraxis anschaulich. Dazwischen geht es um Emanzipation und Ausbildung, Modernität, Minimalismus und Luxus oder die Gestaltung im Sozialismus. Etwa über die 1931 geborene russische Architektin Galina Balaschowa, die in den Sechzigern und Siebzigern faktisch im Alleingang die Innenräume der sowjetischen Raumschiffe gestaltete und der 2015 das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt eine Schau gewidmet hat.

Überhaupt zieht sich die Lust am Experiment und ein latenter Futurismus wie ein untergründiger thematischer Faden durch die exzellente Ausstellung. Als etwa das Berlin-Pariser Designkollektiv Bless, bestehend aus Desiree Heiss und Ines Kaag, um 2016 eine Serie von Arbeitssportgeräten vorstellte, konnte ja noch niemand ahnen, wie radikal im Zuge der Pandemie Wohnen, Arbeit, Familie und Sport in den eigenen vier Wänden gezwungenermaßen zusammengezurrt würden. Die Hybridobjekte aus Möbeln und Hometrainern aus der Bless-Serie "Worker's Delight" wirken heute so visionär, weil sie unsere Gegenwart und wahrscheinlich auch die nahe Zukunft vorweggenommen haben.

Photograph

Berenice Abbott fotografierte die Designerin Eileen Gray im Jahr 1927.

(Foto: National Museum of Ireland)

Den westlichen, teilweise schon fest kanonisierten Pionierinnen der Moderne von den Zwanzigern bis in die Fünfziger ist ein eigener Saal gewidmet: Hier steht etwa der elegant-minimalistische Frisierschrank, den sich die irische Designerin und Architektin Eileen Gray (1878-1976) einst für ihre eigene Villa Tempe a Pailla an der Côte d'Azur baute.

Aino Aalto, Glasserie Bölgeblick, 1932

Wird bis heute hergestellt: Aino Aaltos Glasserie "Bölgeblick" aus dem Jahr 1932.

(Foto: Andreas Suetterlin)

Die Finnin Aino Marsio-Aalto (1894-1949) wiederum gehörte 1935 zum Mitbegründerkreis der Möbelfirma Artek, die sie auch als Chefdesignerin und Managerin leitete. Die von Aalto Anfang der Dreißiger gestaltete, robuste und kostengünstige Glasgeschirr-Serie "Bölgeblick" aus zum Teil farbigem Pressglas ist bis heute in Produktion. Der Name der US-amerikanischen Unternehmerin, Designerin und Architektin Florence Knoll Basset (1917-2019) war Anfang der Sechziger das Synonym für geschmackssichere Einrichtungskultur. Sogar das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel widmete der Unternehmerin im April 1960 eine Titelgeschichte.

Clara Porset mit dem Modell eines
Tisches, ca. 1952

Möbelgestalterin und Innenarchitektin Clara Porset mit dem Modell eines Tisches, etwa 1952.

(Foto: Elizabeth Timberman)

Die Möbelgestalterin und Innenarchitektin Clara Porset (1895-1981) wurde in Kuba geboren und studierte Mitte der Dreißiger am legendären Black Mountain College in North Carolina. Aus politischen Gründen ließ sie sich in Mexiko nieder. Porset wandte sich in ihren Entwürfen gegen einen "sterilen Formalismus" und interpretierte einen traditionellen mexikanischen Stuhltypus, den "Butaque", mit schräger Rückenlehne und niedriger Sitzfläche neu.

Ray und Charles Eames
La Chaise, 1948

Ray und Charles Eames' "La Chaise" aus dem Jahr 1948.

(Foto: Jürgen Hans)

Schönheit und Humor atmet auch die berühmte Sitzskulptur "La Chaise", den das US-amerikanische Gestalterpaar Ray (1912-1988) und Charles Eames (1907-1978) Ende der Vierziger in Anspielung auf eine Skulptur des Bildhauers Gaston Lachaise entwickelte. 1948 reichten die Eames einen Prototyp für einen vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) ausgeschriebenen Designpreis für kostengünstiges Design ein. Das Museum verschickte später eine Pressemitteilung, in welcher allein Charles Eames als Autor erwähnt und ausführlich gewürdigt wurde.

Was Frauen in Design und Architektur leisten, wird bis heute oft verschwiegen oder unter den Teppich gekehrt

Dass das diskriminierende Verschweigen und Kleinreden der Leistungen von Frauen in Design und Architektur tatsächlich bis in die jüngere Gegenwart reicht, zeigt ein Blick auf die Statistik des 1979 gestifteten, mit 100 000 Dollar hochdotierten Pritzker-Preises, der in seinen ersten 25 Jahren ausschließlich an Männer verliehen wurde. Mit Zaha Hadid (1950-2016) wurde 2004 erstmals eine Frau ausgezeichnet. Als 1991 Robert Venturi den Preis erhielt, verweigerte man damit zugleich dessen Büropartnerin und Ehefrau Denise Scott Brown die Anerkennung für die gemeinsam geleistete Arbeit. Das Komitee schulde ihr "eine Pritzker-Inklusionszeremonie", erklärte Scott Brown 2013. "Lassen Sie uns die Idee der gemeinsamen Kreativität würdigen." Kürzlich feierte die Architektin ihren 90. Geburtstag.

Cini Boeri, Tomu Katayanagi Ghost, 1987

Spektakulär: der Stuhl "Ghost" von Cini Boeri und Tomu Katayanagi aus dem Jahr 1987.

(Foto: Juergen Hans/Vitra Design Museum)

Gestalterinnen wie die in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern erfolgreichen Italienerinnen Cini Boeri (1924-2020) oder Gae Aulenti (1927-2012), die beide Anfang der Fünfzigerjahre ihren Abschluss an der einflussreichen ingenieurwissenschaftlichen Politecnico di Milano machten, hätten "nicht notwendigerweise Objekte und Räume speziell für Frauen" entworfen, schreibt die britische Architektin und Autorin Jane Hall in der Einleitung der von ihr verfassten Bild-Anthologie "Woman Made", die gerade im Londoner Phaidon-Verlag erschienen ist. Sie waren, so Hall, "nicht daran interessiert, das singuläre (und oft männliche) Design-Genie zu verteidigen". An Designerinnen wird mitunter auch Kritik geübt, die sich ihre männlichen Kollegen nie anhören müssen. Weil Cini Boeri, die in der Ausstellung mit ihrem spektakulären, aus nur einem durchgehenden, 12 Millimeter dicken Stück Glas gebogenen "Ghost"-Chair vertreten ist, den sie zusammen mit Tomu Katayanagi entwickelt hat, in den von ihr entworfenen Häusern standardmäßig immer ein zusätzliches Zimmer als "Raum der individuellen Reflexion" einplante, wurde sie beispielsweise als "Ehezerstörerin" angegriffen. Auf derlei Anwürfe reagierte Boeri stets gelassen und verteidigte die von ihr in die Architektur eingebaute Unabhängigkeit: "Für mich war es wichtig, wählen zu können, und nicht gezwungen zu sein, zusammen zu sein."

Ein kritisches Aufarbeiten der eigenen Sammlungspraxis findet im Schaudepot des Vitra-Design-Museums statt. Dort wurde in der ständigen Präsentation der Anteil der Objekte, die von Frauen entworfen wurden oder an deren Entwurf Frauen beteiligt waren, erhöht. Das geschieht im Rahmen eines thematischen Jahresschwerpunktes, der die Auseinandersetzung mit der Rolle von Frauen im Möbeldesign vorantreiben soll. Ansonsten gilt: Auch sehr gut gestaltete Töpfe und Kellen taugen nicht nur zum Kochen oder für Designausstellungen. Sie lassen sich auch prima als Krachmacher auf die nächste Demonstration mitnehmen.

"Here We Are! Frauen im Design 1900 - heute", Vitra Design Museum, Weil am Rhein. Bis 6.3.2022, Informationen unter design-museum.de. Die Anthologie "Woman Made. Great Woman Designers" von Jane Hall ist im Londoner Phaidon Verlag erschienen (ca. 50 Euro).

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