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Kultur in München:So könnte Theater "Corona-tauglich" werden

Stückl dringt auf Lösung für Theater

Stückl ruft alle Theaterleute dazu auf, über ähnliche Konzepte nachzudenken.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Christian Stückl, der Intendant des Volkstheaters, hat sich ein Konzept für die Wiederaufnahme des Theater- und Konzertbetriebs überlegt. Für jene Zeiten, die mit dem Virus gelebt werden müssen.

Von Egbert Tholl und Reinhard J. Brembeck

Christian Stückl, der Intendant des städtischen Münchner Volkstheaters, will "sich nicht auf Trockeneis legen lassen", er möchte selber dampfen. Anton Biebl, der Kulturreferent der Stadt München, kann die Formulierung "auf Sicht fahren" nicht mehr hören, wenn man nicht mehr wisse, wohin man schauen kann. Theater ist momentan nicht möglich, in offiziellen Verlautbarungen der Politik steht die Kultur derzeit an letzter Stelle, nach Fahrschulen und Biergärten. Das haben sich Biebl und Stückl nun sieben Wochen lang angeschaut - und stellten darum nun in München gemeinsam ein Konzept vor, wie man in Zeiten von Corona wieder Theater machen könne. Ein Konzept übrigens, von dem die Bayerische Staatsregierung aus der Zeitung erfahren wird. Und sich dann damit auseinandersetzen muss.

Der Charme von Stückls Konzept liegt im Konkreten. Mit den Mitarbeitern seines Hauses und dem Betriebsrat wurde vereinbart, die Spielzeitpause - in Bayern üblicherweise von Ende Juli bis Anfang September - vorzuziehen. Ab sofort sind alle Mitarbeiter in Urlaub, sie sollen am 15. Juni zurückkehren und dann zu proben beginnen. Die kommende Saison soll einfach früher beginnen, am 24. Juli, so denn das Konzept von höchster Stelle abgesegnet wird. Wofür allerdings sehr viel spricht: Mit fünf Produktionen will Stückl eröffnen, alle sollen "Corona-tauglich" sein.

Das heißt, aus dem Zuschauerraum wird jede zweite Reihe entfernt, in den verbleibenden wird nur jeder vierte Platz besetzt. Genauso wird die Bühne bestuhlt, gespielt werden soll zwischen den beiden Tribünen. Das bringt Platz für hundert Zuschauer - derzeit hat das Volkstheater 600 meist ausverkaufte Plätze. Ebenso könne man sich eine Bespielung des Gartens mit etwa 50 Zuschauern vorstellen. Die Aufführungen werden etwa eine Stunde dauern, keine Pause haben, könnten auch, um mehr Zuschauer zu erfreuen, mehrmals hintereinander gespielt werden.

Stückl ruft alle Theaterleute auf, über ähnliche Konzepte nachzudenken. Er will keine Kurzarbeit - die hat er an seinem Haus auch nicht eingeführt -, er will spielen. Und der Kultur, dem Theater, dem Kino und Konzerten die ihnen gebührende Bedeutung in der Gesellschaft zurückgeben. Sein Plan dafür wirkt sorgfältig und durchdacht: Ein Minimum an Ausstattung für die "Corona-Produktionen" soll die Werkstätten entlasten, man erarbeitet ein detailliertes Hygienekonzept. Eine Lösung für Kussszenen hat Stückl in Indien gelernt: Dort sei Intimität auf der Bühne verboten und ein Hackbrettsignal zeige an, dass man sich Nähe nun denken müsse

Bislang musste Stückl nur eine für März geplante Premiere komplett absagen, zahlte 80 Prozent der Gage aus, denn das künstlerische Team säße nun ja komplett auf dem Trockenen. So ähnlich denkt Stückl auch über den Umgang mit den vielen Gastschaupielerinnen und -schauspielern des Hauses nach.

Für die fünf nun geplanten Produktionen werden Regieverträge aus der laufenden Saison genutzt wie die von Sapir Heller und Mirjam Loibl, Simon Solberg zieht seine Eröffnungspremiere aus dem Herbst vor, die anderen beiden Arbeiten kommen von Stückl selbst und seinem Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca. Vom bestehenden Repertoire, es sind 16 Inszenierungen, seien nur zwei unter den herrschenden Bedingungen vorstellbar. "Vielleicht werden die Corona-Aufführungen auch furchtbar fad", meint Stückl. Aber selbst wenn: Das Volkstheater stellt das erste Konzept für einen Spielbetrieb mit zumindest einer Idee von Normalität vor. Angesichts der bevorstehenden Lockerungen eine Steilvorlage für die Politik.

Stückls Konzept könnte auch Vorbild für Symphonieorchester und Opernhäuser sein, zumindest, was den Umbau der Räume fürs Publikum angeht. Auf der Bühne und bei den Proben dagegen gibt es andere Probleme als beim Sprechtheater. So empfiehlt die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft in ihrer neuesten Richtlinie pro Person 20 Quadratmeter Probenraum, Sänger sollten sechs und Bläser zwölf Meter Abstand halten zum nächsten Menschen. Ist das nicht möglich, werden Alternativen angeboten: "Trennung durch Schutzscheiben, Schutzmaske, Mund-Nasen-Bedeckung, flüssigkeitsundurchlässige Visiere." Das alles klingt schon nach Inszenierung, und Musiktheatermenschen, findig wie sie sind, werden das für sich und ihre Kunst sicherlich nutzen.

Allerdings ist es jetzt mehr als überfällig, dass Politiker, angefangen bei dem nicht gerade durch seine Liebe zur Kunst aufgefallenen bayerischen Ministerpräsidenten, endlich den Spielbetrieb wieder freigeben. Zumal sie ja auch anderen, etwa der Bundesliga, Spielerlaubnis erteilt haben. Ein Zweimannduell im Strafraum ist kaum weniger intim als die Kussszene aus William Shakespeares "Othello".

Klar ist aber, dass der Spielbetrieb erst mal auf keinen Fall so aussehen wird, wie man ihn bis Mitte März gewohnt war. Bayerns Kunstminister Bernd Sibler will die Theater erst im Herbst öffnen, eine Rückkehr zur Normalität sei eventuell erst möglich, wenn ein Impfstoff auf dem Markt ist. Was laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn noch achtzehn Monate dauern könnte. So lange aber haben kein Opernhaus und kein Orchester Zeit. Also werden auch sie sich wie Stückl belastbare Konzepte für die nächsten Monate, wenn nicht gar Jahre überlegen müssen. Es wird ein armes und reduziertes Theater sein. Aber deshalb nicht unbedingt ein schlechteres.

© SZ vom 07.05.2020/syn
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