Attacke gegen CNN:Trump ist bald bei seiner privaten Entmenschlichung angekommen

Im anderen Narrativ gibt es reine Emotionen, Bilder, Codes, Affekte, Begierden und alternative Fakten. Kennedy, der beauhafte Frauenschwarm. Bush Jr., der breitbeinige Cowboy mit den rauchenden Colts. Obamas urbane Coolness - Mikedrop und Fistbump mit einem Putzmann inklusive -, die vor allem von Europa aus angehimmelt wurde. Alles schon Pop-Show. Alles Inszenierung. Alles aber immer eher auf die Realpolitik draufgesetzt. Eine Ergänzung. Oft auch ein Widerspruch. Obama, der erst Menschen mit Drohnen töten lässt und danach einen Slow-Jam-the-News-Auftritt bei Jimmy Fallon absolviert - das Gehirn musste da einiges an Widersprüchen moderieren. Es dürfte daher ein Merkmal einer gesunden Gesellschaft sein, wenn es ihr gelingt, solche Brüche zu verarbeiten und auszuhalten.

Und es dürfte im Umkehrschluss aufhorchen lassen, wenn sie das immer weniger kann. Wenn sie sich auf die beiden Narrative aufteilt und dort in Lagern verschanzt. Und es sollte besorgen, wenn die politischen Eliten zu eindeutig einem der Lager angehören. Wenn ihr Werdegang von einer Simpsons-Folge besser vorhergesagt wird als von einer soziologischen Studie. Noch mal: Das sind keine guten Nachrichten.

In seinem kleinen, in Teilen aber sehr feinen Buch "Trump! Populismus als Politik" exerziert der Kulturkritiker Georg Seeßlen die beiden Narrative der Politik sehr erhellend durch. Und es ist erschreckend, wie stringent er das Phänomen Trump quasi ausschließlich mit den Mitteln der Popkritik und -analyse zumindest nachzeichnen, wenn nicht sogar erklären kann. Mit denselben geistigen Werkzeugen also, mit denen man auch "Wonderwoman" oder "Moonlight" entschlüsselt - oder ein Album von Father John Misty.

Trump steht immer weniger für Washington, für die Regierung, für amerikanische Realpolitik

Erschreckend vor allem deshalb, weil das Buch kurz nach dem Amtsantritt veröffentlicht wurde - und immer wahrer zu werden scheint. Denn bei Trump, das zeigt der jüngste Exzess, hat der Pop nun womöglich tatsächlich vollständig die Kontrolle übernommen. Vielleicht war neben dem Pop auch nie viel Platz für mehr: "Niemand scheint so prädestiniert wie Donald Trump, zur Cartoonfigur zu werden", schreibt Seeßlen. "Aber es verhält sich auch umgekehrt: Mit Donald Trump ist eine Cartoonfigur Präsident geworden. Das ist kein politisches, sondern ein semantisches Urteil. (Eine Gestalt ohne Metaphysik, zusammengesetzt aus Begehren, Aktion und Reaktion, die Sprache nur als Waffe einsetzt.)"

Es mag kein politisches Urteil sein, aber es hat schwere politische Folgen. Denn Pop ist in seiner extremsten, also wirkungsvollsten Form - siehe Wrestling, siehe Lady Gaga - schließlich immer auch eine Abstraktion von der Realität. Donald Trump hat mit seinem Verhalten deshalb einen Grad der Abstraktion von der Wirklichkeit erreicht wie zumindest kein demokratisch gewählter Präsident vor ihm. Er wirkt entkoppelt vom Amt, entkoppelt vom Staat, entkoppelt vom Narrativ der Rationalität. Trump steht immer weniger für Washington, für die Regierung, für amerikanische Realpolitik. Trump steht nur (noch) für Trump.

Trash-Talk, egal ob beim Wrestling oder einer atomaren Bedrohung

Trump, die Figur, nicht Trump, der Mensch. Denn zu einem gewissen Grad scheint er sogar bei seiner privaten Entmenschlichung angekommen. Scheint zu der Wrestlingfigur zu werden, die er einst spielte. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Künstlerin Kathy Griffin aus Protest gegen den US-Präsidenten - gegen alle Regeln von Geschmack und Anstand - zur simulierten Enthauptung gegriffen hat. Womöglich fühlte es sich für sie tatsächlich bereits nicht mehr an wie reale Gewalt gegen einen realen Menschen mit einer Ehefrau und einem minderjährigen Sohn. Bei Bush oder Clinton waren derart konkrete Mordideen noch deutlich seltener (bei Obama, der aber auch schon mehr zur mythischen Figur tendiert, tauchte allenthalben das rassistische Motiv des Erhängens auf).

Comicfiguren sind in der nächsten Folge eben immer wieder am Leben - egal, wie grausam man sie massakriert.

Was noch einmal zum Wrestling führen muss. Eine der wichtigeren Institutionen bei den Shows ist der sogenannte Trash-Talk. Die vor dem Kampf zu absolvierende verbale Erniedrigung des Gegners. Man baut da viel fiktiven Hass auf - erneut: nicht auf den realen Menschen, sondern auf die Figur, die einem im Ring gegenübertreten wird. Auch das bereits: niederschwellige Entmenschlichung in einer Pop-Welt. Gerade hat Nordkorea wieder Raketen getestet. Donald Trump hat auf Twitter reagiert: "Does this guy have anything better to do with his life?", richtete er an den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un. Ob "dieser Typ" nichts Besseres in seinem Leben zu tun habe, als Raketen starten zu lassen. Trash-Talk also. Und eine sehr weitgehende Entkopplung von einer sehr realen atomaren Bedrohung. Stattdessen: Karikaturhaftes Gepose in einer der schwersten diplomatischen Krisen dieser Tage. Affekt und Emotion vor Ursache und Wirkung. Pop vor Politik. Es sind wirklich keine guten Nachrichten.

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