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Attacke gegen CNN:Donald Trump ist auf der Zielgeraden zur eigenen Comic-Figur

Der US-Präsident postet ein retuschiertes Wrestling-Video, in dem er auf die Medien einprügelt. Das zeigt: Trump ersetzt immer mehr Realität durch Pop-Kultur.

Von Jakob Biazza

Jetzt also tatsächlich ein Gewaltexzess - buchstäblich, wenn auch gespielt. Ausholen und reindreschen in die Fresse. Lügenfresse quasi. Über das Gesicht desjenigen, auf den Donald Trump da einschlägt, ist schließlich das Logo des Fernsehsenders CNN geblendet. Einer der vielen Erzfeinde Trumps. Einer der Sender, denen er Fake-News und gezielte Hetze gegen sich vorwirft. Noch mal ausholen also und: "Bämm!" Vielleicht auch: "Zack!" Oder: "Paff"?

Wenn Gewalt aufgrund von Lächerlichkeit ins Groteske kippt, rechnet das Gehirn ihr schließlich schnell mal Comic-Geräusche hinzu. Und so ein Cartoon hat ja viele Möglichkeiten, um Schläge lautzumalen. Ein "Waaamm!" zum Beispiel auch noch, oder ein "Boooom!" - alles angenehmer als das echte Geräusch, das es macht, wenn Fäuste in Gesichter klatschen. Wenn Jochbeine brechen und Nasen beim fünften, sechsten, siebten Hieb langsam breiig werden. Es lässt sich also geschmeidig noch ein bisschen zusehen und "Zonk!" denken, wie Trump weiterdrischt. Kurze Ausholbewegungen, noch mal und noch mal und noch mal, wie ein blindwütig-zappeliger Prügel-Popanz.

Clothesline heißt die Wrestling-Technik übrigens, mit der Trump seinen Gegner vorher umgehauen hat.

Und Trump, es lohnt sich ja doch immer mal wieder, das zu betonen, ist der Präsident der USA. Oder zumindest das, was er vom Amt und dessen - nun, nennen wir es noch eine Weile Würde - vorerst noch übrig lässt. Denn Trump ist womöglich gerade auch auf die Zielgerade zu seiner eigenen Comicfigur eingebogen. Das sind keine guten Nachrichten.

Ein Vergleich mit der deutschen Politik? Gibt es leider nicht

Wobei man ja schon froh ist, dass immerhin das Original des Videos älter ist. Es stammt aus einer vorpräsidentiellen Zeit, in der der Unternehmer Trump noch aus Privatvergnügen (also Marketingzwecken) bei Wrestling-Kämpfen auftrat. Hier: Wrestlemania 23, sein "Battle of the Billionaires" gegen Vince McMahon, Vorsitzender der WWE - dem Medienunternehmen, das die Shows veranstaltet. Offenbar hatte ein Trump-Fan, der für aggressive und zuweilen rassistische Fotomontagen bekannt ist, den Clip bearbeitet und ihn dann auf der Internetseite Reddit veröffentlicht. Trump hat das Ergebnis erst über seinen privaten Twitter-Acount gepostet - und diesen Tweet dann über den offiziellen POTUS-Kanal geteilt.

Ein Präsident, der selbst postet, wie er mit weißglühendem Zorn auf die sehr demokratische Institution Presse eindrischt. Ein Vergleich mit deutschen Politikern würde sicher helfen, die Dimension dessen zu illustrieren. Aber es gibt keinen. Angela Merkel ist nicht bei Twitter. Und Frank-Walter Steinmeier tritt nicht bei Wrestling-Kämpfen an.

Trump schon, und das fühlt sich irrsinnig stimmig an - und besorgniserregend. Wrestling-Kämpfe sind schließlich Schauprügeleien, bei denen mit maximaler Künstlichkeit größtmögliche Brutalität simuliert wird. Jeder weiß um die Inszenierung, das macht das Treiben so amüsant abstrakt. Es sind Figuren, nicht Menschen, die einander da schlagen und würgen und treten und tackeln. Wrestling ist reiner Pop-Firlefanz. Die absolute Entkopplung von der Realität. Politik ist das eher nicht. Noch.

Denn Tendenzen dazu hat sie natürlich. Es gibt, grob gerastert, schließlich ziemlich genau zwei Narrative zur Politik: der politische, ökonomische, gesellschaftliche oder sogar systemische Diskurs - und die Mythologie. Im ersten Narrativ existieren Informationen und Tatsachen, Ursachen münden in Wirkungen und weil man sich eine Rationalität teilt, sich also auf bestimmte verbriefte Wahrheiten und Ideale geeinigt hat, lässt sich die Welt mit diesen Werkzeugen manchmal erklären. Und manchmal vielleicht sogar gestalten.

Trump ist bald bei seiner privaten Entmenschlichung angekommen

Im anderen Narrativ gibt es reine Emotionen, Bilder, Codes, Affekte, Begierden und alternative Fakten. Kennedy, der beauhafte Frauenschwarm. Bush Jr., der breitbeinige Cowboy mit den rauchenden Colts. Obamas urbane Coolness - Mikedrop und Fistbump mit einem Putzmann inklusive -, die vor allem von Europa aus angehimmelt wurde. Alles schon Pop-Show. Alles Inszenierung. Alles aber immer eher auf die Realpolitik draufgesetzt. Eine Ergänzung. Oft auch ein Widerspruch. Obama, der erst Menschen mit Drohnen töten lässt und danach einen Slow-Jam-the-News-Auftritt bei Jimmy Fallon absolviert - das Gehirn musste da einiges an Widersprüchen moderieren. Es dürfte daher ein Merkmal einer gesunden Gesellschaft sein, wenn es ihr gelingt, solche Brüche zu verarbeiten und auszuhalten.

Und es dürfte im Umkehrschluss aufhorchen lassen, wenn sie das immer weniger kann. Wenn sie sich auf die beiden Narrative aufteilt und dort in Lagern verschanzt. Und es sollte besorgen, wenn die politischen Eliten zu eindeutig einem der Lager angehören. Wenn ihr Werdegang von einer Simpsons-Folge besser vorhergesagt wird als von einer soziologischen Studie. Noch mal: Das sind keine guten Nachrichten.

In seinem kleinen, in Teilen aber sehr feinen Buch "Trump! Populismus als Politik" exerziert der Kulturkritiker Georg Seeßlen die beiden Narrative der Politik sehr erhellend durch. Und es ist erschreckend, wie stringent er das Phänomen Trump quasi ausschließlich mit den Mitteln der Popkritik und -analyse zumindest nachzeichnen, wenn nicht sogar erklären kann. Mit denselben geistigen Werkzeugen also, mit denen man auch "Wonderwoman" oder "Moonlight" entschlüsselt - oder ein Album von Father John Misty.

Trump steht immer weniger für Washington, für die Regierung, für amerikanische Realpolitik

Erschreckend vor allem deshalb, weil das Buch kurz nach dem Amtsantritt veröffentlicht wurde - und immer wahrer zu werden scheint. Denn bei Trump, das zeigt der jüngste Exzess, hat der Pop nun womöglich tatsächlich vollständig die Kontrolle übernommen. Vielleicht war neben dem Pop auch nie viel Platz für mehr: "Niemand scheint so prädestiniert wie Donald Trump, zur Cartoonfigur zu werden", schreibt Seeßlen. "Aber es verhält sich auch umgekehrt: Mit Donald Trump ist eine Cartoonfigur Präsident geworden. Das ist kein politisches, sondern ein semantisches Urteil. (Eine Gestalt ohne Metaphysik, zusammengesetzt aus Begehren, Aktion und Reaktion, die Sprache nur als Waffe einsetzt.)"

Es mag kein politisches Urteil sein, aber es hat schwere politische Folgen. Denn Pop ist in seiner extremsten, also wirkungsvollsten Form - siehe Wrestling, siehe Lady Gaga - schließlich immer auch eine Abstraktion von der Realität. Donald Trump hat mit seinem Verhalten deshalb einen Grad der Abstraktion von der Wirklichkeit erreicht wie zumindest kein demokratisch gewählter Präsident vor ihm. Er wirkt entkoppelt vom Amt, entkoppelt vom Staat, entkoppelt vom Narrativ der Rationalität. Trump steht immer weniger für Washington, für die Regierung, für amerikanische Realpolitik. Trump steht nur (noch) für Trump.

Trash-Talk, egal ob beim Wrestling oder einer atomaren Bedrohung

Trump, die Figur, nicht Trump, der Mensch. Denn zu einem gewissen Grad scheint er sogar bei seiner privaten Entmenschlichung angekommen. Scheint zu der Wrestlingfigur zu werden, die er einst spielte. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Künstlerin Kathy Griffin aus Protest gegen den US-Präsidenten - gegen alle Regeln von Geschmack und Anstand - zur simulierten Enthauptung gegriffen hat. Womöglich fühlte es sich für sie tatsächlich bereits nicht mehr an wie reale Gewalt gegen einen realen Menschen mit einer Ehefrau und einem minderjährigen Sohn. Bei Bush oder Clinton waren derart konkrete Mordideen noch deutlich seltener (bei Obama, der aber auch schon mehr zur mythischen Figur tendiert, tauchte allenthalben das rassistische Motiv des Erhängens auf).

Comicfiguren sind in der nächsten Folge eben immer wieder am Leben - egal, wie grausam man sie massakriert.

Was noch einmal zum Wrestling führen muss. Eine der wichtigeren Institutionen bei den Shows ist der sogenannte Trash-Talk. Die vor dem Kampf zu absolvierende verbale Erniedrigung des Gegners. Man baut da viel fiktiven Hass auf - erneut: nicht auf den realen Menschen, sondern auf die Figur, die einem im Ring gegenübertreten wird. Auch das bereits: niederschwellige Entmenschlichung in einer Pop-Welt. Gerade hat Nordkorea wieder Raketen getestet. Donald Trump hat auf Twitter reagiert: "Does this guy have anything better to do with his life?", richtete er an den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un. Ob "dieser Typ" nichts Besseres in seinem Leben zu tun habe, als Raketen starten zu lassen. Trash-Talk also. Und eine sehr weitgehende Entkopplung von einer sehr realen atomaren Bedrohung. Stattdessen: Karikaturhaftes Gepose in einer der schwersten diplomatischen Krisen dieser Tage. Affekt und Emotion vor Ursache und Wirkung. Pop vor Politik. Es sind wirklich keine guten Nachrichten.

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