"American Sniper" im Kino Hass auf das Böse

Die krude Analogie aus dem Tierreich, die all dem zugrunde liegt, stammt aber gar nicht von Chris Kyles Vater, und sie steht auch nicht in Kyles Autobiografie "American Sniper", die seine 160 offiziell bestätigten "Kills" im Irakkrieg feiert und 2012 ein Bestseller wurde. Tatsächlich ist sie ein Mantra von amerikanischen Soldaten, Ultrarechten, Polizeikräften und Waffenlobbyisten, das 2004 von einem anderen Soldaten-Publizisten in die Welt gesetzt wurde, Lieutenant Colonel David Grossman.

Dass der Film sich Grossmans Weide-Typologie derart ungeniert bedient, lässt alle Versuche, das Endprodukt als ideologisch neutral hinzustellen, ziemlich lächerlich erscheinen. Das ganze Drehbuch ist daraufhin optimiert, Chris Kyle in genau jedem Licht zu zeigen, wie ihn seine Ehefrau, seine Kameraden und seine Fans von ganz rechts am liebsten sehen würden.

Allerdings - und das ist der zweite wichtige Erfolgsfaktor - mit deutlichen Zugeständnissen an den Mainstream. Denn man kann es sich schon denken, wenn der Film zurück in den Irak springt: Der Junge mit der russischen Anti-Panzer-Granate wird natürlich umgenietet. Genauso wie seine Mutter, die das Ding in die Hand nimmt und dann doch noch in Richtung der Marines zu werfen versucht.

"Diese Frau war vom Bösen besessen", schreibt Chris Kyle. "Und dieses Böse habe ich tief und wahrhaftig gehasst. Ich hasse es bis heute. Das war es, was wir im Irak bekämpft haben - grausame, verabscheuungswürdige Bosheit. Sie war auch der Grund, warum wir alle, ich eingeschlossen, die Feinde immer nur ,Wilde' genannt haben."

Was nicht passt, wird ausgeblendet

Soweit das Buch. Im Film aber sagt Chris Kyle in diesem Moment nichts. Da darf er der große Schweiger sein. Er starrt noch eine halbe Sekunde wie benommen auf den toten Jungen in seinem Zielfernrohr. Der Kommentar "fucking evil bitch" wird auf den Kameraden ausgelagert, der neben ihm liegt, der unfehlbare Schütze selbst verbittet sich krude Gratulationen.

Für die Logik des Films ist das unerlässlich - ein Hirtenhund darf nicht schäumen vor Hass, sonst nähert er sich dem Wolf zu sehr an.

Sein Hass aber ist es, der den echten Chris Kyle in ein dunkelrotes Zwielicht rückt. So brüstete er sich auch damit, während der Hurrikan-Katrina-Katastrophe Plünderer erschossen zu haben, genauso wie zwei Tankstellendiebe in Texas - nur gab es nie den geringsten Beleg für diese Abenteuer; die Behauptung, einmal den Politiker Jesse Ventura verprügelt zu haben, wegen abweichender Meinung zum Irakkrieg, wurde ihm dagegen gerichtlich verboten unter Androhung einer Millionenstrafe. All das muss "American Sniper" natürlich geflissentlich ausblenden.