Kriegsfilm "American Sniper" Wilder Westen im Nahen Osten

Bradley Cooper (rechts) als Scharfschütze Chris Kyle, der Iraker nur als "Wilde" bezeichnete.

(Foto: AP)
  • Clint Eastwoods neuer Irak-Kriegsfilm "American Sniper" löst in der arabischen Welt Empörung aus.
  • Sowohl filmisch als auch politisch sei der Film naiv und reaktionär, außerdem spare er die Opfer-Seite völlig aus.
  • In den USA trifft der Film hingegen teilweise auf ein empfängliches Publikum, das sich durch ihn ermutigt sieht, rassistisch motiviertem Hass auf Araber in Tweets freien Lauf zu lassen.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

"American Sniper", der neue Irak-Kriegsfilm von Clint Eastwood, hat in den USA heftige Debatten provoziert. Seine angebliche Ambivalenz gegenüber dem Krieg und der Gewalt führt dazu, dass Konservative wie Liberale versuchen, die Geschichte des Scharfschützen Chris Kyle, gespielt von Bradley Cooper, für ihre Sicht der Dinge in Anspruch zu nehmen: Die einen halten den Streifen für eine Ehrung der Tapferkeit amerikanischer Soldaten, andere sehen darin eine nihilistische Verherrlichung des Krieges, die Dritten meinen, in dem Werk den stärksten Anti-Kriegsfilm seit "Apocalypse Now" zu erkennen.

Sehen wollen den für sechs Oscars nominierten Film in den USA jedenfalls viele - der kommerzielle Erfolg übertrifft alle Erwartungen.

Doch die andere Seite, die der Opfer, spart der Film fast völlig aus: "Iraker kommen darin eigentlich nicht vor", sagt der franko-irakische Regisseur Abbas Fahdel, der selber mehrere Dokumentationen über den Krieg in seiner Heimat gedreht hat. "Sie tauchen nur als Silhouetten auf, und jeder, der stirbt, ist schuldig, auch Frauen und Kinder."

Chris Kyle bezeichnete Iraker nur als "Wilde"

Ähnlich sehen das die Menschen in Bagdad. "Er glorifiziert Amerikaner und macht aus Irakern nichts als Terroristen", sagte der 27 Jahre alte Lehrer Ahmed Kamal in Bagdad der Washington Post. Er hatte sich den Film im Internet heruntergeladen. Das einzige Kino in Bagdad, das die Geschichte auf die Leinwand brachte, nahm ihn mit Bedauern wieder aus dem Programm, nachdem die Regierung Druck machte. Ein Beamter des Kulturministeriums habe ihm erklärt, der Film sei "eine Beleidigung der Iraker", erzählt Fares Hilal, Besitzer des Kinos in der Mansour-Mall, einem der neuen und sehr amerikanischen Shopping-Paradise der Hauptstadt.

Chris Kyle, der aus seiner simplizistischen Weltsicht kein Geheimnis machte, bezeichnete die Iraker nur als "Wilde": Für ihn gebe es Gut und Böse, schwarz und weiß, und wenige Schattierungen dazwischen, schrieb er in seiner Autobiografie, die als Vorlage für den Film diente. Die Araber, die im Fadenkreuz seines Zielfernrohres auftauchten, sind ohne Zweifel und fast immer der Kategorie Böse zuzuordnen. Bei seinen 160 bestätigten Tötungen habe er sich kein einziges Mal fragen müssen, ob er mit seiner Entscheidung richtig gelegen habe.

Abbas Fahdel hält "American Sniper" deswegen sowohl filmisch als auch politisch für "sehr naiv", empfindet ihn als "reaktionär", weil er ohne zu hinterfragen sich die "Propaganda von George W. Bush zu eigen macht, die längst widerlegt ist" - die erfundenen Kriegsgründe, die angebliche Al-Qaida-Connection in den Irak, der Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. September 2001. Die verheerenden Folgen des Krieges für das irakische Volk dagegen interessieren Eastwood und seinen Drehbuchautor Jason Hall nicht, kritisiert der Filmemacher, der seit Langem in Paris lebt.

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"Der übergroße Teil der mehr als 100 000 Opfer des Krieges waren aber unschuldige Zivilisten", fügt er hinzu. Er fühlt sich an die rassistischen Stereotype in alten Western erinnert: Die edlen Amerikaner kämpfen gegen die wilden Rothäute. "Der Film lässt nicht einmal die Frage zu, ob die Irakern auch menschliche Wesen sind", sagt er - und das in einem Land, das eine der ältesten Zivilisationen der Menschheit hervor gebracht hat.