Digitalisierung bei der Arbeit:Die Bewerbung der Zukunft

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Mature businesswoman gesturing while wearing virtual reality headset at home office

Bald keine Science-Fiction mehr: Mit der VR-Brille bei der Arbeit.

(Foto: William Perugini/picture alliance/Westend61)

Vorstellungsgespräche vor Ort mit Kaffee und Händeschütteln - das war gestern. Immer mehr Unternehmen experimentieren mit Virtual Reality und künstlicher Intelligenz.

Von Lara Voelter

Ein lichtdurchfluteter Raum mit Fensterfront, der Blick richtet sich auf einen See und Berge, auf der Terrasse stehen Liegestühle. Ideal, um sich vor einem Bewerbungsgespräch wenigstens etwas zu entspannen. Weiter geht es in die Büroräume: Windräder, eine multimediale Firmenpräsentation, der digitale Lebenslauf an die Wand projiziert. Durch sogenanntes Hand-Tracking schiebt Franz Schmid einen virtuellen Kaffee rüber. Fingerbewegungen reichen aus, ein Controller ist nicht mehr nötig - er ist geübt darin, sich in der virtuellen Realität, kurz VR, zurechtzufinden.

Franz Schmid, 35 Jahre alt, ist Senior Director im Bereich Moderner Arbeitsplatz beim internationalen Digitaldienstleister Avanade und arbeitet am Standort München. Seit August führt er Bewerbungsgespräche mit VR-Brillen durch. Noch ist es ein Pilotprojekt - doch in Zukunft könnte das Normalität werden.

Unternehmen laden ihre Bewerberinnen und Bewerber nicht mehr nur zu Jobinterviews vor Ort ein. Digitale Recruiting-Formate etablieren sich immer häufiger, und die Pandemie katalysiert diesen Prozess enorm. Laut Digitalverband Bitkom führten Anfang des Jahres knapp drei Viertel der 853 befragten Geschäftsführer und Personalverantwortlichen von Firmen verschiedener Branchen Bewerbungsgespräche per Videokonferenz. Beinahe doppelt so viele wie vor Corona.

Immer mehr Unternehmen führen Teile des Bewerbungsprozesses online

Auch digitale Assessment-Center, Online-Testverfahren, digitale Vertragsunterzeichnung oder Probearbeiten sind keine Seltenheit mehr. "Corona hat definitiv dafür gesorgt, dass auch die konservativsten Unternehmen gemerkt haben: Es hat durchaus Vorteile, Teile des Bewerbungsprozesses online durchzuführen", sagt Robindro Ullah. Er ist Recruiting-Experte und Geschäftsführer des Trendence-Instituts, eines der führenden Beratungs- und Marktforschungsunternehmen für Employer Branding, Personalmarketing und Recruiting.

Neben Zeit und Geld lassen sich durch die digitale Auswahl Ressourcen sparen, was das Klima schont. Zu kurz komme aber sicherlich der direkte menschliche Eindruck, der häufig über Bauchgefühl und Erfahrung entstehe, sagt Adél Holdampf-Wendel, Bereichsleiterin für Arbeitsrecht und Arbeit 4.0 bei Bitkom. "Wenn man Mimik und Gestik online weniger mitbekommt, ist eine abschließende Beurteilung des Gegenübers natürlich schwieriger," so Holdampf-Wendel.

Während 87 Prozent der von Bitkom befragten Personaler angeben, Bewerbungsgespräche per Video seien mindestens ebenso so gut wie vor Ort, wünschen sich laut den Erhebungen des Trendence-Instituts deutlich mehr als die Hälfte der befragten Berufseinsteiger persönliche Gespräche.

Wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Wahrnehmung? Man dürfe dabei nicht unterschätzen, dass ein digitales Jobinterview für Bewerberinnen und Bewerber keine alltägliche Situation sei - für Personaler mittlerweile aber oft schon, sagt Ullah. Deshalb sei es sehr wichtig, dass Recruiter die Bewerber auch bei Online-Gesprächen abholen: "Zu Beginn von Corona haben wir häufig das Feedback erhalten, dass die Aufwärmphase vor dem eigentlichen Gespräch nicht stattgefunden habe", sagt Ullah.

Online fehlen einfach bestimmte Schritte: Die Person sei nicht am Empfang gewesen oder durchs Unternehmen gegangen, man habe ihr eben keinen realen Kaffee angeboten. "Am Anfang eines Gesprächs bewusst Smalltalk zu machen, ist hochgradig wichtig, um das Gegenüber auch etwas zu entspannen," erklärt Ullah. Seiner Einschätzung nach werde der Wunsch nach einem persönlichen Kennenlernen auch in Zukunft bestehen bleiben, sicherlich nicht in der ersten oder zweiten Auswahlrunde, womöglich aber zu einem späteren Zeitpunkt.

"Sobald ich im virtuellen Raum war, hatte ich auch das Gefühl, physisch präsent zu sein."

Kandidaten abzuholen und ihr Interesse zu wecken - darauf kommt es Franz Schmid von Avanade an. Da sowohl Aufwand als auch Bewerberzahlen hoch sind, bekommen bislang nur wenige derer, die es in die dritte Runde schaffen, eine Einladung zu einem Virtual-Reality-Gespräch und eine VR-Brille zugeschickt. Ist das der Fall, können sie sich vorab an die Technik gewöhnen. Denn: "VR kann auch anstrengend sein, vor allem, wenn man zum ersten Mal so eine Brille trägt. Es hilft, Pausen zu machen und die Zeit langsam zu steigern", sagt Schmid.

Bereits vor zweieinhalb Jahren hatte Franz Schmid gemeinsam mit einem Kollegen mit VR experimentiert. "Aber das war sehr teuer, nichts hat geklappt: Es ist alles immer abgestürzt." Im vergangenen Jahr beschäftigte er sich aber noch mal intensiver damit - auch weil ein großes Kundenevent wegen Corona per Video stattgefunden hatte. "Es war einfach langweilig. Danach haben wird gesagt: Wir müssen etwas ändern, um die Kunden mitzunehmen." Nach dem ersten erfolgreichen Event in VR wollte Schmid die inzwischen deutlich besseren und günstigeren Brillen auch fürs Recruiting einsetzen, um neue Talente anzuziehen, sich von anderen Unternehmen abzugrenzen und Innovation vorzuleben. Schmid sagt, Avanade würde auch darüber nachdenken, Büros verschiedener Standorte virtuell nachzubauen, damit Bewerber ihren potenziellen Arbeitsplatz direkt sehen können. Außerdem werde überlegt, virtuelle Interviews als Assessment-Center aufzubauen.

Diese Art von Bewerbungsgespräch könnte auch ein Anreiz sein, sich für einen Job bei Avanade zu entscheiden. Bei Hariharasudhan Gunasekaran war das so. Der 29-jährige Softwareentwickler hatte sich bei Avanade auf eine Stelle als Modern Workplace Developer beworben und startet im März am Standort Düsseldorf. Er wird unter anderem die virtuelle Mitarbeitersuche weiterentwickeln. Wie das Unternehmen VR einsetze, habe definitiv eine Rolle dabei gespielt, Avanade als Arbeitgeber zu wählen und zwei andere Angebote abzulehnen, sagt er.

Sein Bewerbungsgespräch ist ihm im Gedächtnis geblieben: "Sobald ich im virtuellen Raum war, hatte ich auch das Gefühl, physisch präsent zu sein." Dass die Avatare und ihre Hand- und Lippenbewegungen so echt ausgesehen und sich kaum von der Realität unterschieden hätten, habe ihn sehr beeindruckt. "Und was ich an VR am meisten liebe, ist, dass man diesen endlosen Raum verwenden kann."

KI-Technologien werden eingesetzt, um Sprachtipps zu geben

Während Avanade mit VR experimentiert, sind viele Unternehmen beim digitalen Recruiting nach wie vor nicht zeitgemäß aufgestellt. Häufig müsse man sich vor einer Bewerbung registrieren, was völlig unnötig sei und viele Interessenten abschrecke, sagt Robindro Ullah. "Im technischen Bereich liegt noch ganz viel im Argen, was Unternehmen leicht beheben könnten." Da nicht alle Menschen Erfahrung mit Home-Office haben, sei es außerdem wichtig, über verschiedene Varianten der Bewerberauswahl nachzudenken. "Die Pandemie war auch ein Sprachbeschleuniger. Podcasts sind völlig in die Höhe geschossen, plötzlich gibt es lauter Social-Audio-Networks."

Auch das Münchner Start-up PREZP setzt auf Sprache: Es bietet Online-Kommunikationstrainings an, bei denen ein digitales Analysetool mittels künstlicher Intelligenz (KI) fundiertes Feedback zu Stimmhöhe, Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit und der Anzahl und Länge der Sprechpausen gibt. Außerdem untersucht es, ob ein Vortrag zu viele Füllwörter und Wortwiederholungen enthält und ob die Wortwahl positiv oder negativ wirkt. Aspekte, die bei Vorstellungsgesprächen sehr wichtig seien, um das Gesagte - und damit auch sich selbst - überzeugender zu verkaufen, sagt Marcus Schmid. Gemeinsam mit Marijo Grman hat er PREZP gegründet. Per Smartphone, Tablet oder über den Desktop lässt sich die Stimme über eine App immer und überall trainieren.

Um Redeangst abzubauen, liefert das Start-up mit einem VR-Training ein weiteres digitales Hilfsmittel, um auch für (Online-)Bewerbungsprozesse besser gewappnet zu sein. 2020 gingen die Gründer mit dem ersten Entwurf ihrer Angebote an den Markt. "Seit über einem Jahr sind wir am Feilen und Verbessern", sagt Marcus Schmid. Mithilfe einer VR-Brille können Vorträge vor Publikum geübt werden. So ist es möglich, die Angst zu verringern - oder sogar zu überwinden. Für das Gehirn macht es nämlich keinen Unterschied, ob man sich real oder virtuell in einer angstauslösenden Situation befindet, haben Forschende der Universität Basel herausgefunden.

Marcus Schmid sagt: "Auch die Augenbewegungen und die Dauer des Blickkontaktes mit dem Publikum werden mithilfe der VR-Brille analysiert." Um ein realistisches virtuelles Publikum anbieten zu können, hat das Münchner Start-up 300 Personen im Audimax der TU München in verschiedenen Situationen gefilmt. In Zukunft will PREZP auch unterschiedliche Szenarien wie etwa Bewerbungs- oder Verkaufsgespräche virtuell nachbauen. Allerdings sei solch ein Repertoire sehr teuer und Investoren hätten sie bislang bewusst noch nicht mit ins Boot geholt, so der 39-Jährige.

Beim digitalen Recruiting wird es spannend bleiben, denn die virtuelle Welt entwickelt sich im Höchsttempo: 2022 soll das Unternehmen Oculus, das vor einigen Jahren von Facebook aufgekauft wurde, eine VR-Brille auf den Markt bringen, die Mimik registriert, aufzeichnet und in Echtzeit ins Cyberspace sendet. Auch Apple plant, 2022 solch eine Brille zu präsentieren. Dann wird es wohl möglich sein, sich in einem Bewerbungsgespräch mit einem realen Lächeln für einen virtuellen Kaffee zu bedanken.

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