Spuren der Gewalt "Jetzt kommen auf Kambodscha große Probleme zu"

Öffentliche Gesundheitszentren haben deshalb oft nur von sieben oder acht Uhr morgens bis mittags geöffnet. Im Sommer ist es um zehn Uhr morgens bereits so heiß, dass man das Haus nicht verlassen mag, schon gar nicht mit einem Kind. Manche Patienten müssen auch in den kühlen Morgenstunden arbeiten und werden daher zu Privatpatienten.

Bei allen Qualen und Problemen ist Ros Moms Krankengeschichte ein seltener Erfolg, der jäh enden könnte, wenn sie sich wieder einmal die Medikamente nicht leisten kann. Nach Angaben der kambodschanischen Nichtregierungsorganisation Mopotsyo leben in Kambodscha die meisten Diabetiker nicht lange. Bei einer untersuchten Gruppe von 500 Diabetikern lag die durchschnittliche Lebensspanne nach der Diagnose bei vier Jahren. Nur einer von zehn überlebt mehr als ein Jahrzehnt mit der Krankheit.

Die hohe Todesrate hängt auch damit zusammen, dass die Betroffenen die Krankheit oft nicht bemerken - oder erst sehr spät. Die Patienten würden die frühen Symptome wie Durst, Hunger, Müdigkeit oder ein taubes Gefühl in Händen oder Füßen oft übersehen, sagt Lim Keuky. "Ohne rechtzeitige Behandlung sterben sie."

Freiwillige Helfer gehen in den Dörfern von Tür zu Tür, testen Blutzucker, klären auf

Auf halber Strecke zwischen Siem Reap und Phnom Penh liegt die Provinz Kampong Thom, in der gleichnamigen Stadt sitzt die Bezirksregierung. Dort hat Tuot Bunnareth sein Büro und versucht, zusammen mit der lokalen Regierung, ein Gesundheitssystem aufzubauen, das auch arme Menschen auffängt, wenn sie krank werden. "Die meisten dieser Toten wären vermeidbar", sagt der Arzt, der für die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ arbeitet.

Diese unterstützt auch die Patientenorganisation Mopotsyo, die Diabetiker trainiert, ihr Wissen in Dörfern und Gemeinden weiterzugeben. Sie ziehen von Haus zu Haus, erklären die Krankheit und bieten einen Zuckertest an. "So können wir Diabetes erkennen, bevor er bleibenden Schaden angerichtet hat", sagt Chum Yim, die für Mopotsyo arbeitet. Und sie freut sich über das kleine Zusatzeinkommen.

Von den etwa 60 Cent, die der Test an der Haustür kostet, dürfen die Berater einen Teil behalten, der Rest geht an Mopotsyo. "Es hat in Deutschland für viele einen schlechten Beigeschmack, wenn Helfer für ihre Arbeit bezahlt werden, und es nicht nur aus Idealismus machen", sagt Bernd Appelt, der die GIZ-Projekte zum sozialen Gesundheitsschutz in Kambodscha leitet. Er sieht darin ein sehr effizientes System, um mit geringen Ressourcen in kurzer Zeit einen möglichst großen Teil der Bevölkerung zu erreichen.

Zeigt der Zuckertest einen kritischen Wert an, empfehlen die freiwilligen Berater den Betroffenen einen Besuch im nächsten Gesundheitszentrum oder Krankenhaus. Im Baray Santuk Referral Hospital nahe Kampong Thom ist zum Beispiel jeden Samstag Diabetessprechstunde für die Patienten aus den Dörfern. Drei Ärzte sitzen dann in einem kleinen Seitengebäude und kümmern sich um die externen Patienten. "Zu jedem Termin kommen etwa 100 Erkrankte", sagt der Chirurg Meas Viwath, einer von zehn Ärzten, die im Krankenhaus arbeiten.

Seit der alte Klinikdirektor in Rente ist und ein neuer die Aufgaben übernommen hat, haben die Menschen Vertrauen gefasst. Nicht nur zur Diabetesberatung kommen sie, "die Belegzahlen steigen insgesamt", sagt Tuot Bunnareth der die Klinikleitung unterstützt. 55 Betten hat das Krankenhaus, "selten steht eines leer", sagt Meas Viwath. Es gibt jetzt auch eine Notaufnahme, die permanent geöffnet ist.

Die Probleme des Gesundheitssystems mögen speziell sein in Kambodscha, die Entwicklung der Diabeteszahlen könnte andere Länder jedoch warnen. Die Bekämpfung der Infektionskrankheiten habe gut geklappt, sagt Tuot Bunnareth. "Jetzt kommen auf Kambodscha große Probleme mit den chronischen Krankheiten zu." Die töten weniger auffällig als Infektionen, verursachen aber riesige wirtschaftliche Schäden. Nahezu alle Länder, in denen sich erster Wohlstand entwickelt, geraten in diese Phase. "Diabetes ist im gesamten südostasiatischen Raum ein Problem", sagt Lim Keuky.

Dass der Anstieg der Fallzahlen in Kambodscha aber wahrscheinlich nicht nur ein Wohlstandseffekt ist, zeigen ältere Untersuchungen aus Indien. In ländlichen Regionen herrschte dort lange Hunger. Unterernährte Mütter brachten Kinder zur Welt, deren Körper Energie schnell in Fett umwandelt. Zogen sie in die Stadt, wo es Nahrung im Überfluss gab, hatten sie ein höheres Risiko, Übergewicht und Diabetes zu entwickeln, als Kinder, die in der Stadt geboren wurden. Auch das gilt als Hinweis auf epigenetische Effekte, die bei Kindern hungernder Mutter langfristig wirken.

Elf Flugstunden von der Diabetesklinik in Siem Reap entfernt arbeitet Elisabeth Binder am Münchner Max-Planck-Institut an der Frage, welche genetischen und epigenetischen Mechanismus zur Entstehung von Krankheiten führen. Außer Veränderungen in der Umwelt gebe es zurzeit keine Möglichkeit zu verhindern, dass die biologischen Effekte von Gewalterfahrungen, Armut und Hunger an die nächste Generation weitergegeben werden, sagt die Medizinerin. Damit meint sie zum Beispiel therapeutische Arbeit mit Traumatisierten und ein Leben in einer friedlichen Umgebung ohne neue Gewalterfahrungen. Durch Medikamente lassen sich die chemischen Markierungen auf dem Erbgut heute noch nicht gezielt beeinflussen, um die Spuren der Vergangenheit zu verwischen.

Das bedeutet aber nicht, dass Ärzte und Patienten diesen Effekten nichts entgegensetzen können. Obwohl das epigenetische Programm mindestens einer Generation von Kambodschanern durcheinandergeraten ist, ließen sich die meisten Diabetesfälle verhindern. Die Anfälligen müssten nur ihr Verhalten anpassen, wie Lim Keuky seinen Patienten immer erklärt. Eines seiner Werkzeuge im Kampf gegen Diabetes sind deshalb Tausende Schulhefte, auf deren Umschläge der Mediziner Empfehlungen gegen Diabetes als Comics drucken ließ. "Beweg dich mehr, iss weniger. Hör auf das, was der Arzt dir sagt", lautet der letzte Tipp in den Schulheften. Manchmal ist es so einfach.

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung des European Journalism Centre über dessen Global Health Journalism Grant Programme umgesetzt. Die weiteren Artikel der Serie "Spuren der Gewalt" finden Sie unter: sz.de/spurendergewalt

Spuren der Gewalt Die Seele leidet fürchterlich

Spuren der Gewalt

Die Seele leidet fürchterlich

Auch wenn das Meer bezwungen und Deutschland erreicht ist, sind viele Flüchtlinge schwer traumatisiert. Die Geschichte von Samira Aziz, die keine andere Wahl hat, als weiterzuleben.   Von Astrid Viciano