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OECD-Studie:Trotz hoher Gesundheitskosten: Lebenserwartung der Deutschen nur Mittelfeld

Obdachloser Mann steht unter einer Brücke am Bahnhof Zoo Berlin Deutschland

Die Kosten für die Gesundheit in Deutschland steigen, aber die Versorgung wird nicht für alle besser.

(Foto: imago/Ralph Peters)
  • Ein Bericht der Europäischen Kommission und der OECD zeigt die Unterschiede in der Gesundheitsversorgung innerhalb Europas auf.
  • Deutschland ist bei der Lebenserwartung nur im Mittelfeld, obwohl die Gesundheitsausgaben vergleichsweise hoch sind.
  • Wer einen höheren Bildungsgrad und überdurchschnittliches Einkommen aufweist, lebt länger und gesünder. Armut macht hingegen krank.

Die gute Nachricht zuerst: In der EU ist die Lebenserwartung seit 1990 um mehr als sechs Jahre gestiegen und zwar von 74,2 Jahren im Jahr 1990 auf 80,9 Jahre 2014. Dennoch gibt es noch immer große Ungleichheit sowohl zwischen den Ländern als auch innerhalb der einzelnen Staaten. Wer in Westeuropa wohnt, lebt im Durchschnitt mehr als acht Jahre länger als die Menschen in Mittel- und Osteuropa, wo die Lebenserwartung am niedrigsten ist. Der neu erschienene gemeinsame Bericht der Europäischen Kommission und der OECD zeigt die Unterschiede und Entwicklungen aller 28 EU-Mitgliedstaaten sowie von fünf Beitrittskandidaten - sowie drei Ländern der Europäischen Freihandelsassoziation.

Deutschland liegt im EU-Vergleich nur im Mittelfeld, lediglich knapp über dem Durchschnitt der Lebenserwartung. Mädchen, die 2014 geboren sind, können demnach damit rechnen, 83,6 Jahre alt zu werden. Die Lebenserwartung von Jungen liegt bei 78,7 Jahren. In Spanien, Frankreich, Italien und Portugal ist die Lebenserwartung um bis zu drei Jahre höher, auch die Schweden, Griechen und Finnen liegen in dieser Statistik vor den Deutschen. Ein teures Gesundheitswesen bedeutet deshalb nicht zwingend, dass die Menschen auch länger leben.

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Die Forscher betonen deshalb auch, dass der neue Rekord in der Lebenserwartung nicht automatisch bedeutet, dass die Menschen auch gesund älter werden. Etwa 50 Millionen Menschen in der EU sind mehrfach chronisch krank, und mehr als eine halbe Million Menschen im erwerbsfähigen Alter sterben jedes Jahr an diesen Leiden. Daraus entstehen jährliche Kosten von etwa 115 Milliarden Euro.

Etwa 1,2 Millionen Todesfälle in der EU ließen sich durch bessere Vorbeugung vermeiden

Was Sozialmediziner schon lange beklagen, zeigt auch die aktuelle Studie: Dass die Menschen innerhalb der Länder unterschiedlich gesund sind und eine teilweise deutlich abweichende Lebenserwartung haben, ist vor allem auf soziale Ungleichheit zurückzuführen. Wer einen höherem Bildungsgrad und überdurchschnittliches Einkommen aufweist, lebt länger und gesünder. Armut macht hingegen krank. Zumeist liegt das an unterschiedlichen Lebensstilen und Gesundheitsrisiken, aber auch daran, dass der Zugang zu einer guten medizinischen Versorgung oft von Geld und Bildung abhängt. Einmal im sozialen Abseits, verstärkt sich die Not: Wer krank ist oder stark übergewichtig, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit arbeitslos.

Im Jahr 2013 starben in den EU-Ländern mehr als 1,2 Millionen Menschen an Krankheiten und Verletzungen, die sich durch Vorbeugung oder eine schnellere und bessere Gesundheitsversorgung wahrscheinlich hätten verhindern lassen. Zahlreiche Umweltfaktoren und ungesunder Lebensstil erhöhen die Zahl vorzeitiger Todesfälle durch akuten Herzinfarkt, Lungenkrebs und Schlaganfall. Mit mehr Bewegung, ausgewogener Ernährung und einer besseren Balance zwischen Stress und Entspannung ließen sich viele Leiden lindern oder sogar verhindern.

Würde sich der Alkohol- und Tabakkonsum verringern, könnten ebenfalls etliche verfrühte Todesfälle in Europa vermieden werden. Trotz Regulierung und Besteuerung sowie diverser Aufklärungskampagnen raucht in der EU noch immer jeder fünfte Erwachsene mindestens einmal täglich Zigarette, Zigarre oder Pfeife. Mehr als jeder fünfte Erwachsene in den EU-Ländern konsumiert mindestens einmal monatlich sehr viel Alkohol. Jeder sechste Erwachsene ist so stark übergewichtig, dass Ärzte von Fettleibigkeit sprechen, während dies im Jahr 2000 noch für jeden neunten Erwachsenen zutraf.

In Griechenland sind viele nicht ausreichend versichert

Die Qualität der medizinischen Versorgung hat sich in den meisten EU-Ländern zwar verbessert, jedoch bestehen nach wie vor große Ungleichheiten. Lebensbedrohende Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs können besser behandelt werden, was zu höheren Überlebensraten führt. Hätten noch mehr Menschen Zugang zu einer hochwertigen Versorgung, ließe sich die Gesundheit der Bevölkerung weiter verbessern und die gesundheitliche Ungleichheit verringern. In den meisten EU-Ländern gibt es eine flächendeckende Gesundheitsversorgung. In Zypern, Griechenland, Bulgarien und Rumänien sind jedoch mehr als zehn Prozent der Bevölkerung nicht in der Lage, die Kosten für ihre gesundheitliche Versorgung aufzubringen.

Wie gut es um die Gesundheit in einem Land tatsächlich steht, zeigt sich auch daran, wie viele Einwohner über eine Krankenversicherung verfügen - und welche Leistungen darin enthalten sind und wann eine Kostenbeteiligung fällig wird. Der Anteil der Bevölkerung in der Europäischen Union, deren Versorgung nur unzureichend gedeckt ist, war bis zur Wirtschaftskrise 2009 zwar gering, ist seither jedoch in mehreren Ländern gestiegen, insbesondere in den Haushalten mit den niedrigsten Einkommen.

Seit dem Jahr 2000 ist in fast allen EU-Ländern die Anzahl der Ärzte pro Kopf gestiegen, und zwar im Durchschnitt um 20 Prozent - von 2,9 Ärzten je 1000 Einwohner im Jahr 2000 auf 3,5 im Jahr 2014. Allerdings hat die Anzahl der Fachärzte deutlich schneller zugenommen als jene der Hausärzte, sodass in allen EU-Ländern das Verhältnis von Fachärzten zu Hausärzten inzwischen mehr als zwei zu eins beträgt. In vielen Ländern stellt auch die ungleichmäßige geografische Verteilung der Ärzte nach wie vor ein Problem dar - Menschen in ländlichen und abgelegenen Gebieten werden häufig nicht ausreichend medizinisch versorgt. Auch Ärzte zieht es dorthin, wo sie attraktive Lebensbedingungen vorfinden.

Weil die Bevölkerung immer älter wird, stehen die Gesundheitssysteme vor neuen Herausforderungen. In allen EU-Ländern ist der Anteil der Einwohner über 65 Jahren im Durchschnitt von weniger als zehn Prozent im Jahr 1960 auf fast 20 Prozent im Jahr 2015 gestiegen. Bis zum Jahr 2060 dürfte der Anteil auf 30 Prozent anwachsen. Gegenwärtig leiden etwa 50 Millionen Menschen in der EU an zwei oder mehr chronischen Erkrankungen. Die meisten der Betroffenen sind über 65 Jahre alt.

Auch deshalb wird Gesundheit immer teurer: Im Jahr 2015 betrug der Anteil der Ausgaben im Gesundheitswesen am Bruttoinlandsprodukt der gesamten EU 9,9 Prozent. Im Jahr 2005 lag er noch bei 8,7 Prozent. Deutschland steht hier mit 11,1 Prozent an der Spitze. In allen Ländern dürfte der Anteil der Ausgaben im Gesundheitswesen in den nächsten Jahren zunehmen, hauptsächlich aufgrund der Bevölkerungsalterung und der Verbreitung neuer Diagnose- und Therapiemethoden. Außerdem wird der Druck auf die Regierungen stärker werden, eine Antwort auf den wachsenden Pflegebedarf zu finden.

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