Psychologie:Wenn Diversität zulasten der Patienten geht

Psychologie: Diversität im medizinischen Personal kann positive Auswirkungen haben, aber auch Gefahren bergen.

Diversität im medizinischen Personal kann positive Auswirkungen haben, aber auch Gefahren bergen.

(Foto: Yuri Arcurs peopleimages.com/IMAGO/Zoonar II)

Vielfalt kann Konflikte in Gruppen verschärfen. In Kliniken erhöht das unter Umständen die Gefahr für Kunstfehler. Wie sich das verhindern lässt.

Von Sebastian Herrmann

Wo Menschen zusammenkommen, bilden sich Gruppen. Und wo sich Gruppen bilden, besteht die Gefahr, dass diese zu Grüppchen zerfallen. Das gilt, natürlich, auch für Teams, die sich in Krankenhäusern um Patienten kümmern. Unter Umständen kann das in besonderem Maße in solchen Gruppen passieren, die sich mit dem Gegenwartswort "divers" beschreiben lassen: Wenn sich in einer vielfältigen Gruppe Mitglieder entlang von Merkmalen wie Geschlecht oder Hautfarbe zu informellen Untergruppen oder Koalitionen zusammenschließen, kann das Konflikte verschärfen und dadurch schließlich Patienten gefährden.

Das legt eine Studie von Wissenschaftlern um Ren Li von der Hong Kong Polytechnic University nahe. Das Team wertete Daten von 1102 Angestellten aus 38 Krankenhaus-Teams und 4138 Patienten in den USA aus und publizierte die Ergebnisse im Fachjournal PNAS. Wo sich starke Bruchlinien entlang solcher Identitätsmerkmale bildeten, kam es demnach häufiger zu unguten Konflikten innerhalb der Teams. Und die Konflikte zwischen den Angestellten hatten Folgen für die medizinische Qualität: Je zehn Prozent Zunahme der Konfliktintensität in den Gruppen stieg die Mortalitätsrate unter den behandelten Patienten um 10,59 Prozent und die Wahrscheinlichkeit für Infektionen im Krankenhaus um 8,87 Prozent.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Diversität ein zweischneidiges Schwert sein kann, welches das Potenzial dazu hat, entweder Schaden anzurichten oder einen Nutzen zu haben", schreiben die Forscher um Li. Es komme darauf an, wie Vielfalt in Gruppen organisiert werde. Klar scheint zu sein, dass sich in einer Gruppe mit Mitgliedern vielfältiger Identitätsmerkmale nicht automatisch unterschiedliche Perspektiven zu einem größeren, positiven Ganzen zusammenfügen, wie zum Beispiel Wissenschaftler um Stefan Razinskas von der FU Berlin in einer Überblicksarbeit im Fachjournal Applied Psychology zeigen.

Diversität kann eine Stärke sein, wenn die Konfliktkultur stimmt

In diversen Gruppen besteht die Gefahr sogenannter Faultlines, wie es in der englischsprachigen Fachliteratur heißt, auf Deutsch vielleicht: Bruchlinien. Diese bilden sich, wenn Menschen sich aufgrund von mindestens zwei Identitätsmerkmalen zusammentun - zum Beispiel männlich und Arzt oder weiblich und Krankenschwester. Dabei handelt es sich um eine vermutlich urmenschliche Neigung, sich anderen anzunähern, die einem ähnlich sind. In der Regel geschieht das nicht einmal bewusst, man ist einander halt irgendwie näher und tut sich zusammen. "Das sind eher informelle Untergruppen, die sich dann bilden", sagt Razinskas, der selbst zum Phänomen Faultlines forscht.

Betont werden muss, dass dies auch noch kein Problem per se ist. "Aus solchen Bruchlinien ergeben sich nicht immer Konflikte im gleichen Ausmaß", schreiben die Forscher um Li in PNAS. Das Problem entsteht erst dann, wenn die Identifikation mit den Untergruppen stärker ist als jene mit dem Gesamtteam oder dem gemeinsamen Ziel, an dem gearbeitet wird. Oder einfacher ausgedrückt: Vielfalt kann dann zur Last werden, wenn Unterschiede zu stark betont werden. Das kann, so die Forscher um Li, zu einem sich selbst verstärkenden Prozess werden: Je tiefer die Bruchlinien innerhalb eines Team sind, desto ausgeprägter sei dann auch die Tendenz zu sozialer Kategorisierung.

Wenn in den Gruppen aber eine gute Konfliktkultur herrsche, so die Forscher um Li, könne Diversität eine Stärke sein. In den untersuchten Krankenhausteams standen soziale Bruchlinien in Gruppen dann sogar mit geringeren Streitereien in Zusammenhang, wenn in diesen Gemeinschaften Konflikte respektvoll ausgetragen wurden und unterschiedliche Meinungen und Standpunkte ohne Furcht vor Konsequenzen geäußert werden konnten. Im Durchschnitt standen tiefere Gräben in den Gruppen allerdings mit einem erhöhten Maß an unhöflich ausgetragenen Streitereien in Zusammenhang.

Die Autoren um Li plädieren deshalb dafür, in diversen Gruppen gezielt für eine respektvolle Konfliktkultur zu sorgen. Ob das so einfach geht? "Das hängt natürlich stark von den jeweiligen Führungskräften ab", sagt Razinskas. Hilfreich sei auf jeden Fall, so der Wirtschaftswissenschaftler, wenn es in Gruppen eine klare Hierarchie gibt. Wo diese nämlich fehlt, bricht rasch scharfe Konkurrenz um Status aus. Und Konkurrenz bringt Konflikte - egal ob die Mitglieder einer Gruppe sich in ihren Identitätsmerkmalen unterscheiden oder nicht. Streit wiederum provoziert Fehler, im Krankenhaus und anderswo.

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