Corona-Medikamente:Und wieder gehen die Ärmsten leer aus

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Corona-Medikamente: Temperaturmessung bei kenianischen Schülern: In ärmeren Staaten könnten viele Kinder vom Medikament Paxlovid profitieren.

Temperaturmessung bei kenianischen Schülern: In ärmeren Staaten könnten viele Kinder vom Medikament Paxlovid profitieren.

(Foto: SIMON MAINA/AFP)

Erst bekamen die armen Staaten keine Covid-Impfstoffe, nun erleben sie dasselbe mit neuen Medikamenten wie Paxlovid. Experten warnen vor einem "gefährlichen Präzedenzfall".

Von Berit Uhlmann

Angesichts der stagnierenden deutschen Impfkampagne kann man leicht vergessen, dass es noch immer in Teilen der Welt an Covid-Vakzinen mangelt. Aktuell haben in den armen Staaten nur knapp 15 Prozent mindestens eine Spritze bekommen. Die ungleiche Verteilung der Impfstoffe wurde immer wieder kritisiert und immer wieder wurde Besserung gelobt. Und doch scheint sich die Entwicklung momentan auch bei Paxlovid zu wiederholen, jenem Medikament, das einen der größeren Hoffnungsträger für die Behandlung von Covid-19 darstellt. Beim Ankauf des Mittels, das in Tablettenform eingenommen wird und das Risiko von schweren Covid-Verläufen um bis zu 89 Prozent senken kann, haben ärmere Staaten derzeit das Nachsehen.

Bis heute haben etwa ein Dutzend wohlhabende Länder das Medikament des US-Herstellers Pfizer für insgesamt 28,5 Millionen Menschen geordert, wie aus Daten der US-amerikanischen Duke University hervorgeht. Das entspricht einem Viertel der von Pfizer geplanten Jahresproduktion. Die USA sind mit 20 Millionen Packungen dabei, Großbritannien mit 2,75 Millionen und Deutschland orderte schon Wochen vor der EU-Zulassung Tabletten für eine Million Einwohner. Sie seien "insbesondere für die Behandlung ungeimpfter Risikopatienten" geeignet, hatte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gesagt.

Von solchen Menschen gibt es in den ärmsten Staaten besonders viele. Dennoch steht kein einziges dieser Länder auf der Bestellerliste von Paxlovid. Bisher können ihre Einwohner allenfalls von der Zusage Pfizers profitieren, im Laufe des Jahres Paxlovid an das Kinderhilfswerk Unicef abzugeben. Die Lieferung soll "bis zu vier Millionen" Packungen umfassen - gedacht für junge Patienten in 95 Ländern. Den Bedarf dürfte diese Menge nicht decken.

Nicht einmal Forschung ist in ärmeren Staaten mit dem Mittel möglich

Die Benachteiligung der ärmeren Staaten geht so weit, dass sie offenbar nicht einmal auf Medikamente für Studien hoffen können. Denn nach Angaben der Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDI), einer internationalen Forschungsorganisation, die mit Wissenschaftseinrichtungen auf der ganzen Welt zusammenarbeitet, blockiert Pfizer die Forschung in weniger wohlhabenden Staaten.

Die Initiative hatte um Tabletten für etwa 1000 bis 2000 Patienten gebeten, um das Medikament weiteren Tests zu unterziehen. Konkret sollte geprüft werden, inwieweit sich ein großer Nachteil des Präparats umgehen lässt, der besonders in ärmeren Staaten zum Tragen kommt. Die Einnahme von Paxlovid muss möglichst früh nach der Infektion, spätestens aber fünf Tage nach Symptombeginn starten. In Regionen, in denen auch die diagnostischen Ressourcen knapp sind, ist dies schwer zu schaffen. Daten der DNDI deuten darauf hin, dass sich mehr als die Hälfte der Covid-Patienten erst nach dem fünften Krankheitstag in Behandlung begeben können. Daher wollte die Initiative testen, ob sich das Zeitfenster durch die Kombination mit anderen Medikamenten weiter öffnen lässt. Doch daraus scheint zunächst nichts zu werden.

"Es ist schwer nachzuvollziehen, warum man inmitten einer weltweiten Pandemie die Zusammenarbeit verweigert", sagt DNDI-Mitarbeiterin Nathalie Strub-Wourgaft, die bei der Organisation für die Covid-19-Forschung zuständig ist. Sie warnte zugleich vor einem "gefährlichen Präzedenzfall", da es viele andere vielversprechende antivirale Medikamente in der Pipeline gebe, für die Folgeforschung nötig ist, damit sie optimal in ärmeren Staaten eingesetzt werden können.

Forschung in möglichst verschiedenen Umgebungen sei nötig, unterstreicht auch Márcio da Fonseca, Infektionsspezialist der Organisation Ärzte ohne Grenzen. Die Faktoren, die Gesundheit und Krankheit beeinflussen, können sich zwischen den ärmeren und reicheren Regionen erheblich unterscheiden. Daher müssen verschiedene Behandlungsstrategien evaluiert werden, einschließlich des Zeitpunkts, möglicher Medikamentenkombinationen und der Frage, für welche Patienten die Therapie in der Praxis am besten geeignet ist. Er fordert: "Das Gewinninteresse privater Unternehmen darf die Durchführung notwendiger Forschungsarbeiten nicht verhindern, zumal dies mit dem Risiko von mehr Leid und Tod verbunden ist."

Pfizer erschwert offenbar die Produktion von preiswerten Generika

Zugleich kritisierte die DNDI, dass Pfizer auch die Bereitstellung von preiswerten Nachahmerpräparaten erschwere. Das Unternehmen hatte zwar zugestimmt, dass auch andere Unternehmen das Medikament produzieren dürfen. Doch laut DNDI haben einige dieser Hersteller Probleme, Paxlovid als Referenzarznei zu erhalten. Sie benötigen diese, um nachzuweisen, dass ihre Präparate dem Original entsprechen.

Márcio da Fonseca forderte das Unternehmen auf, Paxlovid-Muster bereitzustellen: "Und dies muss dringend geschehen: Einige Prognosen gehen davon aus, dass dieses Medikament sonst erst 2023 für Menschen in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen verfügbar sein wird, was nicht akzeptabel ist."

Pfizer äußerte sich nicht konkret zu den Vorwürfen, sondern teilte mit, dem Unternehmen sei bewusst, welche wichtige Rolle zusätzliche Daten und Informationen für das Pandemiemanagement der Regierungen spielen können. "Wir haben uns zu gut kontrollierten, hypothesengeleiteten klinischen Studien verpflichtet, die Daten liefern können, die von den globalen Zulassungsbehörden akzeptiert werden und somit den höchsten Nutzen für Patient:innen liefern", teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. "Weitere Studien zu Paxlovid laufen bereits oder werden aktuell geprüft."

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