Als Familie sicher im Netz Zocken Sie mit Ihren Kindern!

Kinder spielen mit einem Smartphone. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rät, die Smartphones, Computer, Tablets und Fernseher nur zeitlich begrenzt in Kinderhände zu geben.

(Foto: imago)

Die jüngsten Hackerangriffe haben viele Eltern verunsichert. Wie kann man seine Familie im Netz schützen? Sichere Passwörter alleine reichen nicht. Wichtig ist, sich für den Nachwuchs zu interessieren.

Von Caspar von Au, Jannis Brühl, Dirk von Gehlen, Mirjam Hauck und Max Muth

Wie kann man seine Familie vor Hackern schützen? Wie macht man seine Kinder sinnvoll mit dem Thema IT-Sicherheit vertraut? Mitte Januar hat die SZ ihre Leser befragt, was sie zum Thema IT-Sicherheit in der Familie bewegt. Die Digital-Experten der Redaktion beantworten die interessantesten Fragen.

Welches Passwort soll mein Kind wählen?

Richten Sie Ihrem Kind nicht das Passwort ein, das Sie selbst benutzen. Die Grundregeln für ein sicheres Passwort sind allerdings für Kinder dieselben wie für Erwachsene: Bei neuen Geräten immer die voreingestellten Passwörter ändern. Keine einzelnen Wörter verwenden, besonders gängige Passwörter wie "passwort" oder "123456" sind tabu. Wer manche Buchstaben durch Sonderzeichen ersetzt, sollte wissen: Solche billigen Tricks können die Algorithmen der Hacker auch. Ab acht Zeichen ist ein Passwort einigermaßen sicher, besser sind zwölf oder 16 Zeichen. Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, es sich zu merken, sind Sätze aus mehreren Worten einfacher zu merken. Schlecht sind allerdings offensichtliche Phrasen wie "DuKommstNichtVorbei", denn die lassen sich in diesem Kontext leicht erraten.

Wie sichere ich mein Heimnetzwerk ab?

IT-Sicherheit zu Hause fängt mit einem gut gesicherten Heimnetzwerk an. Erster Schritt sollte es sein, das voreingestellte Wlan-Passwort zu ändern. Ebenfalls ändern sollten Sie das Passwort für den Zugang zu Ihrem Router, wie in der Anleitung beschrieben. Den Fernzugriff auf den Router sollten Sie deaktivieren - wenn Sie den beruflich brauchen, kennen Sie sich ohnehin so gut aus, dass diese Tipps für Sie überflüssig sind. Alle für Router und Wlan verwendeten Passwörter sollten gängigen Regeln zur Passwortsicherheit entsprechen. Ebenfalls essenziell: Achten Sie darauf, dass alle Geräte die neuesten Software-Updates verwenden.

Das gilt für Router, Betriebssysteme und Apps auf Mobilgeräten ebenso wie für alle anderen Geräte, die mit dem Internet verbunden sind. Dazu gehört heutzutage in vielen Haushalten alles Mögliche, vom Fernseher bis zum Thermostat oder gar dem Toaster. Angriffe auf Ihr Heimnetzwerk müssen nämlich nicht über Ihren Router erfolgen, Hacker können auch über andere Geräte eindringen, die mit dem Internet verbunden sind. Deshalb sollten Sie sich beim Kauf neuer Geräte immer die Frage stellen, ob diese tatsächlich mit dem Internet kommunizieren müssen. Ob solche Geräte sicher sind und regelmäßige Updates anbieten, soll Plänen der Bundesregierung zufolge in Zukunft ein IT-Sicherheitszertifikat anzeigen. Bis dahin sollten Sie sich vor dem Kauf beim Händler informieren, welche Möglichkeiten es gibt, das Produkt abzusichern. Auf Computern, die auch Kinder nutzen, sollten Sie einen Admin-Account einrichten, auf den nur Sie Zugriff haben. Kinder sollten lediglich einen eingeschränkten Account nutzen, der keine Einstellungen ändern kann und auf dem gegebenenfalls auch eine Kindersicherung aktiviert ist. Auf Mobilgeräten helfen dabei spezielle Apps.

Was taugen Jugendschutz-Apps auf Handys und Familien-Accounts auf großen Plattfomen?

Google, Microsoft, Amazon, Apple, Netflix: Alle großen Plattformen bieten für ihre Produkte mittlerweile Einstellungen oder Extra-Programme für Eltern an, die ihre Kinder im Netz schützen wollen. Mit einem extra eingerichteten Netflix-Account zum Beispiel können die Kinder nur auf Filme und Serien zugreifen, die für bestimmte Altersklassen freigegeben sind. Eltern können auch Serien oder Filme einzeln freigeben oder blockieren, wenn sie mit den Altersfreigaben der FSK nicht zufrieden sind. Auf der Videoplattform von Amazon muss bei eingeschalteter Kindersicherung eine PIN eingegeben werden, um einen nicht jugendfreien Inhalt ansehen zu können.

Apps wie Microsoft Family Safety, Apple Parental Controls oder Google Family Link bieten die Möglichkeit, Internet- oder Gaming-Nutzungszeit für die Geräte der Kinder altersgemäß zu beschränken. Bei den großen Anbietern von Betriebssystemen für PCs, Smartphones und Tablets gibt es auch einen General-Filter für Browser (zum Beispiel für iOS unter der Funktion "Bildschirmzeit" oder für Android unter "eingeschränktes Profil"). Diese Filter sind allerdings nur bedingt zu empfehlen, wie ein Test des Magdeburger IT-Sicherheitsinstituts AV-Test Ende 2018 gezeigt hat. Demnach blockieren die Systemtools von Microsoft, Apple und Google lediglich pornografische Inhalte weitgehend zuverlässig. Allerdings gibt es viele weitere Webseiten oder Apps, die für Kinder und Jugendliche ungeeignet sein können. Dazu gehören Gewaltdarstellungen, Forenseiten, offene Chats sowie Shopping- und Dating-Seiten.

Der AV-Test-Bericht zeigt: die Jugendschutz-Filter der großen Anbieter haben riesige Lücken. Nur Amazon bietet demnach umfangreichen Schutz, allerdings auch nur, weil die Kindersicherung von Kindle-Geräten standardmäßig einen großen Teil der Internetseiten blockiert.

Besser schneiden spezielle Kinderschutz-Apps ab, wie sie einige Anbieter von IT-Sicherheitslösungen vertreiben. Sie schützen auch davor, dass Ihr Kind bei der Registrierung in Foren oder sozialen Medien seine Adresse, Telefonnummer oder anderen private Details preisgibt. Außerdem bieten diese Apps eine Melde-Funktion, die Eltern über versuchte Regelverstöße der Kinder auf dem Laufenden hält. Ob das eine gute Idee ist, müssen Eltern aber selbst entscheiden.

Wie viel Kontakt sollten Kinder mit Smartphones, Computern oder sozialen Medien haben?

Smartphones, Computer, Tablets und Fernseher sollten nur wohldosiert und zeitlich begrenzt in Kinderhände geraten, rät die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hier die Bröschüre als PDF). Ihr Empfehlung für Kinder, die jünger sind als drei Jahre: völlige elektronische Medienabstinenz. Für die bis Fünfjährigen nicht länger als 30 Minuten täglich, ab sechs Jahren höchstens 45 bis 60 Minuten. Ein Handy oder Smartphone kann es ab neun Jahren geben, eine unbeaufsichtigte Computer-/Internetnutzung nicht vor zwölf Jahren. Aber befähigen solche starren Regeln Kinder, den richtigen Umgang mit digitalen Medien zu lernen? Die Medienethikerin Ingrid Stapf fordert einen Perspektivwechsel: Eltern sollten viel öfter ihre Kinder fragen, warum sie ein bestimmtes Computerspiel spielen oder auf Youtube unterwegs sein wollen. Kinder hätten oft gute Gründe, sei es Interesse, Unterhaltung oder einfach Langeweile. Der Schutzgedanke vor den Risiken im Netz sei wichtig, aber er dominiere in Deutschland oft den Diskurs und unterschätze Kinder. Auch die "Schau-hin!"-Initiative von Familienministerium, ARD, ZDF und TV Spielfilm empfiehlt: "Kinder, die Medien kompetent und sorgsam nutzen, können auf diese Weise auch ihr Recht auf Bildung, Freizeit, Spiel und Erholung ausüben".

Sollen Eltern digitale Abstinenz vorleben? Oder sollen sie sich mehr für Digitales interessieren? Muss man sich jetzt auch noch bei Instagram reinfuchsen, nur weil die Kinder dort unterwegs sind?

Dem Pädagogen Friedrich Fröbel wird der Aphorimus zugeschrieben: "Erziehung ist Vorbild und Liebe. Und sonst nichts." Der Mann ist Mitte des 19. Jahrhunderts gestorben, der Ratschlag hilft aber auch heute bei Fragen zum Umgang mit der digitalen Techniken weiter. Eine wichtige Orientierung für Kinder bildet das Verhalten der eigenen Eltern. Wer sich also für die eigenen Kinder einen souveränen Umgang mit dem Digitalen wünscht, sollte damit bei sich selber beginnen. Einfach ist das nicht, aber zielführender als Regeln, die einzig für Kinder gelten sollen. Wenn Sie sich wünschen, dass Ihre Kinder beim Radfahren einen Helm tragen, ist es hilfreich, selber einen zu tragen. Und wer möchte, dass die Kinder lernen, das Smartphone auch mal aus der Hand zu legen, der muss das vorleben. Vorbilder funktionieren aber nur in den Bereichen, in denen Kenntnis vorhanden ist. Völlige Abstinenz ist deshalb ein schlechter Ratgeber. Im Gegenteil: Es empfiehlt sich sogar, Anwendungen und Programme selber auszuprobieren, Spiele gemeinsam mit den Kindern zu zocken und Webseiten zusammen anzuschauen. So legt man nicht nur die Grundlage für einen vertrauensvollen Umgang, man kann den Kindern auch zeigen, dass es Gebiete gibt, auf denen sie besser sind als man selber und einem etwas beibringen können.

Sollte IT-Sicherheit auch ein Thema im Schulunterricht sein?

Erst diese Woche hat Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des "Safer Internet Day" betont, dass es wichtig sei, auch Kinder mit IT-Sicherheit vertraut zu machen. Dies sei ein wichtiger Teil des Digitalpakts Schule, über den fünf Milliarden Euro vom Bund an die Länder fließen sollen. Dafür soll das Grundgesetz geändert und das Kooperationsverbot in der Bildung gelockert werden. Zurzeit hängt der Digitalpackt allerdings im Vermittlungsausschuss fest. Bisher ist Bildung ausschließlich Ländersache - und die haben oft unterschiedliche Ansätze.

In Bayern zum Beispiel soll die digitale Bildung mit dem neuen "Lehrplan Plus" stärker als bisher im Unterricht verankert werden. An Mittelschulen, Realschulen und Gymnasien sollen vom Schuljahr 2019/2020 an unterschiedliche Aspekte der IT-Sicherheit aufgegriffen werden. So sieht der Lehrplan im Fach Natur und Technik einen Schwerpunkt zu "Chancen und Risiken digitaler Kommunikation" in der siebten Jahrgangsstufe des Gymnasiums vor. Dort soll es unter anderem um die Verwendung sicherer Passwörter gehen, um Persönlichkeitsrecht und Datenschutz sowie um Gefahrenpotenziale durch Viren oder gezielt gestreute politische Falschnachrichten - allerdings in nur insgesamt fünf Schulstunden. An Realschulen und Schulen besonderer Art in München gibt es schon jetzt das Projekt "Netzgänger" in Zusammenarbeit mit dem Suchthilfeverein Condrobs. In dem lernen die Schüler, wie sie mit eigenen Daten umgehen und sie schützen.

Wie hilft der Staat dem Bürger?

Auch hier gibt es in den 16 Bundesländern viele unterschiedliche Ansätze und Vorhaben, auch die Städte und Gemeinden bieten ihren Einwohnern Hilfestellung zum Thema - angefangen von Volkshochschul-Kursen über Symposien oder Informationswebseiten. Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach hat zum Beispiel eine App angekündigt, die bei Hackerangriffen Warnhinweise verschickt, und einen staatlichen Online-Passwort-Check. Gerade online gibt es ein breites Angebot, um sich zum Thema IT-Sicherheit zu informieren.

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