Versuch der Einflussnahme Söder schießt gegen Berichterstattung des BR

Seit der Lizenzierung als Anstalt des öffentlichen Rechts im Jahr 1949 steht der Bayerische Rundfunk (hier das Hauptgebäude in München) im Spannungsfeld von Unabhängigkeit und politischer Einflussnahme.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der bayerische Finanzminister ist sauer auf den Bayerischen Rundfunk. Nach alter Sitte will er einen Beschwerdebrief schreiben, doch selbst in der CSU halten das viele für überzogen.

Von Lisa Schnell und Hans Kratzer

Finanzminister Markus Söder tobt. Seine Stimme ist laut, der Kopf tief rot. Söder prügelt in der CSU-Fraktionssitzung verbal nur so ein auf den Bayerischen Rundfunk (BR), so berichten Teilnehmer. Ihm passt nicht, wie der BR über neue Vorwürfe zum Verkauf der Wohnbaugesellschaft GBW berichtet hatte. Dass von einem Wirtschaftskrimi gesprochen werde, sei ein "Skandal", ereifert sich Söder im Landtag. Die als Exklusivgeschichte verkaufte Story sei ein "Plagiat", "Schafscheiße" sogar, sagt Ernst Weidenbusch (CSU).

Schön, wenn es im Parlament lebhafte Diskussionen gibt, da sagte noch niemand was. Aber dann kam die Sache mit diesem Brief. Offiziell beim BR beschweren wolle sich die Staatsregierung, hieß es. "Journalistische Qualität muss der höchste Maßstab sein. Wenn man den Eindruck hat, dass das nicht passiert, muss man es einfordern", sagt Staatskanzleichef Marcel Huber.

Medien Söder versteht die Aufregung nicht Bilder
Report
TV-Seifenoper "Dahoam is Dahoam"

Söder versteht die Aufregung nicht

Bayerns Heimatminister Söder bekommt in der BR-Soap "Dahoam is Dahoam" einen exklusiven Auftritt. Im Sender heißt es, das sei kein Problem, sondern Konzept. Der Minister selbst findet: "800 000 Zuschauer - dafür müssen Sie 800 Bierzelte füllen."   Von Claudia Fromme und Frank Müller

Muss man das? Sich als Staatsregierung über die freien Medien beschweren? Inge Aures, die für die SPD im Rundfunkrat sitzt, erinnert das an Ungarn, andere denken da vielleicht eher an Bayern selbst. Denn allzu lange ist es nicht her, da bildeten die CSU und der BR in Bayern eine einzigartige Symbiose. Da konnte man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sich die CSU als höchstes Beratungsgremium des BR begriff und beim BR, na ja, auch der Bayernkurier gerne als Inspiration zur Berichterstattung diente.

In seinen Anfangsjahren nach 1949 war der Bayerische Rundfunk noch frei wie der Wind. Die ersten Intendanten schalteten und walteten, wie es ihnen beliebte. Die Liberalität des Senders ging so weit, dass ein Fernsehdirektor in der hitzigen Debatte um Nato-Mitgliedschaft und Atomwaffenstationierung sogar dafür plädierte, das Bayernland lieber rot als tot werden zu lassen. Die politischen Kommentare waren damals ausgesprochen kontrovers.

Zu Beginn der 70er Jahre war an so etwas nicht mehr zu denken. Beim "Politischen Aschermittwoch" 1971 in Vilshofen schimpfte CSU-Chef Franz Josef Strauß über die "rote Unterwanderung bei Funk und Fernsehen" und über "kleine Spritzer roten Gifts", die er in den Sendungen des BR entdeckt hatte, des Rotfunks, wie er bisweilen auch genannt wurde. Im Februar 1972 beschloss die CSU-Mehrheit eine Änderung des Rundfunkgesetzes, der Rundfunkrat sollte vergrößert und der parteipolitische Einfluss gestärkt werden. Es gab ein großes Hickhack, sogar einen Volksentscheid, und man einigte sich letztlich darauf, dass der Rundfunk in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft blieb.

Der BR war, zumindest an der Spitze, obrigkeitshörig geworden, wobei sich dieser Gesinnungswandel bereits an jenem 17. Januar 1961 andeutete, an dem ganz Deutschland über Fritz Kortners Fernsehbearbeitung von Aristophanes "Lysistrata" staunte. Nicht zuletzt, weil Romy Schneider für wenige Sekunden mit einem halb entblößten Busen zu sehen war. Nur der Bayerische Rundfunk bewahrte seine Zuschauer vor diesem Sündenblick. Fernsehdirektor Clemens Münster verhinderte die Ausstrahlung aus sittlichen Gründen und berief sich auf die laut Fernsehvertrag gesetzlich verankerte Möglichkeit einzelner Sender, sich aus dem Gemeinschaftsprogramm der ARD ausblenden zu können.

Der nackte Busen dürfte nicht der einzige Grund für diese "Schutzmaßnahme" gewesen sein. Vermutlich war auch die politische Botschaft des Stücks nicht opportun, denn Kortner geißelte darin den Militarismus, womit er dem damaligen CSU-Verteidigungsminister Franz Josef Strauß gerade recht kam. Von dieser Zeit an hatte der Bayerische Rundfunk keine Scheu mehr, sich aus dem Programm auszublenden oder gar Musiktitel zu zensieren, die nach Ansicht konservativer Kreise sexuelle oder gewalttätige Inhalte hatten. Der 1963 erschienene Schlager "Schuld war nur der Bossa Nova" der Sängerin Manuela, der mehrere Wochen lang den Spitzenplatz der deutschen Charts jenes Jahres belegte, wurde vom BR nicht gespielt.

Wenn der Minister zweimal klingelt

mehr...

Der Sender enthielt seinen Zuschauern eine Reihe von Filmen und Sendungen vor, vor allem solche, in denen Homosexualität thematisiert wurde. Es begann 1973 mit Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Ebenso verabschiedete sich der BR Ende der 70er Jahre von der Ausstrahlung von Wolfgang Petersens Film "Die Konsequenz". Verteidigt wurden solche Entscheidungen des BR fast ausschließlich von der Staatsregierung und von der Kirche. 1986 blendete sich der BR aus der Kabarettsendung Scheibenwischer aus, da kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und nach der Pfingstschlacht an der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf in der Kabarettsendung ein atomkraftkritischer Sketch aufgeführt werden sollte.