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Tag der Franken:"Ja simmer weniger wert?"

Tag der Franken

Statt der Feier könnten heuer Frankenfahnen gehisst werden.

(Foto: dpa)

Der Tag der Franken wird diesmal ohne große Feier begangen, über Befindlichkeiten lässt sich trotzdem reden. Besonders gut mit dem oberfränkischen Bezirksheimatpfleger Günter Dippold.

Interview von Olaf Przybilla, Bayreuth

Am 2. Juli wird der "Tag der Franken" begangen. Ein Gespräch über Befindlichkeiten mit dem oberfränkischen Bezirksheimatpfleger Günter Dippold.

SZ: Herr Dippold, gerade rechtzeitig brandet eine Diskussion um einen vermeintlichen Mangel an fränkischer Volksmusik im BR auf. Trifft die Beobachtung zu?

Günter Dippold: Bei der Musik meiner Wahrnehmung nach nur zu einem gewissen Grad. Stärker fällt der Unterschied im Bereich der gesprochenen Sprache auf. Ein Dialektologe - wohlgemerkt: aus Regensburg, nicht aus Franken - hat mal festgestellt, dass im Bayerischen Fernsehen 90 Prozent der gesprochenen Sprache mundartlich dem Mittelbairischen zuzuordnen ist. Fränkisch sprach an den beiden von ihm analysierten Tagen lediglich irgendein Kauz in einer Daily Soap. Die BR-Sprecher pflegen allgemein eine Art Salonmünchnerisch, mal vorsichtig gesprochen. Laut Staatsvertrag aber ist Bayern ja in seiner ganzen Vielfalt abzubilden.

Und das wird es nicht hinreichend?

Aus fränkischer Sicht a bissala wenig. Oder um es noch eleganter zu sagen: a weng weng.

Und das schmerzt?

Verzeihen Sie den Vergleich, aber ein klein wenig schmerzt es wohl so, wie Rassismus einen schmerzt, der betroffen davon ist. Es tut nicht immer gleich weh, man vergisst es auch mal. Aber wenn man ein Gespür für Gerechtigkeit hat, kann das latent schmerzen.

Tatsächlich? Sie sind Professor, da könnte man ja denken, dass sich das Selbstbewusstsein aus anderen Quellen speist.

Mein Selbstwertgefühl hängt gewiss nicht davon ab, ich fühle mich auch nicht ständig zurückgesetzt. Aber man bemerkt diese Benachteiligungen und solidarisiert sich mit denen, die das persönlich vielleicht härter trifft. Die sagen: Ja simmer weniger wert?

Interessant.

Auf der anderen Seite bin ich jemand, der immer gegen flaches frankentümelndes Ressentiment anredet. Der den Franken sagt: Seid selbstbewusst, habt euch doch nicht so, macht doch nicht so eine Erbsenzählerei und irgendwelche Strichle. Dann aber nimmst du wahr, wie eklatant es doch mitunter ist mit der Ungerechtigkeit - und fühlst dich im Bemühen um Mäßigung ausgebremst. Weil womöglich doch die Scharfmacher und Erbsenzähler recht haben könnten.

Nun soll ja der derzeitige Ministerpräsident kein waschechter Altbayer sein.

Habe ich auch schon gehört. Ja nun: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Wo könnte denn das Problem liegen?

Es geht halt immer auch darum, wo Entscheider sitzen. Jeder ist nun mal Mittelpunkt seiner selbstgeschaffenen Welt - alles menschlich verständlich. Entscheider in der Bayerischen Eisenbahngesellschaft fahren wohl selten von Hof nach Bad Steben, häufiger womöglich von München an den Ammersee. Da nehme ich dann Mängel leichter wahr.

Günter Dippold, 58, ist promovierter Historiker und lehrt an der Universität Bamberg Europäische Ethnologie. Bis 1994 leitete er das Deutsche Korbmuseum in Michelau, seither ist er Bezirksheimatpfleger in Oberfranken.

(Foto: Privat)

Gibt's dafür nicht den Parlamentarismus?

Ach, ich bin ja selbst in einer Verwaltung tätig, kenne die Beharrungskräfte. Und es ist ja gut, dass Beamte politisch nicht so leicht zu lenken sind. Übrigens haben mir fränkische CSU-Abgeordnete, als ich sie auf Ungerechtigkeiten hinwies, mal freiweg gesagt: Ja klar, aber du musst halt wissen, dass die Oberbayern uns auslachen in der Fraktion.

Dieses Bayern-Franken-Thema hatte trotzdem schon mal mehr Konjunktur.

Gott sei Dank ist das abgeebbt. Von diesem München- und Bayern-Bashing, in dem sich manchen Franken gefallen, halte ich gar nichts. Natürlich gibt es ein Nord-Süd-Gefälle in Bayern. Aber es gibt auch ein Gefälle zwischen Stadt und Land - und das auch in Altbayern. Die bösen Altbayern wollen Franken Böses? Nein, das wollen sie garantiert nicht.

Gibt es gesamtfränkisches Bewusstsein?

Mehr im Wunsch als in der Wirklichkeit. Mitunter stelle ich mir vor, die Separatisten würden sich durchsetzen, Franken würde selbständig: Es gäbe großes Hauen und Stechen allein um die Frage, wer Hauptstadt wird.

Bamberg vielleicht?

Dagegen würden mindestens mal die Nürnberger und die Würzburger Sturm laufen. Es gibt leider noch nicht mal ein wirkliches gesamtoberfränkisches Bewusstsein.

Jetzt würde ein Altbayer sagen: Selbst schuld, wenn ihr euch nicht grün seid.

Und da hat der Altbayer auch recht, an manchem sind die Franken selbst schuld. Es gab immer eine fränkische Balance of Power der Kleinstaaten: Ansbach, Bayreuth, Würzburg, Bamberg, allerlei Akteure zwischendrin. Das war immer mehr ein Neben- als Miteinander. Die Klammer obendrüber wie in Altbayern hat gefehlt. Das schwächt, klar.

© SZ vom 02.07.2020/vewo
Collage Bayern Franken ET 6.7.2019

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Protokolle: Claudia Henzler und Olaf Przybilla

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