Revolution vor 100 Jahren "Bayern ist fortan ein Freistaat"

München im November 1918: Revoltierende Soldaten jubeln vor dem Mathäser-Bräu, in dem Kurt Eisner den "Freistaat Bayern" ausgerufen hatte.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

In der Nacht auf den 8. November 1918 schafft der linke Sozialdemokrat Kurt Eisner die Monarchie in Bayern ab - und sorgt dafür, dass die Münchner morgens von der friedlichen Revolution erfahren.

Von Barbara Galaktionow und Oliver Das Gupta

Sieben Zeitungszeilen weisen am letzten Tag der Wittelsbacher-Monarchie darauf hin, dass etwas Ungewöhnliches bevorsteht. Gedruckt ist die Notiz auf Seite 3 der Münchner Neuesten Nachrichten vom 7. November 1918, ausgerechnet in der Spalte "Hofnachrichten", neben Meldungen über die "Kriegsverstümmeltenheim-Lotterie" und ein angebliches Erdbeben in München-Bogenhausen.

"Unsere Zeitung", verkündet dort die Redaktion in fett gedruckten Lettern, "kann Donnerstagnachmittag (...) nicht erscheinen". Als Grund ist die Friedensdemonstration auf der Theresienwiese angegeben, zu der SPD und Gewerkschaften aufgerufen haben.

Die Abendausgabe der SZ-Vorgängerzeitung entfällt wohl, weil Journalisten, Setzer und Drucker sich selbst dem Massenprotest anschließen. Mehr als vier Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges sehnen sich die meisten Menschen in der Hauptstadt des Königreichs Bayern nach sofortigem Frieden, auch die einst kriegstrommelnde Presse.

Kurz vor dem Umsturz empfängt der König noch den Kriegsminister

Für die Veranstaltung auf der Theresienwiese hat das Blatt am Tag zuvor selbst geworben, indem es einen Aufruf der Sozialdemokratischen Partei in München abdruckte. Danach soll die Bevölkerung Münchens "mit Ausnahme der beim Transport und Verkehr beschäftigten Personen" am folgenden Tag um drei Uhr nachmittags auf der Theresienwiese erscheinen, wo die Partei "zu den großen Tagesfragen" Stellung nehmen will.

Die Mehrheitssozialdemokraten fordern die Teilnehmer dazu auf, daran mitzuwirken, dass die "Demonstration einen der organisierten Arbeitschaft würdigen Verlauf nimmt" und wettert gegen das "Fahrwasser der Unabhängigen und Unverantwortlichen" - ein Seitenhieb auf die linke SPD-Abspaltung USPD Kurt Eisners. Deren radikalerer Anhängerschaft wollen die Sozialdemokraten durch die gemeinsame Kundgebung den Boden entziehen. Es kommt anders.

Unter dem Aufruf finden sich - wie immer - die Hof- und Personalnachrichten, unter anderem hat der bayerische König Ludwig III. am Vortag seinen Kriegsminister empfangen. In Kiel, das Ende Oktober von der Meuterei der Matrosen erschüttert wurde, herrsche nun wieder "Ruhe und Ordnung", vermeldet das Blatt unter Berufung auf den Vorwärts - die Zeitung der Sozialdemokraten, die der gebürtige Berliner Eisner vor dem Krieg mitprägte.

Die Demonstration auf der Theresienwiese wird am 7. November 1918 zur Massenveranstaltung, mindestens 40 000 Menschen versammeln sich dort. Doch anders als die SPD erhofft hat, geht von dem Massenprotest der entscheidende Impuls zum sofortigen Umsturz aus.

Nach der Friedenskundgebung auf der Theresienwiese marschieren die Anhänger der Mehrheits-SPD zum Friedensengel, "ganz züchtig und geordnet", wie Schriftsteller Oskar Maria Graf später in seinem großen Revolutionsroman "Wir sind Gefangene" spottet. Dort zerstreut sich die Versammlung. Eisner hingegen bricht mit seinen USPD-Anhängern von der Theresienwiese in den Norden der Stadt auf, wo die Revolutionäre die dort stationierten Truppen für die Revolution gewinnen.

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Am Abend versammeln sich die Eisner-Leute im Festsaal des Mathäser-Bräus, zentral gelegen zwischen Stachus und Hauptbahnhof. Dort konstituiert sich in der Nacht vom 7. auf den 8. November ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat unter Eisners Vorsitz. Der linke Sozialdemokrat zögert nicht: Er erklärt Ludwig III. für entthront und die Monarchie Bayern für abgeschafft.

Die nächste Aufgabe: Die Bevölkerung muss informiert und für den friedlichen Umsturz gewonnen werden. Eisner, der langjährige Journalist, sorgt geschickt dafür, dass die Nachricht verbreitet wird. Wichtige Orte wie das Telegraphenamt, aber auch die Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten werden besetzt.

So erscheint die Ausgabe vom 8. November kurioserweise mit zwei Titelseiten: Die von der Redaktion vorbereitete Fassung über den "Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen" rutscht auf Seite 2. Denn vorne platziert Eisner seine Revolutions-Deklaration: "An die Bevölkerung Münchens", richtet sich seine in fetten Lettern gedruckte Erklärung. "Bayern ist fortan ein Freistaat."

Die Titelseite der Münchner Neuesten Nachrichten vom 8. November 1918

(Foto: SZ)

Trotz des Umsturzes, betont Eisner, werde die "Sicherheit der Person und des Eigentums verbürgt". Man verabscheue "jedes Blutvergießen". "Es lebe die bayerische Republik!", heißt es am Ende der Frühausgabe.

In der Abendausgabe informiert die Redaktion ihre Leser darüber, dass sie unter der Kontrolle der Revolutionäre steht. "Im Interesse der Aufrechterhaltung des gerade in dieser Zeit für die gesamte Bevölkerung unentbehrlichen Nachrichtendienstes" führe die Redaktion ihre Geschäfte aber einstweilen unter der Aufsicht des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates weiter, heißt es.

Für "Tausende von Münchnern eine ungeheure Ueberraschung"

Auch über die Ereignisse des Vortags klärt die Zeitung jetzt auf. Es sei für "Tausende von Münchnern eine ungeheure Ueberraschung" gewesen, als sie das Morgenblatt zur Hand genommen hätten, schreibt die Zeitung. Nach der Massenversammlung auf der Theresienwiese seien zwar "viele Tausende bis zu den späten Nachtstunden" durch die Straßen gezogen, doch "ungezählte Familien" seien nach Hause geeilt und hätten dort nichts weiter von den Ereignissen mitbekommen. Selbst führende Abgeordnete hätten am Morgen oft keine Ahnung von den Geschehnissen gehabt.

Vor allem "jugendliche Arbeiter" seien in der Nacht "schreiend, pfeifend und johlend durch die Stadt gezogen". Die Soldaten der Residenzwache habe die Menge einfach mit sich mitgenommen. Es habe "stürmische Szenen in fast allen Kasernen" gegeben und vereinzelte Plünderungen.

Doch selbst, wer nicht schon zu Hause ist, bekommt von den politischen Vorgängen oft nichts mit. Oskar Maria Graf, der sozialistische Schriftsteller, beschreibt später, wie er am Revolutionsabend in den Franziskanerkeller geht - und dort auf Menschen trifft, die sich vor allem dafür interessieren, was auf den Tisch kommt. "Da saßen breit und uninteressiert Gäste mit echt münchnerischen Gesichtern. Hierher war nichts gedrungen", vermerkt der Revolutionsanhänger Graf. "'Mensch! So was!', konnte ich nur herausbringen, so verblüfft war ich. (...) 'Wally, an Schweinshaxn!' Dies schien hier die einzige Situation zu sein."

Die Münchner Neuesten Nachrichten schreiben, wie die neue revolutionäre Regierung bemüht sei, das normale Leben aufrechtzuerhalten. Die Schulen hielten Unterricht, die Gaststätten seien aufgerufen zu öffnen. Und auch der Straßenbahnverkehr sei nach einer Unterbrechung am Vorabend wiederaufgenommen worden, wenn auch mit einer - aus heutiger Sicht - verblüffenden Änderung: "Um die Verkehrssicherheit in den Straßen zu gewährleisten, hat der Arbeiter- und Soldatenrat angeordnet, daß die Wagen nur mit einer Geschwindigkeit von 12 Kilometern in der Stunde fahren dürfen. Die bisher übliche Geschwindigkeit war 25 Kilometer."

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In den folgenden Tagen berichtet das Blatt von "einer gewissen Erregung", die sich der Münchner aufgrund der Ereignisse bemächtigt habe. Denn Eisners Revolution wird zum entscheidenden Impuls für die Umwälzungen im übrigen Deutschland. Überall im bisherigen Kaiserreich werden die Fürsten entthront. In Berlin ruft am 9. November der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die deutsche Republik aus.

Zeitversetzt erreichen die Nachrichten auch die Münchner Zeitungsleser. Die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und die Übernahme der Reichskanzlerschaft durch Friedrich Ebert in Berlin werden von Gerüchten zu "amtlichen" Tatsachen. Noch sei vieles unklar, schreibt die Zeitung am 10. November, einen Tag nach der Novemberrevolution in Berlin, doch eines stehe wohl fest: "Wir sind auf dem Wege zur Republik Deutschland."

Bedenkt man die chaotischen Zustände am Ende des Krieges, geht es im November 1918 und in den ersten Monaten nach der Revolution, im neuen Freistaat Bayern des Ministerpräsidenten Eisner eigentlich weitgehend friedlich zu.

Nur vereinzelt kommt es zu blutigen Vorfällen, wohl ausgelöst durch Soldaten, die gleichzeitig euphorisch und durch den Krieg enthemmt sind. "Die Straßenbahnschaffnersgattin Maria Buchinger trat am Freitag mitten auf den Balkon ihrer Wohnung in der Hefnerstraße, um nach einem vorbeifahrenden Zuge Ausschau zu halten, der mit Maschinengewehren beschossen wurde", schreibt die SZ-Vorgängerzeitung. "Die Unvorsichtige erhielt drei Schüsse in den Oberarm und einen Schuß in die Brust."

Eisner veröffentlicht Geheimdokumente zur Kriegsschuld - für Nationalisten wird er damit zum Verräter

Eisner geht nach der Machtübernahme behutsam vor, er sorgt etwa dafür, dass radikale Pläne wie die Verstaatlichung der Banken und Unternehmen, nicht umgesetzt werden. Allerdings macht sich seine Regierung auch Gegner: Die Pflicht zum Religionsunterricht wird abgeschafft, was im katholisch-konservativen Bayern viele empört. Und Eisner veröffentlicht Geheimdokumente, aus denen hervorgeht, dass die kaiserliche Reichsführung 1914 unbedingt einen großen Krieg wollte. Damit ist offensichtlich, welchen Anteil Deutschland am Ausbruch des Weltenbrandes hat. Für die Nationalisten ist Eisner durch die Veröffentlichungen endgültig zum Verräter geworden. Eisner verliert mit seiner USPD die ersten Landtagswahlen dramatisch.

Der Revolutions-Ministerpräsident Eisner ist auf dem Weg zu seiner Rücktrittserklärung, als er von einem Adeligen am 21. Februar 1919 erschossen wird. Der Mord ist politisch und antisemitisch motiviert - Eisner stammte aus einer jüdischen Familie.

Nach Eisners Tod folgt im Frühjahr 1919 die Münchner Räterepublik, die von rechten Truppen brutal niedergeschlagen wird. In der Landeshauptstadt etabliert sich darauf ein völkisch-nationalistisches Klima, in dem auch die rechtsextreme Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gedeiht, die bald von einem Österreicher übernommen wird.

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