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Haus der Bayerischen Geschichte:Ein Jahrtausend Glanz und Elend

Dankesgabe bei Kopfleiden: Tonkopfvotive aus dem 17./18. Jahrhundert.

Dankesgabe bei Kopfleiden: Tonkopfvotive aus dem 17./18. Jahrhundert.

(Foto: Haus der Bayerischen Geschichte)

In der neuen Landesausstellung in Regensburg gelingt es, die vielschichtige Geschichte Bayerns vom Jahr 600 bis zum frühen 19. Jahrhundert greifbar zu machen. Das liegt auch an besonderen Leihgaben.

Gleich hinter dem Eingang zur neuen Landesausstellung "100 Schätze aus 1000 Jahren" stoßen die Besucher unvermittelt auf den Tod. "Das geht ja zünftig los", entfuhr es verständlicherweise einem Teilnehmer der vorgezogenen Presseführung, als er in einer Vitrine zweier Skelette ansichtig wurde. Ungeachtet dessen wird Ministerpräsident Markus Söder am Donnerstag die Landesschau im neuen Bayernmuseum in Regensburg vor geladenen Gästen offiziell eröffnen, von Freitag an ist sie dann für das Publikum zugänglich.

Trotz des möglichen Erschreckens über die Skelette bietet die erste von insgesamt zehn Stationen einen bemerkenswerten Einstieg in die Ausstellung. Die Toten starben schon in jungen Jahren, vermutlich an einer Infektionskrankheit, da halfen auch ihre wunderbaren, strahlend weißen Zähne nichts, begraben wurden sie nahe dem heutigen Straßkirchen (Kreis Straubing-Bogen). Die 1500 Jahre alten Knochen weisen zurück in die Anfänge des Landes Bayern, moderne wissenschaftliche Methoden entlocken ihnen vieles über das damalige Leben und Sterben. Und sie dokumentieren nicht zuletzt eine stammesgeschichtliche Kontinuität, wie sie kaum ein anderes Land in Europa vorweisen kann.

Schon in dieser ersten Station ist zu erahnen, dass das Konzept dieser Landesausstellung aufgehen könnte. Viel besser jedenfalls als bei der vergangenen Landesausstellung über den "Mythos Bayern" im Kloster Ettal, die von Kritikern als unausgewogen und klischeehaft abgelehnt wurde und auch bei vielen Besuchern Enttäuschung hervorrief. Diesmal geht es weniger um einen Mythos als vielmehr um die konkrete und extrem vielschichtige Geschichte Bayerns vom Jahr 600 bis zum frühen 19. Jahrhundert. Die Ausstellungsmacher um den Kurator Rainhard Riepertinger beackern dieses ungeheuer weite historische Feld, indem sie sich thematisch geschickt auf mehreren Ebenen bewegen.

Zum einen versuchen sie, anhand von ausgewählten Objekten, die von einzigartigen Schätzen wie etwa dem um 1520 entstandenen Jakob-Fugger-Porträt von Albrecht Dürer bis zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand wie einer Bügelbrille aus dem 16. Jahrhundert reichen, sich der Lebenswirklichkeit früherer Zeiten anzunähern. Auf mehreren Stationen gelingt das sehr eindringlich, etwa bei den bei Hohenpeißenberg gefundenen und wegen eines Luftabschlusses bestens erhaltenen Lederstiefeln aus Ziegen- und Rindsleder aus dem 14. Jahrhundert. Sie steckten an einer weiblichen Moorleiche, die abseits eines eigentlichen Bestattungsfelds begraben wurde. Die Stiefel belegen, dass Schuhe schon damals eine Massenware waren.

Eindringlich ergänzt wird die 100-Objekte-Schau durch zehn biografische Skizzen von Menschen, die als Gesichter der jeweiligen Zeit ausgewählt wurden. Unter anderem schildern historische Figuren aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten wie etwa ein Ritter, eine jüdische Ärztin, ein Kaufmann und eine Bauerntochter aus ihrem jeweiligen persönlichen Blickwinkel den Lauf der Jahrhunderte. Ihre Protokolle bieten einen Zugang zur Geschichte, der bei aller möglichen Kritik allzu großer Popularisierung jedenfalls häufig faszinierender ist als die trocken kommentierte Abfolge von Jahreszahlen und Herrscherzyklen.

Ein kompletter Gang durch die Geschichte

Mit dieser komprimierten Darstellung der Landesgeschichte auf dem 1000 Quadratmeter großen Sonderausstellungsbereich ist im neuen Regensburger Museum knapp vier Monate nach der Eröffnung erstmals ein Gang durch die gesamte bayerische Historie möglich. Deckt die Sonderausstellung die Zeit bis etwa 1800 ab, widmet sich die Dauerausstellung im Obergeschoss thematisch dem modernen Bayern der vergangenen 200 Jahre.

Vorbesichtigung der Bayerischen Landesausstellung 2019

Aufstellen des barocken Silberaltars mit dem Freisinger Lukasbild.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Dem Museumsteam ist es gelungen, auch von großen Museen wie dem Louvre in Paris Leihgaben zu erhalten. Dass dies nicht immer einfach ist, zeigt der Erdglobuspokal des Goldschmieds Christoph Jamnitzer (1563-1618), der aus der königlichen Schatzkammer Stockholm stammt. Die Stadt Nürnberg hatte das Objekt im Dreißigjährigen Krieg dem Schwedenkönig Gustav Adolf geschenkt. Erst nach der sich hinziehenden Zusage des jetzigen schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf konnte das Leihobjekt eingeplant werden.

Es sind Schätze zum Staunen versammelt, berührende Zeugnisse wie die Schutzengelgruppe des Bildhauers Ignaz Günther (1725-1775), das nach 1748 in London gefertigte Planetarium des George Adams, das Kurfürst Karl Theodor nach Bayern mitgebracht hatte, und das berühmte Lukasbild aus dem Freisinger Dom. Daneben die bedrückenden Zeugnisse des Alltags wie der Pestwagen aus der Pestkapelle von Schwabmühlhausen (Kreis Augsburg), der das Elend der damaligen Bevölkerung dokumentiert. Nur vier solcher Exemplare haben sich in Deutschland erhalten. Die strengen Moralvorstellungen von einst belegt wiederum ein sogenannter Schandmantel, ein tonnenförmiger, hölzerner Umhang, den Menschen in der Öffentlichkeit tragen mussten, die vorehelichen Sex hatten.

Die meisten Objekte der Schau besitzen die Qualität, ansatzweise Glanz und Elend der bayerische Geschichte zu vermitteln. Nicht zuletzt die Gotzinger Trommel aus dem Raum Miesbach, eine Ikone der bayerischen Geschichte. Sie steht für den im kollektiven Gedächtnis des Landes verortete Aufstand der bayerischen Untertanen gegen die österreichische Besatzung mit dem traurigen Höhepunkt der Sendlinger Mordweihnacht von 1705. Sie gilt als ein ehernes Symbol bayerischer Identität.

Gotzinger Trommel aus dem Aufstand von 1705.

(Foto: Haus der Bayerischen Geschichte)

Jene Identität soll sich nach dem Willen der Staatsregierung gerade im neuen Museum in Regensburg manifestieren, mag dieses auch von Kritikern, die mehr auf die Kräfte der Globalisierung setzen, als überflüssig erachtet werden. Trotzdem: Die neue Landesausstellung ist im Verbund mit der Dauerausstellung durchaus imstande, die über Jahrhunderte währenden großen Entwicklungslinien, Umbrüche und Traditionen einer Region in der Mitte Europas zu skizzieren. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber eben nicht nur als Geschichte von oben, sondern auch mit dem Blick auf das normale Volk, der hier zumindest exemplarisch durchschlägt.

Bayerische Landesausstellung 2019/20 "100 Schätze aus 1000 Jahren". Haus der Bayerischen Geschichte/Museum Donaumarkt 1, Regensburg. 27. September 2019 bis 8. März 2020, täglich außer Montag von 9-18 Uhr.

© SZ vom 25.09.2019/vewo

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