Prostitution im Grenzgebiet "Nicht die Frauen sind schlecht, ihr Schicksal ist es"

Der lila-schwarze Tresen in einem Sado-Maso-Studio in Hof. Hier wird die Prostituierte über Fantasie verhandeln, sie bestimmt den Preis.

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Männer aus Bayern, die billigen Sex wollen, fahren über die Grenze nach Tschechien. Wer die Prostituierten dort besucht, sieht manchmal Narben und blaue Flecken und immer: leere Augen.

Von Ulrike Schuster

Die Fahrt geht über die Grenze ins tschechische Cheb, sechs Kilometer von Waldsassen, dann in Richtung Sachsen die tschechische Grenze entlang. Verfallene Häuser, leere Fabriken, graue Wolken, am Boden hässlicher Matsch. In pinker Farbe blinkt bloß der Puff. Auf der Gegenspur kommen sie gefahren: Vogtland, Erzgebirge, Hof, Cham - jedes dritte Autokennzeichen ist aus dem Grenzgebiet. Für die Männer gibt es beim Nachbarn eine Menge zu holen: billige Kippen, billiges Benzin, billigen Sex.

Damit wenigstens ein Rest Menschenwürde bleibt, machen Sozialarbeiter Roland Schuler und seine tschechische Kollegin Marita Svoboda (alle Namen geändert) den Straßen-Trip zu den Prostituierten. Sie verteilen Kondome, Gleitgel und Soft-Tampons, damit es die Pause während der Periode nicht braucht, auch Kaffee und Klamotten haben sie mit dabei. Sie sind für "Karo" im Einsatz, eine Hilfsorganisation, die sich gegen sexuelle Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen im Grenzgebiet zwischen Böhmen, Bayern, Sachsen wendet.

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Schuler und Svoboda machen auf allen Strichen Halt. Es ist das immer gleiche Bild, das sich ihnen bietet, alle paar Minuten: zitternder Körper, stark bemaltes Gesicht, mal schlechte, mal wenig Zähne, mal Narben, mal blaue Flecken, und immer: leere Augen. Die Frauen an den Straßenrändern von Jáchymov, Krimov, Chomutov und Teplice rauchen eine Zigarette, trinken Kaffee aus dem Pappbecher, sie packen einige Klamotten ein und sagen erst: "Mir geht's gut." Dann schauen sie links, schauen rechts und verraten, wie es wirklich um sie steht: "Es ist egal." Wer sich selbst gleichgültig ist, überlebt die Straße, erträgt den Schmerz.

Nach wenigen Minuten klingeln ihre Handys. Zeit zu gehen. Sie sind Sex-Sklavinnen hier auf dem Elendsstrich in Tschechien. Ihr Wille ist gebrochen, ihr Selbstwert zerstört. Sie fragen: "Was soll noch kommen?"

Eine von ihnen muss nicht mehr auf der Straße arbeiten, sondern daneben. In Unterwäsche sitzt die Frau am Fenster, man sieht sie von den Zehen bis zum Scheitel. Svoboda sagt: "Ihr Mann hat sie ins Haus geholt." Der sitzt ein Stockwerk über ihr, führt Buch, addiert die Freier. Gleich kommt der sechsjährige Sohn aus der Schule, klingeln muss er nicht. Er winkt der Mutter von der Straße zu. Auf der "Penzion", eine weiße Bretterbude, steht: "Nonstop, Zimmer frei". Zehn Euro die Stunde, die Tütensuppe gibt's für 50 Cent in vier Geschmacksrichtungen. Eine Frau kommt die Treppe herunter, Brille, Pferdeschwanz, sie könnte Bankangestellte sein, könnte 22 sein. Sie steigt in den roten Fiat aus dem Erzgebirge, ein alter Mann am Steuer. Er wird sie dort rauswerfen, wo er sie eingesammelt hat.

Prostitution? Gibt's im Grenzland offiziell nicht

Im Grenzland sieht man Prostitution überall, obwohl sie offiziell nicht existiert. Der tschechische Staat hat keinerlei Gesetze dazu erlassen. Die Bürgermeister dulden Prostitution aber auf "Sexstraßen" und in "Sperrzonen", über denen Kameras wachen. Im Grenzgebiet gibt es viel zu filmen, dort drücken die Gemeinden beide Augen zu. Schließlich bringen die deutschen Sex-Touristen Beschäftigung und essen Schweinsbraten in den Gasthäusern.

Lucia hat blaue Flecken im Gesicht, aber sie strahlt. Sie bekommt neue Zähne, im Unterkiefer fehlen zehn, ein Freier aus der Oberpfalz zahlt sie ihr. Kommt sie abends nach Hause, muss sie putzen. Sie wohnt bei Schwester und Schwager. Die führen das Buch und kontrollieren, ob noch Staub liegt. 200 Meter weiter steht Micha, Mitte 30, sie könnte auch 60 sein, wie sie aussieht. Schuler sagt: "Sie steht wieder da." Sie hat Hepatitis C, ist abhängig von Crystal-Meth, abgemagert. Dafür muss sie heute nur zwei Freier machen, die zahlen gut, 50 Euro jeder, Analverkehr, die zwei dürfen zusammen zu ihr kommen.

Sozialarbeiterin Svoboda kennt die Frauen, unzählige Male hat sie die Straßentour gemacht, jedes Mal bestätigt sich ihre Überzeugung aufs Neue: "Nicht die Frauen sind schlecht, ihr Schicksal ist es." Dem sich die Frauen aber widersetzen können, daran glaubt sie fest. Deshalb verteilt sie die Kondome und Kaffee, um ins Gespräch zu kommen. Und wer jede Woche kommt, dem vertrauen die Frauen. Vor jedem Abschied hinterlässt Svoboda die Karo-Karte mit der Notfall-Nummer, 24 Stunden erreichbar. Meist wählt eine Frau die Nummer dann, wenn sie lieber sterben will als morgens wieder auf der Straße zu stehen. Dann bringen Svoboda und Schuler sie ins Schutzhaus.