Fränkische Sprache:Die Kopftuchisierung des Oberfränkischen

Fränkische Sprache: So schaut es aus, das "Meichela" - Sternekoch Alexander Herrmann (links) und Henry Schramm, Bezirkstagspräsident von Oberfranken, präsentieren das oberfränkische Wort des Jahres 2023 samt Anschauungsmaterial.

So schaut es aus, das "Meichela" - Sternekoch Alexander Herrmann (links) und Henry Schramm, Bezirkstagspräsident von Oberfranken, präsentieren das oberfränkische Wort des Jahres 2023 samt Anschauungsmaterial.

(Foto: Nicole Fleischer)

Seit neun Jahren wird das regionale Wort des Jahres gekürt. Diesmal lautet es Meichela - die hiesige Version von Kopftuch. Ob das in manchen Kreisen wohl Schnappatmung auslöst?

Glosse von Max Weinhold

Ziemlich genau neun Jahre ist es her, da trafen sich auf deutschen Straßen erstmalig sogenannte patriotische Europäer, um vor der aus ihrer Sicht drohenden Islamisierung des Abendlandes zu warnen. Die Patrioten firmierten unter dem Akronym Pegida, trugen schwarz-rot-goldene Fahnen und Fischerhüte; immer wieder montags tröteten und grölten sie ihre Parolen in die oftmals ostdeutsche Landschaft. Und womöglich sehen sie sich jetzt - neun Jahre später - bestätigt in ihren Warnungen. Denn bei der Kür zum neunten oberfränkischen Wort des Jahres sitzen doch allen Ernstes zwei Männer - und tragen Kopftuch!

Bahnt sich hier die Kopftuchisierung des Oberfränkischen an? Nein, Entwarnung. Es handelt sich lediglich um eine komödiantische Einlage der beiden Laudatoren im Anschluss an die Verkündung des Gewinnerwortes am vergangenen Sonntag. Die Kopftuchmänner heißen Henry Schramm, Bezirkstagspräsident von Oberfranken, und Alexander Herrmann, oberfränkischer Sternekoch. Und das Wort lautet: Meichela. Zu Hochdeutsch: Kopftuch.

Gegen die mehr als 330 von Oberfranken eingesendeten Wettbewerber-Worte durchgesetzt hat sich Meichela freilich nicht wegen der vermeintlich fortschreitenden Islamisierung. Sondern weil das Kopftuch in der Region bei Frauen eine lange Tradition besitzt und als Wort in Oberfranken eine bemerkenswerte Wandlung durchlaufen hat.

Die Urform "Meichel" war, so erklärt der Regierungsbezirk in einer Mitteilung, zunächst eine Kurzversion des weiblichen Vornamens Margaretha und entwickelte sich später zur allgemeinen Bezeichnung für Mädchen. Weil das Kopftuch wiederum nur eben diese trugen, ward Meichela bald Name des Textils auf dem weiblichen Haupt.

"In diesem Jahr ist unser Wort ein schönes Beispiel dafür, dass Sprache lebt und sich im Alltag der Menschen immer weiterentwickelt hat", wird Bezirkstagspräsident Schramm in der Mitteilung zitiert. Heutzutage bekannt ist übrigens auch das Greinmeichela, fränkisch für: Heulsuse. Dies wiederum ist ein derart deutsches Wort, dass die selbsternannten patriotischen Europäer gewiss ihre Schnappatmung einstellen und ganz in Ruhe durchpusten können. Das Abendland ist wohl doch noch nicht untergegangen.

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