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Passionsspiele Oberammergau:Mit den Haaren wächst die Vorfreude

Die beiden Jesus-Darsteller Rochus Rückel (links) und Frederik Mayet werden ihr Haar weiter sprießen lassen - so verlangt es die Tradition.

(Foto: Sebastian Beck)

In Oberammergau ist der Haar- und Barterlass verkündet worden. Spielleiter Christian Stückl und sein Team blicken zuversichtlich auf das Passionsjahr 2022 - auch wenn es nach wie vor Unwägbarkeiten gibt.

Von Christiane Lutz

Natürlich ist noch lange nicht alles gut, natürlich ist es bis zur Premiere der Passionsspiele am 14. Mai 2022 noch ein weiter Weg. "Wenn wir heute mit Proben beginnen würden, wir könnten immer noch nix machen", sagt Spielleiter Christian Stückl. Es gilt ja nach wie vor der Corona-Ausnahmezustand. Trotzdem: Wie sich an diesem Tag der Himmel auftut und so etwas wie Frühlingsluft durchs Passionstheater weht, wie Jesus-Darsteller Frederik Mayet den wenigen Gästen zuwinkt, wie Stückl für seine Verhältnisse gelassen wirkt, das hat eindeutig mit Hoffnung zu tun, mit Zuversicht.

Es ist der Aschermittwoch im Jahr vor der Passion, traditionell der Tag, an dem in Oberammergau der Haar- und Barterlass verkündet wird. Also das Gebot an alle Spielenden, sich nun nicht mehr die Haare zu schneiden - und, an die Männer gerichtet, sich auch nicht mehr zu rasieren. Eine Brauch, den die Oberammergauer gern haben. An der Haarlänge lässt sich gewissermaßen die Länge des Weges ablesen, den sie gemeinsam zurückgelegt haben werden. Von den rund 5000 Einwohnern ist etwa die Hälfte bei den Spielen dabei.

Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Tragik, wenn man das Ganze aus Perspektive der Oberammergauer Friseure betrachtet. Zur Erinnerung: Als die Passionsspiele vergangenen März verschoben wurden und alle bis dahin gezüchteten Mähnen wieder gestutzt hätten werden dürfen, mussten die Friseure schließen. Jetzt können die Friseure bald wieder öffnen - aber das halbe Dorf darf nicht mehr hin. Stückl immerhin sagt, er plane fest einen Friseurbesuch ein. Als Spielleiter ist er von der Haarwachspflicht ausgenommen. Und, so betont er: Wer sich wegen der FFP2-Masken weiter rasieren will, darf das natürlich.

In diesem Jahr ist nur eine kleine Runde Journalisten beim Haar- und Barterlass dabei, für den Rest der Welt wird gestreamt. Das Treffen findet im Theater statt, auf der Bühne mit Blick auf die 4600 leeren Sitze des Zuschauerraums, den man sich bislang kaum voll besetzt vorstellen kann. Stückl erinnert noch einmal an den Schock, der vergangenes Jahr durch ihn und das ganze Dorf fuhr, als das gigantische Theaterprojekt, für das eine halbe Million Tickets verkauft waren, abgesagt werden musste. Die Spieler waren gerade mit Aufnahmen für einen Bildband beschäftigt, das Bühnenbild fertig, der Text fertig, einige Szenen schon eingerichtet.

Nun geht alles zurück auf Anfang, naja, beinahe. "Den Text hab ich jetzt ein Jahr liegen lassen", sagt Stückl, "vielleicht will ich daran noch mal was ändern." Jeder Spieler darf seine Rolle behalten, manchen aber kommt das Leben dazwischen. Von den jüngeren werden ein paar wohl das Dorf verlassen. Dafür sind andere jetzt spielberechtigt - entweder deshalb, weil sie inzwischen 16 Jahre alt geworden sind. Oder auch deshalb, weil sie mittlerweile seit 20 Jahren in Oberammergau leben.

"Auf der Bühne kann man sicher auch die Nähe zueinander wieder lernen"

Auch der Bürgermeister ist ein neuer. Nach der Kommunalwahl im März 2020 übernahm Andreas Rödl (CSU) das Amt in der Krise. Für Oberammergau sind neben dem Tourismus die alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele ein extrem wichtiger Faktor im Haushalt. Vergangenes Jahr fiel das alles weg, ausgebuchte Hotels blieben leer. So sagt Rödl auch, dass er Oberammergau jenseits der Passionsspiele wirtschaftlich stärken will, um aus dieser Abhängigkeit herauszufinden, weg von jener Devise: "Die Passion bezahlt das schon." Rödl ist aber selbst unbedingter Fan der Passion und singt mit, als Tenor im Chor.

Außer Frederik Mayet, der immer da ist, weil er Pressesprecher ist, ist auch Rochus Rückel anwesend, der andere Jesus. Er sagt, er habe sich nach dem plötzlichen Ende erst einmal zurückziehen müssen. Haare schneiden, mit dem Bruder an Oldtimern herumschrauben. Er hat seinen Bachelor in Luft- und Raumfahrttechnik gemacht, jetzt geht es weiter mit dem Master. Das Leben passt also immer noch gut um die Passion herum. "So langsam wächst auch die Vorfreude wieder" sagt er.

65 Prozent der Tickets sind bereits wieder verkauft, die meisten haben ihre Buchungen einfach erneuert. Auch die Jugendtage, die am 7. und 8. Mai 2022 stattfinden, sind jetzt im Vorverkauf. "Ich gehe durchs Dorf und spüre, die Leute haben wieder Lust", sagt Stückl. Seine Augen funkeln. "Die Passionsspiele werden stattfinden. Und auf der Bühne kann man sicher auch die Nähe zueinander wieder lernen."

© SZ vom 18.02.2021/van/lfr
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