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Iffeldorfer Festtagskalender:Wenn Brauchtum stillsteht

"Der Oberbaierische Fest-Täg-und Alte-Bräuch-Kalender"

Brigitte Raab (rechts) und ihre Tochter Maria Schulze geben den oberbairischen "Fest-Täg-und-Alte-Bräuch-Kalender" heraus.

(Foto: privat)

In der Corona-Zeit fallen Veranstaltungen und Feste aus - mit Folgen für traditionelle Kalender. Beteiligte befürchten, dass es viele Gesangs- und Trachtenvereine nach der Pandemie nicht mehr geben wird.

Von Hans Kratzer

Wie sehr das Leben vor der Pandemie gebrummt hat, zeigt nicht zuletzt der Festtags- und Brauchkalender, den die Iffeldorfer Verlegerin Brigitte Raab und ihre Tochter Maria Schulze jedes Jahr herausgeben. Er beinhaltet für 2021 gut 2000 Veranstaltungstermine allein aus Oberbayern. Jedes Jahr blähte sich der Kalender noch mehr auf, bis die Corona-Krise den umfänglichen Fest- und Feierbetrieb stillgelegt hat.

Wertlos ist die großflächige Publikation trotzdem nicht, denn sie dient ja auch als Ratgeber, sie enthält unterhaltsame Geschichten, etwa über die Seeräuber zu Unterwössen, über eine Frau, die 40 Urenkel hat, sowie über das Rangeln und das Raufen, und sogar eine Kinderseite ist darin zu finden. Der Verlag will ein traditionsorientiertes, aber auch ein modernes Publikum erreichen, mag der Titel des Kalenders auch ein bisserl angestaubt klingen.

"Der Oberbairische Fest-Täg-und-Alte-Bräuch-Kalender" ist erstmals 1988 erschienen. Die Idee hatte Brigitte Raabs mittlerweile verstorbener Mann, der Werbegrafiker Heinrich Matthias Raab, den die alte Kalendertradition des Reimmichel oder des Straubinger Kalenders fasziniert hatte. So etwas sollte auch in heutiger Zeit auf Interesse stoßen, sagte er und wählte als Werbefachmann bewusst einen langen und komplizierten Titel, der Aufmerksamkeit und ein Alleinstellungsmerkmal sichern sollte.

Doch jetzt ist Raabs Kalenderprojekt, das Frau und Tochter nach dessen Tod mit großem Eifer fortsetzten, in schwieriges Gewässer geraten. Die Buchhandlungen sind geschlossen, viele Bestellungen an Weihnachten fielen aus. "Zurzeit verschicken wir vom Verlag aus Einzelexemplare", sagt Brigitte Raab, was sie noch nie gemacht haben. Das Projekt, das die Familie Raab gemeinsam stemmen wollte, muss neu überdacht werden, gerade jetzt, da bereits die Vorarbeiten für 2022 laufen.

"Der Oberbaierische Fest-Täg-und Alte-Bräuch-Kalender"

Neben der Bibel gehörten Lese-Kalender zu den ersten Drucken nach der Erfindung des Buchdrucks. In vielen Häusern bildete er neben dem Gebetbuch das einzige Druckwerk. Zu den letzten Kalendern dieser Art zählt der Fest- und Brauchkalender.

(Foto: privat)

Maria Schulze sagt, sie müsse jetzt mithelfen, die Traditionen zu bewahren, nicht nur darüber zu berichten. Es muss uns bewusst werden, dass viele Bräuche in tiefer Not und aus Dankbarkeit für erfahrene Hilfe entstanden sind. "Das sind nicht bloß leere Geschichten." Aber der Kern sei in den Hintergrund geraten. Das Passionsspiel in Oberammergau sei ja wegen einer Pestnot entstanden, jetzt sagt man es wegen einer anderen Not ab. "Die Einstellung hat sich geändert."

Die Brauchtumsexpertin Dorothea Steinbacher sorgt sich momentan weniger um die Großveranstaltungen, die oft von der Tourismusbranche getrieben werden, sondern um das lokale Brauchtum. Die Sebastianiwallfahrt in Ebersberg sei bis 2014 von einem Markt begleitet gewesen, dann sei er erloschen. Oder der Taubenmarkt in Wasserburg, der nach einer Geflügelpest einging. Jemand muss sich darum kümmern. Die Klöpfelgeher im Advent, einst ein Bettelbrauch, hatten keine Zukunft mehr, als der ursprüngliche Sinn verloren ging. Andererseits, sagt Steinbacher, stelle sie in der Pandemie ein wachsendes Interesse an solchen Themen fest. Sie schreibt ebenfalls für einen Kalender (Altbayerischer Festtags- und Brauchtumskalender), die Resonanz sei groß. Die Leute blicken wieder viel intensiver auf das, was vor ihrer Haustür passiert.

Der Oberpfälzer Bezirksheimatpfleger Tobias Appl schaut mit Sorge auf den Herbst, auf den jetzt viele Veranstaltungen verschoben werden. Da würde sich an sechs Wochenenden alles stauen, es ist für ihn nicht vorstellbar. Eine andere Frage ist, ob nach der Pandemie wirklich alle Beteiligten in den Gesangsverein und in den Trachtenverein zurückkehren. Oft habe er gehört: "Mir fehlt nichts, es geht auch ohne Verein."

Das Engagement in Sportvereinen und Feuerwehr raubt viel Zeit, die man auch für sich nutzen könne. Manche hätten jetzt erstmals einen stillen Advent erlebt, ohne den Rummel der Märkte, die in immer größerer Zahl aus dem Boden geschossen sind. "Wir spinnen schon auch ein bissl", sagt Appl. Er glaubt, dass sich in der Gesellschaft manches verändern wird. Vereine und Traditionen, die eh vor dem baldigen Aus standen, "die hören halt jetzt zehn Jahre früher auf, da bricht die Welt nicht zusammen. Die alten Radfahrervereine gibt es längst nicht mehr, das Leben ging trotzdem weiter".

© SZ vom 16.01.2021/van, kafe
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