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SPD in Nürnberg:Schock lass nach

Stichwahlen zur Kommunalwahl

Einsame Tage in Nürnberg: Der Verlust der SPD-Macht war Ulrich Maly nach der OB-Wahl anzusehen.

(Foto: Karmann/dpa)

Mehrheit weg, OB weg: Ein halbes Jahr nach dem Wahldebakel suchen die Nürnberger Sozialdemokraten einen neuen Chef. Oder zwei.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Es gab da diesen Auftritt von Cornelia Spachtholz auf der Jahreshauptversammlung der Nürnberg-SPD im Frühjahr 2019. Einen Gleichstellungsbericht sollte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen vorstellen, was Spachtholz dann aber vortrug, war im Kern eine Generalabrechnung mit dem parteiinternen Bewerbungsverfahren um die Nachfolge von Oberbürgermeister Ulrich Maly. Nun sind Parteitage mit wenigen historischen Ausnahmen nicht der Ort, um auf der Bühne das laut anzusprechen, was in den Kulissen längst heftig moniert wird; schon gar nicht, wenn eine richtungsweisende, womöglich gar historische Wahl ins Haus steht. Spachtholz aber hatte sich ein Jahr vor der Kommunalwahl für das Gegenteil entschieden. Sie wollte es aussprechen, einfach mal aussprechen.

Spachtholz formulierte es etwas gewunden, nicht aber ohne Deutlichkeit. "Wenn ich jetzt alle bitten würde aufzustehen und den Saal zu verlassen, die über den Prozess zur OB-Nachfolge irritiert sind, oder den Prozess als unglücklich gewählt empfinden, kann ich mir vorstellen, dass wir Gefahr laufen, unter Umständen nicht mehr beschlussfähig zu sein", sagte sie. Sie hätte auch sagen können: Das Überfallkommando, mit dem einige wenige in der Partei in den Hinterzimmern längst alles geregelt und unter sich ausgemacht haben, noch bevor andere in derselben Partei überhaupt mitbekommen konnten, dass Ulrich Maly kein weiteres Mal als Rathauschef kandidieren wird, dieses Überfallkommando zur Überrumpelung unerwünschter Kandidaten wäre keiner demokratischen Partei würdig gewesen - schon gleich gar nicht aber der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Eigentlich, fügte sie noch hinzu, glaubte man sich doch einig darin, dass "entscheidende Personalpolitik raus aus den Hinterzimmern" gehöre. Theoretisch waren sich da wohl auch alle einig im Saal. In diesem ganz konkreten Fall aber?

Da eben nicht. Maly hatte Thorsten Brehm, dem jungen Nürnberger Parteivorsitzenden, als Erstem gesteckt, dass das leider nichts wird mit einer vierten Amtszeit. Und weil sich ein maßgeblicher Zirkel bald darüber ins Benehmen setzte, dass es da ein paar Kandidaten gibt, die sich zwar selbst für geeignet halten, aus unterschiedlichen Gründen aber nicht in Frage kommen sollen, einigte sich der Zirkel auf Brehm. Dass dies kein perfekter Kandidat war, ahnten alle: 34 Jahre alt damals, in Nürnbergs stolzer SPD-Zentrale weltberühmt, auf den Straßen der Stadt eher unerkannt. Enorm stark in Sachfragen, sonst ausbaufähig. Als Gegenmittel sollte der Kandidat rasch durchgewinkt werden und danach keine Litfaßsäule nahezu ein Jahr lang unbehelligt bleiben vom Kandidatenkonterfei. Ein Wahlkampf, der um ein Vielfaches teurer war als der der Konkurrenz.

Das Ergebnis ist bekannt, man wird es mindestens halbhistorisch nennen müssen. Die SPD verlor die Mehrheit im Stadtrat und in der Stichwahl auch den OB-Sessel. Nein, das ist nicht ganz so, als wenn die CSU den Ministerpräsidenten nicht mehr stellen würde. Aber beinahe so, zumindest in den Köpfen der SPD. Nürnberg? Das ist ihre Stadt in Bayern. Wer Maly nach dem Debakel gesehen hat, wie er da in sich versunken stand in der Nürnberger SPD-Zentrale, der wird das nicht wieder vergessen können: das Symbolbild eines Schocks.

Türkischstämmiger SPD-Politiker Tasdelen

Als Nachfolger für Parteichef Thorsten Brehm wird unter anderem Arif Tasdelen gehandelt.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Und nun, sechs Monate später? Auf Bundesebene ist die SPD - Solidarität hin oder her - bekannt für ihren eher nicht barmherzigen Umgang mit Kandidaten, die wenig gerissen haben. In Nürnberg freilich, sagt einer aus der Führungsriege, habe es einer "Nacht der langen Messer" gar nicht bedurft. Brehm signalisierte früh, dass er das Amt als Parteichef abgeben wird. Er wird nun nicht nur als jüngster Parteichef in die Geschichte der Nürnberg-SPD eingehen und als der Chef, der zwischenzeitlich jünger war als der Boss der örtlichen Jusos - sondern auch als Übergangsvorsitzender. Brehm steht jetzt der Stadtratsfraktion vor, wird dort geschätzt, seiner Beförderung zum Kämmerer dürfte - wenn das Amt in drei Jahren frei wird - kaum etwas entgegenstehen. Die Partei aber sucht nicht nur einen neuen Chef. Sie muss auch das Debakel verdauen und der Frage nachgehen, wie das alles passieren konnte.

Immerhin, eine Kommission zur Verarbeitung des Traumas ist inzwischen schon eingesetzt worden, sie soll sogar unbequeme Fragen stellen dürfen. Nach sechs Monaten, ätzt ein Basis-Sozialdemokrat, komme "das auch keinen Tag zu früh". Eigentlich sollte in wenigen Tagen auch ein neuer Parteichef gewählt werden. Das aber war vor Corona. Wann es nun soweit sein wird? Könnte noch bis März oder April dauern.

Richtig traurig ist darüber keiner in der Nürnberg-SPD. Denn die Partei dürfte vor einem wahrhaftigen, diesmal nicht nur in Hinterzimmern ausgetragenen Wettstreit ums Amt stehen. Der Wettbewerb wird dadurch zusätzlich interessant - allerdings auch unübersichtlich -, dass vorläufig niemand weiß, ob im Frühjahr über einen Einzelvorsitzenden abgestimmt wird. Oder über eine Doppelspitze. Das könnte sich sogar erst auf dem Parteitag entscheiden.

Die Historikerin Kerstin Gardill wäre eine Option für eine etwaige Doppelspitze mit Nasser Ahmed.

(Foto: Olaf Przybilla)

Genannt werden vor allem vier Kandidaten: Nasser Ahmed, der junge Fraktionsvize aus dem Stadtrat, der als künftiger OB-Kandidat aufgebaut werden könnte. Auch Gabriela Heinrich werden Chancen eingeräumt, der Fraktionsvize im Bundestag, die aber mit dem Makel behaftet ist, für jenen Zirkel zu stehen, der die Maly-Nachfolge-Kür zu verantworten hat. Der Landtagsabgeordnete Arif Tasdelen wäre für manchen der passende OB-Kandidat 2020 gewesen, die fehlenden Seilschaften könnten ihm nun als Argument dienen, die krustige Parteizentrale rundum erneuern zu können. Sollte sich die Partei für eine Doppelspitze entscheiden, gilt die Historikerin Kerstin Gardill als die wahrscheinlichste Partnerin für Ahmed - ein Duo, das Aufbruch symbolisieren und an der Basis für die Sehnsucht nach einer linkeren, weniger von der Nürnberger Großkoalition dominierten Stadtpolitik stehen könnte.

Cornelia Spachtholz übrigens, die Frau, die sich ein Jahr vor dem Debakel traute, den Elefanten im Raum einfach mal zu benennen, wird nicht gehandelt. Sie habe gar nicht so falsch gelegen, war am Wahltag aus der Partei zu hören. Aber beliebt hat sie sich nicht gemacht mit ihrem Auftritt.

© SZ vom 23.09.2020/vewo
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