Kratzers Wortschatz:Hitler, Räuber und am Kasperl sei Frau

Kratzers Wortschatz: Eine Hochzeit in Tracht ist in vielen Beziehungen heute beliebt. Vor einigen Jahrzehnten galt das in einigen Pfarreien noch als "Kasperlgewand" - und als Grund, die Trauung zu versagen.

Eine Hochzeit in Tracht ist in vielen Beziehungen heute beliebt. Vor einigen Jahrzehnten galt das in einigen Pfarreien noch als "Kasperlgewand" - und als Grund, die Trauung zu versagen.

(Foto: Johannes Simon)

Heute herrscht in Kleidungsfragen eine große Toleranz. Früher ging es strenger zu, schon Brautpaare in Tracht fielen unter Kasperlgwand-Verdacht. Das Tragen von Räuberzivil aber verheißt selten etwas Gutes.

Kolumne von Hans Kratzer

Kasperlgwand

Irmgard und Wilhelm Ostermeier aus Landshut-Achdorf haben das seltene Fest der Gnadenhochzeit gefeiert. Das heißt, sie sind seit 70 Jahren verheiratet. Die Landshuter Zeitung würdigte das Jubelpaar mit einem großen Artikel, dem zu entnehmen war, dass die Brautleute seinerzeit in Tracht heiraten wollten. Dem Pfarrer hat dieses Ansinnen aber missfallen. "In so einem Kasperlgewand verheirate ich euch nicht", sagte er laut dem Zeitungsbericht. In seiner Not wechselte das Paar in eine andere Pfarrei, in der die Geistlichkeit toleranter war. Die jungen Leute durften doch noch in Tracht vor den Altar treten.

Das Wort Kasperlgwand spiegelt den engstirnigen Zeitgeist von 1953 wider. "Grea und blau is am Kasperl sei Frau!", hieß ein gängiger Spruch. Alsbald aber wurde die Tracht auch bei Hochzeiten salonfähig. Den Begriff Kasperlgwand gibt es heute noch. Er benennt modische Geschmacksverirrungen, wie sie zum Beispiel jene Männer pflegen, die ihre Tagesgeschäfte im schlabbrigen Trainingsanzug erledigen. Aber nicht alle, die ein Kasperlgwand tragen, sind Kasperlköpfe, wie man Menschen bezeichnet, die nicht ganz ernst zu nehmen sind.

Räuberzivil

Der Schriftsteller Eugen Roth (1895-1976) stand am Abend des 8. November 1923 vor dem Münchner Bürgerbräukeller. Es gelang ihm aber wegen der polizeilichen Sperren nicht, in den Saal vorzudringen, in dem Generalstaatskommissar Gustav von Kahr eine Rede hielt, bis Adolf Hitler die Veranstaltung gewaltsam sprengte und einen Staatsputsch vom Zaun brach. Roth fielen zahlreiche Bewaffnete in der Umgebung auf. An der Auffahrt zum Saal postierten, wie er später schrieb, "in Räuberzivil" gekleidete Einheiten der von der NSDAP dominierten Kampfbund-Organisationen.

Der Begriff Räuberzivil, den Roth nennt, bedeutet heute meistens, dass jemand schlecht oder nachlässig gekleidet ist. Offiziell wird unter Räuberzivil ein Mix aus Uniformteilen und bürgerlicher Kleidung verstanden, wie ihn wohl etliche Putschisten aus dem Jahr 1923 trugen. In Kriegs- und Krisengebieten ist dieses in Uniformvorschriften verbotene Räuberzivil häufig zu sehen.

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