Kinderbetreuung:Scharfe Kritik an Bayerns Kita-Plänen

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Kinderbetreuung: Wer soll demnächst die Kinder in Bayern betreuen? Über diese Frage ist in Bayern ein Streit entbrannt.

Wer soll demnächst die Kinder in Bayern betreuen? Über diese Frage ist in Bayern ein Streit entbrannt.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Größere Gruppen, Betreuung durch weniger qualifiziertes Personal: Eltern, Träger und Opposition lassen Vorschläge von Sozialministerin Scharf zur Lösung des Erziehermangels durchfallen - aus Sorgen um die Qualität.

Von Anna Günther

In Bayerns Kindertagesstätten fehlt das Personal und es gibt zu wenig Betreuungsplätze - Vorschläge, wie die Probleme schnell gelöst werden sollen, hat Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) am Dienstag vorgestellt. Überall fehlen zu Beginn des Kitajahres Erzieherinnen, Kitas kürzen Öffnungszeiten oder müssen Gruppen schließen. Aber das Echo auf Scharfs Ideen fällt sehr negativ aus. Eltern und Landtagsopposition kritisieren besonders den Fokus auf Quantität der Plätze zulasten der Bildungsqualität.

In einem ministeriellen Schreiben an Kommunen und Kita-Träger hatte das Sozialministerium angeregt, die Experimentierklausel des Kinderbildungs- und Betreuungsgesetzes auszunutzen. Mit größeren Gruppen in Großtagespflegen und Mini-Kitas sowie neuen, an Kitas angegliederten Gruppen, sollen schnell Plätze geschaffen werden. In neuen "Einstiegsgruppen" etwa könne "auch die Oma betreuen oder jemand, der den Job gerne macht", sagte Scharf. Der fachliche Anspruch sei gegeben, weil die Gruppe an einer Kita angesiedelt ist. Dieser Modellversuch ist bis August 2024 befristet und soll Kommunen wie Trägern Luft verschaffen, um Fachkräfte zu finden.

Wie viele Erzieherinnen und Kinderpfleger fehlen, konnte die Sozialministerin nicht sagen. Der Bedarf werde gerade neu erfasst. Eine Prognose der Bertelsmann-Stiftung geht von 45 600 zusätzlich benötigten Fachkräften bis 2030 aus.

"Wahnsinn" und "richtig sauer" sind Reaktionen auf Scharf Pläne

Schon am Montag hatten Vertreter der kirchlichen Kitaträger in Kenntnis des Schreibens bezweifelt, ob die Experimente das Grundproblem des Fachkräftemangels lösen. Statt des Hinweises, "dass man das Gesetz ausschöpfen soll, muss richtig Geld ins System und Hirnschmalz", kritisierte am Dienstag auch Daniel Gromotka, Sprecher des Netzwerkes der Gemeinsamen Elternbeiräte in Bayern. Echte Lösungsansätze habe Scharf nicht geliefert und die Eltern seien nicht einmal befragt worden, sagte der Münchner Elternsprecher. Aus seiner Sicht müssten mehr Verwaltungskräfte Kitaleitungen entlasten und das Gehalt der Erzieherinnen und Kinderpfleger müsse deutlich steigen. Und die Qualität? "Das macht mir schon Angst, am Ende wird alles auf die Qualität gehen", sagte Gromotka. Schlimm sei, dass viele Eltern auf die Kita angewiesen seien, ihnen bleibe keine andere Wahl.

Auch die bayerische Arbeiterwohlfahrt forderte eine Fachkräfteoffensive: Nicht zuletzt, um den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler ab 2026 umzusetzen, brauche es mehr Aus- und Weiterbildungsplätze sowie kostenlose Weiterqualifizierung, sagten Nicole Schley und Stefan Wolfshörndl.

Doris Rauscher, die Vorsitzende des Sozialausschusses im Landtag und sozialpolitische Sprecherin der SPD, nannte Scharfs Ideen "Wahnsinn". Der Bildungsanspruch der Kitas werde "sehenden Auges an die Wand gefahren. Wir wissen doch, wie wichtig und wertvoll die ersten Jahre für die Entwicklung sind". Dass Scharf die "Absenkung des Qualitätsniveaus" als innovative Konzepte verkaufe, mache sie "richtig sauer". Zumal die Regierung alle Ideen der Opposition abgelehnt habe.

Das kritisierte auch Julika Sandt (FDP) und attestierte "völlige Planlosigkeit". Im schlimmsten Fall vergraule die Regierung nun sogar Fachkräfte, sagte Johannes Becher (Grüne). Lösungen wären für ihn mehr Leitungszeit, schnellere Anerkennung ausländischer Fachkräfte, Fortbildungen und Aufstiegschancen. "Aber hier tut sich seit Jahren nichts. Und jetzt brennt die Hütte."

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