Horst Seehofer Parteichef auf Abruf

Kraftlos: CSU-Chef Horst Seehofer auf dem Parteitag in München.

(Foto: Getty Images)

Der CSU-Vorsitzende, in seiner Partei einst als Erfolgsgarant geschätzt, hat den Respekt der eigenen Leute verloren. Das verheißt auch für die Zukunft der Bundesregierung nichts Gutes.

Kommentar von Robert Roßmann

Horst Seehofer hat in seinem langen politischen Leben viele Tiefpunkte erlebt, aber der Parteitag im Münchner Postpalast war einer der schlimmsten. CSU-Vorsitzende treten gerne kraftstrotzend auf - umso auffälliger ist es, wenn sie kraftlos sind. Und Seehofer war an diesem Samstag so schwach wie noch nie seit seiner Wahl zum CSU-Chef vor zehn Jahren.

Bereits beim Parteitag im Dezember war ein Machtverlust Seehofers spürbar. Wenn er nicht kurz zuvor angekündigt hätte, die Staatskanzlei an Markus Söder übergeben zu wollen, hätte er einen schweren Stand gehabt. Doch an diesem Wochenende kam es für Seehofer noch schlimmer. Im Postpalast zeigte sich, dass die Mehrheit der Delegierten inzwischen jeden Respekt vor ihrem Vorsitzenden verloren hat. Über den CSU-Chef wurde in den Gängen derart despektierlich gesprochen, dass im Vergleich dazu manche Angriffe der Sozialdemokraten wie liebevolle Streicheleinheiten wirkten. Dass Seehofer trotzdem Applaus bekam, lag nur daran, dass die Delegierten an Selbstverleugnung grenzende Disziplin zeigten - und dass Seehofer seinen Auftritt zur Glorifizierung Söders nutzte (er sei "das Beste, was Bayern zu bieten hat").

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"Durch die Windschutzscheibe sieht man mehr als durch den Rückspiegel", hat Seehofer am Samstag gesagt. Er wollte damit den Blick der Delegierten nach vorne richten, weg von den Streitereien der vergangenen Jahre. Aber er beschrieb damit auch das Phänomen, das ihm jetzt so zu schaffen macht.

Seehofer hat eine beeindruckende Karriere hinter sich. Bei seinem ersten Einzug in den Bundestag, 1980, hieß der Kanzler noch Helmut Schmidt. Das erste Mal Bundesminister wurde Seehofer vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Unter seiner Führung eroberte die CSU bei der Landtagswahl 2013 die absolute Mehrheit zurück. Und bei seinem Rückzug aus der Staatskanzlei war er der dienstälteste Ministerpräsident Deutschlands. Doch in der Politik zählt nicht, was man geleistet hat, sondern was einem Bürger und Parteifreunde noch zutrauen. Und durch die Windschutzscheibe sehen die Delegierten nur einen überforderten 69-Jährigen.

Ein Parteichef, der den Respekt der eigenen Leute verloren hat, ist kaum noch handlungsfähig

Die Kanzlerin war am Freitag in Litauen, an diesem Montag fliegt sie nach Algerien. Seehofer bleibt dagegen am liebsten zu Hause in Deutschland. Er schwänzt sogar die meisten Sitzungen in Brüssel, lässt sich dort durch einen Staatssekretär vertreten. Außerdem macht ausgerechnet der alte Taktik-Fuchs Seehofer inzwischen einen Fehler nach dem anderen. Söder will - seit er erkannt hat, dass ihm der Streit um die Flüchtlingspolitik schadet - vor allem mit der Leistungsbilanz der CSU in Bayern punkten. Aber mit seinen Äußerungen zur Migration, zu Abschiebungen nach Afghanistan und zum Verfassungsschutzpräsidenten hat Seehofer den Blick auf die Erfolge in Bayern verdeckt.

Das alles bedeutet auch für die Koalition in Berlin nichts Gutes. Mit einem Vorsitzenden, der den Respekt seiner Partei verloren hat, lassen sich nur schwer belastbare Kompromisse erzielen. Und es ist keineswegs garantiert, dass das Trauerspiel mit der bayerischen Landtagswahl zu Ende geht. Auch wenn Söder den Parteivorsitz übernimmt, wird es in Berlin nicht ruhiger werden. Auf Bundesebene ist Söder ein Anfänger, und nach dem erwarteten Einbruch seiner CSU dürfte er ziemlich waidwund auftreten. Der Streit in der Koalition wird also in jedem Fall weitergehen.

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