CSU Zehn Minuten Frieden für Söder

Zweite Reihe, beste Sicht: Theo Waigel (li.) und Edmund Stoiber verfolgen von ihren Plätzen aus den Parteitag.

(Foto: Sven Simon/imago)

Die Geschichte von Edmund Stoiber und Theo Waigel ist eine von Feuer und Wasser. Aber nun, da die CSU bei 35 Prozent rangiert, blenden sie ihren "dreißigjährigen Krieg" aus und treten miteinander auf dem Parteitag auf.

Von Roman Deininger und Wolfgang Wittl

Bei jeder normalen Veranstaltung würden sich die beiden Herren jetzt wohl sofort beschweren, es müsse sich um ein Missverständnis handeln. Zumal wenn die Veranstaltung von der CSU organisiert wird, in der das schwierige Verhältnis der beiden Herren bekannter ist als das eigene Grundsatzprogramm. Doch es gibt keinen Zweifel. Die Sitzordnung sieht vor, dass Theo Waigel und Edmund Stoiber am Samstag beim Parteitag im Münchner Postpalast direkt nebeneinander Platz nehmen. Zweite Reihe, beste Sicht. Waigel hinter Ministerpräsident Markus Söder, Stoiber hinter Parteichef Horst Seehofer. Normal ist ja wenig in diesen Krisentagen der CSU. Man darf also davon ausgehen, dass Waigel und Stoiber ihrem Sitznachbarn jeweils zugestimmt haben.

Die CSU hat viele Machtkämpfe erlebt, nur wenige aber von epochalem Ausmaß. Der zwischen Seehofer und Söder gehört dazu, der zwischen Waigel und Stoiber ebenfalls. Parteifreunde, die um die Zuneigung der beiden Ehrenvorsitzenden füreinander wissen, sprechen schon mal vom "dreißigjährigen Krieg". Jetzt aber sitzen Waigel und Stoiber nicht nur Schulter an Schulter, sondern haben gleich noch einen gemeinsamen Auftritt. "Wenn die beiden schon miteinander reden, dann muss es ernst sein", sagt ein CSU-Vorständler. Und was könnte ernster sein als 35-Prozent-Umfragen vier Wochen vor der Landtagswahl? Für Waigel und Stoiber Grund genug, ihre persönliche Geschichte im Interesse der Partei kurz auszublenden.

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Stoiber und Waigel, das war wie Feuer und Wasser. Hier der leidenschaftliche Oberbayer, der mit dem Breitschwert großer Emotionen durch die Partei fegt. Dort der nachdenkliche Schwabe, der meisterlich das Florett der beißenden Ironie beherrscht. Die Rivalität begann in der Achtzigerjahren zur Zeit von Franz Josef Strauß. Waigel, der eigenständige Landesgruppenchef, war genervt, wenn Stoiber im Auftrag seines Meisters Strauß wieder mal die Freunde in Bonn belehren zu müssen glaubte. Strauß starb 1988, Waigel wurde Parteichef, Max Streibl Ministerpräsident. Schon da begann das innerparteiliche Ringen um die Deutungshoheit zwischen Bayern und Bund - zwischen den Hütern der reinen CSU-Lehre und den Befürwortern des notwendigen Kompromisses.

Als Streibl 1993 abtreten musste, wäre Waigel gern als Ministerpräsident nach München gekommen. Stoiber hatte sich da bereits den Rückhalt der Fraktion gesichert. Der Kampf um das höchste Amt in Bayern war zäh und schmerzhaft, nicht jede Facette bedarf einer Schilderung. Waigel hat nie vergessen, wie seine familiären Verhältnisse gegen ihn instrumentalisiert wurden. Freunde sagen, genau das sei Waigels Stärke wie Schwäche: dass er überhaupt nie etwas vergisst. 1998 räumte er nach der Bundestagswahl den Parteivorsitz zugunsten Stoibers. Noch einen Zermürbungskampf wollte er sich ersparen.

Bis heute bilden Waigel, 79, und Stoiber, 76, die beiden Pole der Partei. Stoiber zählt zu Angela Merkels größten Kritikern in der CSU, Waigel zu ihren größten Unterstützern. Stoiber ist generell europaskeptisch, Waigel ein Europafreund. Stoiber rackert wie eh und je, ist fast omnipräsent, besucht jede Vorstandssitzung. Waigel dosiert seine Auftritte, sagt, er müsse nicht überall dabei sein. Wer in der CSU etwas werden will, sollte jedoch am besten den Segen von beiden haben. Und wenn sie etwas sagen, hören alle aufmerksam zu. Waigel beeindruckte unlängst die Junge Union mit einer blitzgescheiten Grundsatzrede. Stoiber steckte vor dem Parteitag den Kurs in einem FAZ-Interview ab. Seine Botschaft für die finalen Wahlkampfwochen: Keine Kritik an Parteifreunden in Berlin, kein offener Zwist mit Merkel, volle Konfrontation mit der AfD. Und: Kein Rütteln an Söder, egal wie die Wahl ausgeht.

Schon früher saßen Waigel und Stoiber bei Parteitagen nebeneinander, aber immer mit mindestens einem Puffer dazwischen (Seehofer). Am Samstag begrüßen sie sich distanziert, aber nicht unfreundlich. Stoiber streicht sich im Gespräch mehrmals über die Haare. Ist es die Aufregung? Will er einen guten Eindruck machen? Nach ein paar Minuten gesellen sich Joachim Herrmann und Angelika Niebler hinzu, weder Stoiber noch Waigel haben gegen den Zuwachs etwas einzuwenden.

Markus Söder, Stoibers politischer Ziehsohn, soll sich sehr um die Gunst des skeptischen Waigel bemüht haben, heißt es in der CSU, auch mit regelmäßigen SMS. In zwei Wochen werden sie gemeinsam einen Termin mit Merkel wahrnehmen. Waigel wiederum ist ein Mann, dem das Bemühen um seine Anerkennung nicht unangenehm ist. Dass er sich so offen für Söder einsetzt, hat die CSU dennoch erstaunt.

Um 12.12 Uhr betreten Stoiber und Waigel die Bühne - zwischen ihnen Generalsekretär Markus Blume, der auch schon für Seehofer und Söder öfter als Ein-Mann-Blauhelmtruppe fungierte. Waigel flunkert, Söder habe ihm bereits in der JU als "frecher Kerl" imponiert. Und ernster: Jetzt unterstütze er ihn, weil er bewiesen habe, dass er dialogfähig sei. Er bittet Söder, gegen die AfD zu kämpfen. Stoiber beschwört eine "Jetzt-erst-recht-Stimmung" in der CSU. Nach zehn Minuten ist der Auftritt auch schon wieder vorbei.

Danach ist Söder an der Reihe. Die Delegierten klatschen lange, als er in Richtung der beiden Ehrenvorsitzenden sagt: "Es ist wirklich etwas ganz Besonderes, dass ihr euch einbringt in dieser Zeit."

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