Ankunft der Gipfelgäste:Mister Welcomedahoam

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Begrüßung im Halbstundentakt: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (rechts) begrüßt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

(Foto: AFP)
  • Horst Seehofer beweist am Sonntag Ausdauervermögen: Bayerns Ministerpräsident begrüßt die G7-Gäste am Münchner Flughafen.
  • Den Anfang macht in der Früh US-Präsident Barack Obama, es folgen über Stunden verteilt andere Gipfelteilnehmer.
  • Alle Informationen und Hintergründe zum G-7-Gipfel lesen Sie hier

Von Frank Müller

Die Lage ist auf feinsinnige Weise verzwickt, so dass Horst Seehofer sie den ganzen Vormittag immer wieder aufs Neue erklärt. "Wir sind das Gastgeberland", sagt der Ministerpräsident. "Die eigentliche Gastgeberin ist die Kanzlerin."

Gastgeberland, Gastgeber - aus der Sicht von Horst Seehofer, der an diesem Sonntagvormittag nun schon seit Stunden über die aufgeheizten Betonfelder auf dem Münchner Flughafen turnt, ist das ein sehr wichtiger Unterschied. Ein Gastgeber stünde im Mittelpunkt bei seiner großen Sause. Das tut Seehofer nun beim G-7-Gipfel fraglos nicht. Der Chef eines Gastgeberlandes aber muss nur der sein, der die Bühne bereitet. Einer, der sein Haus zur Verfügung stellt, damit jemand anderes, Angela Merkel, dort eine prima Party veranstalten kann. "Wir wollen nichts anderes sein als ein guter Gastgeber", sagt Seehofer noch einmal. "Deshalb nehmen wir uns hier auch etwas zurück."

Deshalb verbringt er seinen Sonntagmorgen seit sechs Uhr früh damit, einem Staatschef nach dem anderen bei der Landung am Münchner Flughafen zuzusehen, ihn freundlich zu begrüßen und umgehend zu einem schon bereitstehenden Hubschrauber zu führen. Ist diese Rolle des gehobenen Grüßgott-August wirklich die, die sich Mister Welcomedahoam Horst Seehofer erträumt hat? Zumal er - sprich: der Steuerzahler seines Landes - derjenige ist, der den Löwenanteil der Party bezahlt.

Dass den Aufwand für den Gipfel auch das ganz normale Bürgertum im Freistaat kritisch beäugt, wird dem Volk-aufs-Maul-Schauer Seehofer nicht entgangen sein. Er reagiert darauf wie häufig: mit Leugnen. Seehofer lehnt am Absperrgitter, das Politiker und Presseleute trennt, und sagt, er sei sich völlig sicher, dass die Leute den Gipfel gut finden. Weil er wichtigen politischen Zielen diene. Dass die Menschen in Bayern das so sehen, habe er auch gleich am Morgen der Kanzlerin noch einmal am Telefon gesagt, sagt Seehofer.

Ob es dann nicht doppelt schöner wäre, wenn vom Gipfelgloria etwas mehr auf den Hausherrn fallen würde? "Ich bin jetzt so lange in der Politik, ich muss nicht auf ein Bild", sagt Seehofer. Es ist die Zeit kurz nach sechs Uhr, noch ist keiner der sechs Gipfelteilnehmer in München angekommen. Dann landet um kurz vor halb sieben Barack Obama. Die Air Force One rollt vor, dröhnende Hubschrauber-Monster verwandeln das Rollfeld in eine Szenerie wie aus einem opulenten Hollywood-Militärfilm. Selbst Seehofers abgebrühte Leibwächter sind geplättet und filmen mit dem Handy. Obama steigt um 6.30 Uhr aus, und es gibt auf einmal sehr viele Presse- und TV-Bilder von ihm und Seehofer. Eine angedeutete Umarmung, Smalltalk, amerikanische Großoffensive.

Fünf Minuten geht das so, danach kann man Seehofer ansehen, wie gut ihm das gefallen hat. Er spricht sogar von einem "erhebenden Moment". Seehofer, der Politik sehr ernst nimmt, aber politische Rituale eigentlich überhaupt nicht, ist richtig ergriffen. Dazu kommt, dass er in diesem Moment Obama als einen erlebt, der Politik, was den Umgang mit Menschen betrifft, ähnlich betreibt, wie er selbst.

Obama hat nämlich gleich nach dem Aussteigen jeden einzelnen der Trachtler und Gebirgsschützen persönlich per Handschlag begrüßt, anders als alle, die noch nach ihm kommen. Das gefällt Seehofer, das würde er auch so machen. Es hat für ihn etwas mit Respekt zu tun und mehr noch mit der Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen . "Umsonst steht man nicht an der Spitze eines Landes, dahinter steht eine Persönlichkeit." Ein bisschen meint Seehofer auch sich selbst, wenn er solche Sätze sagt. "Schon seit vielen Jahren" denke er so über Politikercharaktere.

So nimmt der Vormittag seinen Lauf: EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, EU-Ratschef Donald Tusk, die Premiers David Cameron (Großbritannien), François Hollande (Frankreich), Matteo Renzi (Italien) haben ihre Minutenauftritte, immer an Seehofers Seite. Alle entschwinden, Seehofer bleibt, ihm wird zunehmend heiß in seinem dunklen Anzug mit weiß-blau gestreifter Krawatte.

Die Außenpolitik wollte er zu einem neuen Schwerpunkt seiner verbleibenden Amtszeit machen, was sich bislang immerhin in intensiver werdenden Reisen niedergeschlagen hat, nicht aber in besonderen Akzenten. Und nun kommt die Außenpolitik zu ihm nach München - und fliegt gleich wieder weiter, zu Angela Merkel. Seehofer bleibt es da nur, in seiner Landeshauptstadt zu agieren, wie er es auch auf seinen Reisen tut: verbindlich im Tonfall, charmant, durchaus parkettsicher. Aber sonst?

Um Elmau macht er in diesen Tagen einen richtigen Bogen. Als in Garmisch-Partenkirchen am Samstagabend die Weltpresse empfangen wird, schickt er seine Stellvertreterin Ilse Aigner. Seehofer selbst bleibt auch am Sonntag in München und gibt am Abend in der Residenz ein Essen für die Repräsentanten der sogenannten Outreach-Staaten: Politiker aus afrikanischen Ländern, die beim G-7-Gipfel eine Nebenrolle spielen dürfen.

Als Seehofers Flughafen-Einsatz am Sonntagmittag vorbei ist, zieht er noch eine kleine Bilanz. Mit fast jedem der Gipfelteilnehmer habe er einen Gegenbesuch vereinbart. Auch zu Obama will er noch fahren. "Das wird sicher auch stattfinden", sagt er. Horst Seehofer sieht ein bisschen geschlaucht aus. Welcome dahoam.

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