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Hochschulen in Bayern:Professoren klagen über die Last der Lehre

Doktoranden während ihrer Forschungsarbeit beim justieren ihres Versuchsaufbaus Laser Labor der Arb

Für Forschung sehen viele Professoren kaum Kapazitäten.

(Foto: imago/Oliver Ring)
  • 2200 bayerische Professoren sind vom Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung zu ihrer Arbeitssituation befragt worden.
  • 60 Prozent der Befragten geben an, grundsätzlich relativ zufrieden zu sein.
  • Doch alle wünschen sich deutlich mehr Zeit für die Forschung, egal, ob sie an Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW), Kunst- oder Musikhochschulen arbeiten.

Weil Professoren in Bayern zu viel Zeit mit Lehre und Verwaltungsdingen verbringen, leidet die Forschung darunter. Das könnte sogar Auswirkungen auf die Innovationskraft im Freistaat haben. Stark verkürzt ist das eine Erkenntnis einer neuen Studie des bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IfH). Die Wissenschaftlerin Yvette Hofmann hatte für die Studie 2200 bayerische Professoren zu ihrer Arbeitssituation befragt, angeschrieben hatte sie mehr als 6600. Diese Rücklaufquote nennt Hofmann "sensationell". Offenbar hatten viele Professoren ein Mitteilungsbedürfnis; bisher gibt es kaum Daten dazu, wie sie den Alltag in Zeiten von Digitalisierung und Hochschulreformen empfinden. 60 Prozent der Befragten geben zwar an, grundsätzlich relativ zufrieden zu sein. Aber alle wünschen sich deutlich mehr Zeit für die Forschung, egal, ob sie an Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW), Kunst- oder Musikhochschulen arbeiten. Hofmann spricht von einer "schmerzlichen Schieflage zwischen Lehren und Forschen".

Brisanz dürften diese Erkenntnisse auch für die Staatsregierung haben: Erst vor wenigen Tagen hatte Ministerpräsident Markus Söder bei der Klausur der CSU-Fraktion in Kloster Seeon 13 244 zusätzliche Studienplätze in den Bereichen Informatik und Künstliche Intelligenz verkündet. Mit seiner High-Tech-Offensive will Söder Bayern als Forschungs- und Innovationsstandort international nach vorne bringen und die IT-Forschung stärken. Diese neuen Studenten aber müssen unterrichtet werden. Zwar sind im Konzept von Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) 1000 zusätzliche Professoren und 100 Lehrstühle für KI vorgesehen. Und Sibler hatte zu Semesterbeginn gesagt, dass man Wissenschaftlern den Rücken freihalten müsse, "für eine ambitionierte Forschung und Lehre". Bezogen hatte er sich aber auf die KI. In allen anderen wissenschaftlichen Disziplinen dürften diese Arbeitsbedingungen nun Begehrlichkeiten wecken. Denn insgesamt studieren derzeit 400 000 junge Frauen und Männer an den 17 Hochschulen und elf Universitäten - bei knapp 7000 Professoren.

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Als Hofmann die Hochschullehrer 2015 befragte, war KI kein Thema in der Regierung. Der Frust sei noch immer aktuell, betont Hofmann, denn strukturell habe sich quasi nichts verändert. Wer mit Professoren spricht, hört diese Klagen immer wieder. Die Mehrheit der für die Studie Befragten kritisiert, dass Forschung zu kurz komme, weil sie so viel unterrichten und Kurse zu voll sind. Unabhängig von der Hochschulart sagen viele, sich nicht mal im dezidierten Forschungssemester auf Projekte konzentrieren zu können. Das Arbeitspensum ist trotz einer 57-Stunden-Wochen an Unis (50 an HAW), wie die Befragten im Durchschnitt angaben, offenbar kein Problem. Frust erzeugten eher zeitraubende Verwaltungsfragen, Intransparenz oder schlecht kommunizierende Uni-Chefs.

Hofmann hält sich mit Forderungen eher zurück; die Studie "Prof Quest" solle ein Stimmungsbild sein und Denkanstöße zu Verbesserungen der Arbeitsbedingungen bieten. Aber als Fazit stellt sie doch fest: "Die Universitäten werden durch die große Masse an Lehre ausgebremst. Wenn Bayern international in der Forschung konkurrenzfähig sein will, muss man sich fragen, ob so viel Lehre sein muss."

Die Zahl der Studenten steige seit Jahren, deutlich mehr wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren seien nicht eingestellt worden. Universitätsprofessoren sollen in Bayern neun Stunden pro Woche unterrichten, halb so viel wie ihre Kollegen an HAW, Musik- oder Kunsthochschulen. Dazu kommen Vorbereitung und Korrekturen. Vorgeschrieben ist, dass die Lehre an Unis 20 Prozent der Arbeitszeit einnimmt. Die Realität sieht nicht nur in Massenstudiengängen wie BWL anders aus. Und moderne Lehrmethoden sind extrem selten. Dass viele Uni-Professoren ein Drittel ihrer Zeit mit Lehre verbringen, habe sie "erschüttert", sagt Hofmann. An den HAW ist es knapp die Hälfte der Zeit, aber diese sind traditionell stärker auf Praxis und Unterricht ausgerichtet. "Wenn man mehr Studenten reinschleust und gleichzeitig international forschen will, kann man nicht die Lehrlast bis ins Unendliche steigern. Das ist ein Widerspruch im System."

Klagen über zu volle Hörsäle, Wartelisten für Seminare und zu große Gruppen äußern auch die bayerischen Studentensprecher seit Jahren und kritisieren, dass die Lehre oft eher stiefmütterlich behandelt werde. Auch dieses Problem liegt im System: Im wissenschaftlichen Betrieb gilt vor allem derjenige Wissenschaftler etwas und macht Karriere, der viele Papiere veröffentlicht und Drittmittel einwirbt. Zwar gibt es auch erste Wettbewerbe für gute Lehre, aber Renommee und Geld für neue Projekte bringt die Forschung. Auch Professoren beklagen längst diesen Fokus auf Ranglisten und Drittmittel, aber eine strukturelle Veränderung ist nicht in Sicht.

Den Schlüssel zu mehr Zufriedenheit sieht die Resilienzforscherin Hofmann in zusätzlichem Personal. Externe Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiter könnten Professoren entlasten und Studenten enger betreuen.

© SZ vom 20.01.2020/vewo
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