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Bildung:Studieren an der Hannah-Arendt-Universität?

HANNAH ARENDT

Eine mögliche Namenspatronin für eine Universtität: Hannah Arendt.

(Foto: OBS)

Keine einzige Universität hat eine Frau als Namenspatronin. Ein Professor aus Passau würde das gerne ändern, doch nicht alle sind begeistert.

Kann das sein? Mit dieser Frage fing es an. Holm Putzke hat gegoogelt, geblättert, gescrollt: nichts. Nur Männer. Martin Luther, Friedrich Schiller, Johannes Gutenberg. Eine Frau? Trägt keine einzige deutsche Universität im Namen. "Es war an der Zeit, ein Signal zu setzen", sagt Putzke. Das hat er nun getan. An der Uni Passau, die bisher keinen Namenspatron hat. Und erst recht keine Patronin. Putzke, 46, lehrt dort Strafrecht. Er macht den Passauern, den Kollegen und Studenten einen Vorschlag: Die Uni soll weiblich werden. "Ein Denkanstoß", sagt Putzke, "jetzt ist die Universität am Zug, daraus etwas zu machen".

Die Uni Passau als Pionierin, als bundesweite Schrittmacherin für Geschlechtergerechtigkeit. Das gäbe Schlagzeilen, das muss den Passauern doch gefallen. Oder? Über einen Namen für die Uni werde "immer wieder nachgedacht", sagt Uni-Präsidentin Carola Jungwirth. Aber so etwas müsse man in den Gremien diskutieren, nicht öffentlich. Und mit dem schlichten Namen "Universität Passau" habe man sich ja "einen hervorragenden Ruf erarbeitet". Begeisterung klingt anders.

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Neun staatliche Universitäten gibt es in Bayern. Vier Unis haben Namenspatrone, alle männlich, München, Nürnberg, Würzburg, Bamberg. Die Technische Universität München hat sich indes entschieden, ihren Forschungsschwerpunkt im Namen zu tragen. Und dann gibt es eben die vier namenlosen Unis. Augsburg, Regensburg, Bayreuth, Passau. Alle hätten die Chance voranzugehen, Putzkes Vorschlag auch für sich aufzugreifen - und Deutschlands erste Universität mit Namenspatronin zu werden. Aber wollen sie das überhaupt?

Anruf in Regensburg, bei Studentensprecher Quirin Quansah. Ein Frauenname? Würde seiner Uni gut stehen, sagt er. "Wir schimpfen ja immer, dass die Frauenförderung an Universitäten nicht das Gelbe vom Ei ist. Strukturelle Probleme wird ein weiblicher Name nicht verändern, aber die Richtung ist definitiv richtig." Welche Frau käme in Frage? Elly Maldaque, sagt Quansah, eine Regensburger Lehrerin, die in der NS-Zeit bezichtigt wurde, Kommunistin zu sein. Sie wurde suspendiert, in eine Nervenklinik eingewiesen. Dort starb sie. Gloria von Thurn und Taxis? Na ja, sagt Quansah, "die steht für all das, für das man nicht stehen sollte".

Gloria, natürlich nur ein Spaß. Aber einer, der die Frage provoziert, wofür der Name einer Uni stehen sollte. "Der Charakter der Universität müsste in irgendeiner Weise vorkommen", sagt Sabine Doering-Manteuffel, Unipräsidentin in Augsburg. Es müsse jemand sein, der international bekannt sei, der Region, Forschungsprofil, ja irgendwie "alles repräsentiert". Und da werde es kompliziert, sagt Doering-Manteuffel. "Dann haben wir gleich die Frage: Wer schärft unser Profil? Männer oder Frauen? Und dann nennt jede der acht Fakultäten jemanden aus ihrem Bereich." Darum, sagt sie, sehe ihre Uni "lieber von der Debatte ab".

Wer an Bayerns namenlosen Unis nachfragt, hört das immer wieder: das Profilproblem. Das Problem, dass eine Namenspatronin, etwa aus der Literatur, den Blick dafür verwischt, dass eine Uni auch anderswo Renommee genießt, zum Beispiel in den Rechts- oder Naturwissenschaften. Das ist plausibel, nur: Wenn das so ein Problem ist, müssten all die männernamentragenden Unis doch auch namenlos sein, oder? Nein, sagt Udo Hebel, Präsident der Uni Regensburg. "Wäre die Regensburger Uni 1485 gegründet worden, hieße sie sicher auch wie ein Fürstbischof." Es sind ja vor allem die alten Unis, die Namenspatrone haben. Etwa die Ludwig-Maximilians-Universität München, benannt nach König Maximilian I. Joseph und Herzog Ludwig IX., der die Uni 1472 gründete. Die namenlosen Unis sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. In Regensburg, gegründet 1962, habe es "intensive Landtagsdebatten gegeben", sagt Unipräsident Hebel, aber "am Ende setzten sich die Regensburger Bürger durch" mit ihrem Wunsch. Die Uni sei "Produkt des Bürgerwillens in der Nachkriegszeit" gewesen, die Neutralität habe "einen tieferen Sinn". Deshalb lehnt auch er einen neuen Namen ab.

Neutralität als demokratisches Statement einer Gesellschaft, die keine Lust mehr hatte auf Personenkult oder darauf, dass der Staat ihr etwas vorschreibt, und sei es nur den Namen ihrer Uni? Ist es also kein Zeichen der Rückständigkeit, dass es keine weiblichen Unis gibt, sondern des Fortschritts? Aus heutiger Sicht klingt auch das plausibel. Aber natürlich hat das Männermonopol bei Uni-Namen mit einer Gesellschaft zu tun, die damals, als Bayerns Unis noch Namen bekamen, patriarchalischer war als heute. "Frauen haben damals keine Rolle gespielt" in der Wissenschaft, sagt Unipräsident Hebel.

"Das wäre ein Zeichen gegen das Vergessen"

Genau darum gehe es ihm ja, sagt Holm Putzke, "dass wir Frauen auch in der Wissenschaftslandschaft noch sichtbarer machen". Auch heute, im Jahr 2020, ist nur etwa jeder vierte Lehrstuhl von einer Professorin besetzt. "Erschreckend", sagt Putzke. Und was sagt Stefan Leible, Präsident der vierten namenlosen Uni in Bayreuth? "Wenn man über 50 Jahre hinweg 'Uni Bayreuth' als Marke im Wissenschaftsmarkt etabliert, halte ich es für schwierig, die Pferde zu wechseln."

Begeisterung? Zeigen nur die Studenten. Johannes Kuntscher, Sprecher an der Uni Augsburg, sagt: Noch gebe es keine Debatte, "aber die könnten wir mal entfachen. Ich hätte große Lust, über Namen nachzudenken und Anträge zu schreiben", sagt er - und schickt zwei Stunden später drei Vorschläge per Mail: Philosophin Hannah Arendt, die politisch aktive Weberin Anna Lang und NS-Widerstandskämpferin Anna Pröll. "Das wäre ein Zeichen gegen das Vergessen", schreibt Kuntscher, die Uni stehe ja auf dem alten Flugplatz der Messerschmitt-Werke, wo die Nazis ihre Kampfflugzeuge produzierten.

In Passau, wo das Gedankenspiel begann, geben sich die Studenten zurückhaltend. "Grundsätzlich finden wir es begrüßenswert", sagt Sophia Rockenmaier. "Der Zeitpunkt der Debatte legt aber nahe, dass es sich nicht um einen ernsthaften Versuch handelt, den Feminismus voran zu bringen, sondern wohl eher um einen Publicity-Stunt zur Kommunalwahl." Wäre dem so, würden die Studenten die Umbenennung ablehnen. Hintergrund: Holm Putzke ist CSU-Kreischef. Er wehrt sich: Erstens sei das "keine billige Wahlkampfaktion", zweitens werde "eine gute Idee nicht schlechter, weil Wahlkampf ist". Sein Namensvorschlag für die Uni Passau: Emerenz Meier, die Volksdichterin. Nur eine Idee, sagt er, alle sollen gemeinsam über einen Namen beraten: Bürger, Professoren, Studenten.

"Breite Zustimmung" wäre auch Ulrich Bartosch wichtig, dem nächsten Passauer Präsidenten - obwohl auch er Bedenken hat. "Namensgebung ist streitbar", sagt er. Fast jede große Schriftstellerin, fast jeder Wissenschaftler habe "auch schwierige Passagen", die aus heutiger Sicht umstritten seien. Bartosch sagt aber auch, dass es "unglaublich sympathisch" wäre, würde die Uni einen passenden Frauennamen finden. Marie Curie falle ihm da ein, auch Hannah Arendt sei für ihn "ein toller Name". Der Freistaat als Pionier? Das fände auch Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) gut: "Mir persönlich würde es gefallen, wenn wir in Bayern eine Universität hätten, die nach einer geeigneten Frau benannt wird." In die Debatte einmischen werde er sich aber nicht.

© SZ vom 11.01.2020/tah
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