Gewerbesteuereinnahmen Wie viel politische Macht Audi hat

Doch statt teure Bauprojekte zu stoppen, die vor allem Audi dienten, werde die Haushaltskrise auf die Bürger abgewälzt, schimpft Stadtrat Lange. Nicht nur die Kita-Preise wurden erhöht, auch die Parkgebühren, die Wassergebühren, die Preise fürs Busfahren. Und der Eintritt ins Stadttheater wird teurer. Dazu hat die Stadt den Neubau des Apian-Gymnasiums bis ins Jahr 2020 verschoben.

Auch Kulturgroßprojekte wie die 100 Millionen Euro teure Sanierung des Stadttheaters oder das neue Museum für Konkrete Kunst und Design könnten zurückgestellt werden. "Der Abgas-Skandal ist im Portemonnaie der Bürger angekommen", sagt Lange.

Müssen die Ingolstädter büßen, weil die Stadt über Jahre hinweg zu einseitig auf Audi gesetzt hat? Ja, findet Lange, "das ist blauäugig. Wir müssen schauen, dass wir die Wirtschaftskraft auf mehrere Säulen stellen und Audi mehr soziale Verantwortung in der Stadt übernimmt".

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Ein Teil davon könnte aber später noch an die Manager ausbezahlt werden. Mit diesem Vorschlag will der Vorstand den Streit mit dem Aufsichtsrat beenden.   Von Thomas Fromm und Klaus Ott

Das hatte vor einem Jahr auch der CSU-Fraktionschef im Rathaus gefordert. Er nannte es "lächerlich", dass sich Audi finanziell nicht stärker am öffentlichen Nahverkehr beteilige. Die Antwort kam mit Wucht. Wenn das die Haltung der Ingolstädter sei, sagte der Audi-Personalvorstand, "müssten wir uns überlegen, ob es noch Sinn macht, im geplanten Umfang an diesem Standort weiter zusätzlich Arbeitsplätze aufzubauen".

Audi ist Ingolstadts größter Gewerbesteuerzahler

Langes Theorie geht so: Weil die Stadt Audi nicht vergraulen möchte, regiert im Stadtrat ein "vorauseilender Gehorsam" gegenüber ihrem größten Gewerbesteuerzahler. Was Audi fordert, werde abgenickt - und die Bürger müssten bluten. Ist da was dran?

Nein, sagt der Finanzbürgermeister, er sagt aber auch, "dass ein Großunternehmen, von dem wir über die Jahre viel Gewerbesteuer bekommen haben, einen Anspruch darauf hat, dass die Infrastruktur weiterentwickelt wird. Sind wir froh, dass wir so abhängig sind von einem Konzern wie VW. Das hat uns viele fette Jahre beschert." Aber hätte man nicht noch mehr Geld auf die Seite legen müssen, um für magere Zeiten gewappnet zu sein?

Hätte er ja gern, sagt Wittmann, aber als Finanzbürgermeister sei es "schwer, in fetten Jahren auf die Bremse zu treten. Jeder sagt: Der hat über 300 Millionen Rücklagen und redet davon, dass wir sparen müssen". Sparen? Braucht's nicht, fand der Stadtrat - und hat weiter geklotzt. "Das ist das Schicksal eines Finanzverantwortlichen", sagt Wittmann, "es konnte aber auch keiner damit rechnen, dass eine solche Krise kommt, auch ich nicht."

Nun ist sie da, die Krise, aber man müsse "nicht den Teufel an die Wand malen", findet Wittmann. Er wolle einen "vernünftigen Mittelweg" gehen: Finanziell "auf die Bremse treten", aber nicht alle Infrastrukturprojekte in Frage stellen, nur weil sie auch einen Nutzen für Audi haben. Der vierspurige Ausbau der Ostumgehung am Audi-Werk dürfe nicht gestoppt werden. Bei 43 000 Audi-Mitarbeitern "brauchen wir diese Infrastruktur, damit der Verkehr nicht zu bestimmten Zeiten zusammenbricht".

Was Audi dazu sagt

Und Audi? Will nichts von Beziehungskrise wissen. "Nach unserer Einschätzung ist das Verhältnis zur Stadtverwaltung hervorragend", schreibt das Unternehmen in einer Mitteilung und listet alle Projekte auf, die Audi fördert: den FC Ingolstadt, den Eishockey-Klub ERC, vier weitere Sportvereine, sieben Sportevents, die Sommerkonzerte, das Theater, die Jazztage und einiges mehr. Dazu kommen Großprojekte wie das Technologiezentrum IN-Campus oder ein Hilfsprogramm für Flüchtlinge.

In der Mitteilung steht aber auch: "Wir entscheiden stets aktuell und projektabhängig über unser soziales und regionales Engagement." Und weil es aktuell beim Mutterkonzern VW nicht läuft, stampft Audi manche Förderung ein. Zum Beispiel den 60 000-Euro-Zuschuss zur Eisfläche auf dem Paradeplatz, wo Kinder im Winter Schlittschuh laufen. Oder die Beteiligung an der Initiative Irma, die den Kultur- und Freizeitwert der Region steigern wollte.

Albert Wittmann glaubt trotzdem an die Zukunft der Liaison zwischen Audi und Ingolstadt. "Es werden keine einfachen Jahre, aber wir werden die Krise meistern", bis zum Jahr 2020 könne er das garantieren, dann sollte die Krise überwunden sein. "Bis dahin", sagt Wittmann, "werden in Ingolstadt die Jalousien nicht runter- und die Bordsteine nicht hochgeklappt."

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