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Verbraucherschutz:Streit um "Freilaufkühe" einer Käserei

Bei einer Protestaktion hat die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch im September der Firma Hochland für ihre "Grünländer"-Werbung die Negativ-Auszeichnung Goldener Windbeutel 2020 zugedacht.

(Foto: Foodwatch/Andi Weiland)

Foodwatch wirft dem Unternehmen Hochland vor, mit seiner Käse-Werbung Konsumenten zu täuschen und droht mit einer Klage. Die Firma und die Behörden können nichts Irreführendes erkennen.

Von Christian Sebald

Zwischen der Verbraucherorganisation Foodwatch und dem Landratsamt Lindau bahnt sich ein Rechtsstreit an. Der Grund ist die Weigerung der Behörde, gegen eine aus Sicht von Foodwatch "irreführende" und "Verbraucher täuschende" Werbung vorzugehen. In dem Streit geht es um den "Grünländer Käse" des Käseherstellers Hochland aus Heimenkirch (Landkreis Lindau). Hochland bewirbt ihn damit, dass er aus "Milch von Freilaufkühen" hergestellt werde.

"Freilaufkühe ist ein reiner Fantasiebegriff", sagt Foodwatch-Sprecher Manuel Wiemann, "Hochland gaukelt seinen Kunden ein Weideidyll vor und täuscht ausgerechnet die Verbraucher, die Produkte wählen, von denen sie sich eine bessere Tierhaltung versprechen." Denn tatsächlich stünden die Kühe im Stall. Foodwatch spricht deshalb von einer "Tierhaltungslüge" und will erzwingen, dass Hochland nicht mehr mit dem Begriff "Freilaufkühe" werben darf.

Das Unternehmen Hochland zählt zu den Großen der Branche. Gegründet wurde es 1927 als Schmelzkäsewerk in Großholz bei Lindenberg im Allgäu. Heute hat das Familienunternehmen Produktionsstätten nicht nur in Deutschland, Frankreich und Spanien. Sondern auch in Polen, Rumänien, Russland, den USA und Australien. Firmenangaben zufolge belief sich 2019 der Absatz weltweit auf 387 000 Tonnen Käse, der Umsatz habe im gleichen Jahr 1,59 Milliarden Euro betragen. Insgesamt zählt Hochland gut 5400 Mitarbeiter, davon knapp 2100 in Deutschland. Der "Grünländer Käse" wird in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen angeboten. Der Schnittkäse zählt zu den bekanntesten Marken von Hochland in Deutschland.

Auf den Verpackungen von "Grünländer Käse" prangt ein grünes Herz mit dem Schriftzug "Grüne Seele". Darunter ist unter anderem "Milch von Freilaufkühen*" zu lesen. Das Sternchen verweist auf die Rückseite der Verpackung. Dort erfährt der Verbraucher, dass die Milch für den Käse von Kühen stammt, die sich frei im Stall bewegen können. Deshalb weist Hochland die Kritik von Foodwatch strikt zurück.

Behörden halten die Hochland-Werbung nicht für irreführend

"Wir erläutern sach- und wahrheitsgemäß auf der Verpackungsrückseite und beschreiben eindeutig, dass es sich um im Stall gehaltene Kühe handelt", heißt es in einer Stellungnahme von Hochwald an Foodwatch vom September. Damals hatte die Verbraucherorganisation dem Unternehmen seinen Negativpreis "Goldener Windbeutel für die dreisteste Werbelüge des Jahres" verliehen.

Das Landratsamt Lindau und das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) teilen die Auffassung des Unternehmens. Foodwatch hat beide Behörden ebenfalls im September aufgefordert, Hochland die Werbung mit "Freilaufkühen" zu verbieten, und sich dabei auf das deutsche und das europäische Lebensmittelrecht berufen. Danach ist eine irreführende Werbung und Aufmachung von Lebensmitteln untersagt.

Die Behörden halten die Hochland-Werbung aber nicht für irreführend. "Die Bezeichnung ,Milch von Freilaufkühen' ist in Verbindung mit einem gut sichtbaren Sternchen auf der Schauseite mit dem klarstellenden Hinweis auf der Rückseite der Verpackung nicht als irreführend zu beurteilen", heißt es in der Antwort des Landratsamts an Foodwatch. Das LGL äußert sich in seiner Stellungnahme fast wortgleich.

Sollte nichts passieren, kündigt Foodwatch eine Klage gegen das Landratsamt an

Die Organisation akzeptiert die Sicht der Behörden nicht. Sie stützt sich auf eine repräsentative Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Danach halten 76 Prozent der Befragten die Werbung mit "Freilaufkühen" für irreführend - und zwar trotz des Hinweises, dass die Tiere im Stall gehalten werden. 46 Prozent der Befragten gehen laut Umfrage sogar davon aus, dass die Kühe Zugang zu einer Weide haben müssen.

"Die Sachlage ist eindeutig: Hochland täuscht Verbraucherinnen und Verbraucher", sagt Foodwatch-Sprecher Wiemann. "Doch die zuständigen Behörden halten die Füße still, obwohl Verbraucherschutz zu ihren Pflichten gehört." Deshalb hat Foodwatch das Landratsamt Lindau abermals aufgefordert, gegen die Werbung vorzugehen. "Sonst bleibt das Täuschungsverbot ein zahnloser Papiertiger", sagt Wiemann.

Sollte wieder nichts passieren, kündigt Foodwatch eine Klage gegen das Landratsamt an. Dass Foodwatch es ernst meint, zeigt seine Klage gegen das Lebensmittelamt der Stadt Frankfurt/Main. Die Organisation will damit erzwingen, dass das Amt gegen Werbung für den Volvic Bio Rooibos-Tee von Danone Waters vorgeht. Die Organisation wirft Danone Waters ebenfalls irreführende Produktaufmachung vor. Mit einer braun-rötlich gefärbten Folie um die Flasche werde der Eindruck erweckt, es handele sich um echten Rooibos-Tee. Der Volvic-Tee bestehe aber nur zu 0,26 Prozent aus Tee-Aufguss. Das Landratsamt Lindau zeigt sich von der Klageandrohung wenig beeindruckt. Das lebensmittelrechtliche Verfahren sei entschieden, für Wettbewerbsrecht sei man nicht zuständig.

© SZ vom 18.12.2020/vewo
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