Asyl Wie der Konflikt zwischen Kurden und Gülen-Anhängern nach Donauwörth kam

Ein Polizeifahrzeug verlässt das Gelände des "Ankerzentrums" in Donauwörth. Die Flüchtlinge leben dort im gegenseitigen Misstrauen.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Im dortigen "Ankerzentrum" sind besonders viele Flüchtlinge aus der Türkei untergebracht. Die Verantwortlichen wollen von den Konflikten bislang nichts gewusst haben.

Von Stefanie Schöne, Donauwörth

Nirgendwo in Deutschland treffen Erdoğans Flüchtlinge aus der Türkei so konzentriert aufeinander wie im "Ankerzentrum" Donauwörth. Viele von ihnen haben Haft und Folter hinter sich, linke Kurden misstrauen Gülen-Anhängern, deren Netzwerk sie für ihre Situation mit verantwortlich machen. Vor allem an einem Haus auf dem Gelände entzündeten sich alte Konflikte aus der Heimat und unbeglichene Rechnungen: Haus 5.

Eine Entscheidung des bayerischen Sozialministeriums und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) machte das heutige "Ankerzentrum" in der schwäbischen Kleinstadt Ende 2016 zu einer Schwerpunkteinrichtung für die Herkunftsländer Gambia, Nigeria und Türkei. Etwa 2000 türkische Flüchtlinge wurden seither dort untergebracht. Ihren Asylantrag stellten sie bei der Bamf-Niederlassung in Augsburg.

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Die Stadt entwickelte sich zu einem Brennglas innertürkischer Konflikte. Das hat drei Gründe: In Augsburg wurden zwei Ableger des "Ankerzentrums" mit überwiegend türkischen Flüchtlingen eingerichtet. Das Augsburger Verwaltungsgericht ist für Klagen gegen abgelehnte Anträge zuständig. Und drittens ist die ehrenamtliche Helferstruktur des örtlichen Gülen-Netzwerks sehr aktiv.

Eine explosive Mischung, denn hier treffen die frischen Traumata der beiden am stärksten verfolgten türkischen Lager - der politisch aktiven Kurden einerseits und der frommen Gülen-Bewegung andererseits - aufeinander. Die alteingesessenen türkisch-nationalistischen und -islamistischen Organisationen in der Region tragen ebenfalls zur Polarisierung bei. Das haben sie in der Vergangenheit bei Demonstrationen und öffentlichen Äußerungen unter Beweis gestellt.

Ein Ortstermin in Donauwörth. Mit langsamen Schritten geht der Mann hinter Haus 5 im "Ankerzentrum" auf und ab. "Ja, ich bin Gülen-Anhänger. In unserem Haus hier sind wohl nur Gülen-Freunde. Dort drüben", er zeigt auf die lang gestreckten Gebäude 10 und 11, "leben die PKKler." Bis 2016 war er Ringer im türkischen Nationalkader, dann wurde er verhaftet und gefoltert, so erzählt er. An 27 Tagen hintereinander hätten türkische Beamte ihn mit den Händen hinterrücks an der Decke aufgehängt. Im Januar 2019 konnte er fliehen. Sein Rücken ist seit der Folter kaputt, sogar das Gehen fällt ihm schwer. Doch sein Blick auf die ebenfalls geflüchteten Kurden als vermeintliche Anhänger der Terrororganisation PKK bleibt staatstragend und pauschal. Selbst die eigene Erfahrung staatlicher Willkür in der Türkei kann dieses Weltbild nicht erschüttern.

Die Chancen, dass sein Asylantrag positiv entschieden wird, stehen gut. Das Bamf gibt an, dass im Jahr 2018 insgesamt 557 Türken und 414 Kurden einen Asylantrag stellten. Die Zugehörigkeit zu einer dieser beiden Gruppen wird von der Behörde im Rahmen der freiwilligen Angaben erhoben. 759 Anträge konnten entschieden werden, dabei erhielten 77 Prozent der Türken, aber nur sieben Prozent der Kurden den Flüchtlingsstatus. In den ersten vier Monaten dieses Jahres sank die Schutzquote für Kurden nochmals auf 5,9 Prozent, die der Türkischstämmigen stieg auf 81 Prozent.

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Nur eine Wiese trennt in Donauwörth die verfeindeten Gruppen voneinander. Ohne Wissen der Verantwortlichen reißt diese ungewollte Nähe bei Kurden alte Wunden auf. Viele von ihnen haben dramatische Erfahrungen mit dem Gülen-Netzwerk gemacht. Wie Çakir Bilal. Auch er lebte erst einige Monate hier, bevor er in eine kleinere Unterkunft einer nahen Kleinstadt verlegt wurde. Der Kurde ist Menschenrechtsaktivist aus Muş in der Osttürkei. 2015 wurde er festgenommen und kam wegen "PKK-Terrorismus" in U-Haft. Das berichtete der 28-Jährige bei einem öffentlichen Gespräch in der Augsburger Beratungsstelle "Tür an Tür". An den Namen des Richters erinnert er sich genau. In der Haft sei er gefoltert worden, konnte im April 2017 jedoch fliehen. 1000 Euro bezahlte er dem Schleuser für einen Platz auf einer Lkw-Achse. Sein Richter wurde inzwischen wegen angeblicher Mitgliedschaft in der "fethullahistischen Terrororganisation" (Fetö) in der Türkei festgenommen.

"Nein, mit den Leuten der Gülen-Bewegung verbindet uns gar nichts. Wir müssen hier im Camp nebeneinander leben, das war's", sagt er ruhig, aber hart. Ein ehrenamtlicher Helfer hatte das Gespräch mit ihm und zwei weiteren kurdischen Flüchtlingen organisiert. Alle drei kannten Verfolgung, Angst und Repression, lange bevor die Gülen-Bewegung bei Präsident Recep Tayyip Erdoğan wegen ihrer angeblichen Beteiligung am Putschversuch in Ungnade fiel. Die Stimmung im "Ankerzentrum" ist entsprechend aufgeladen - ohne dass dies bisher von der Öffentlichkeit oder dem Management des "Ankerzentrums" wahrgenommen wurde.