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Islamunterricht:Ist die Gülen-Bewegung wirklich harmlos?

Islamunterricht Ein Junge liest in einem Schulbuch über die fünf Säulen des Islam

In Gülen-Einrichtungen bekommen Kinder nur Nachhilfe, dachte man lange. So hat es die Bewegung bislang immer behauptet.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Über Nachhilfe und Studenten-WGs bindet die Gülen-Bewegung in Deutschland Schüler an ihr frommes Netzwerk. Wer einmal drin ist, erlebt Anerkennung - und findet kaum wieder heraus.

Serkan ist ehrgeizig. Schon mit 16 wusste er, dass er Ingenieur werden will. Der Schüler meldete sich in seiner Stadt in einem Nachhilfeinstitut mit türkischstämmigen Lehrern und Schülern an. Als er 2016 dort einen Hinweis auf eine Studenten-WG bekam, die ihn ebenfalls unterstützen würde, zog er von zu Hause aus. Die Eltern waren nicht begeistert, zahlten ihm aber die geringe Miete.

Was Serkan*, heute 18, nicht ahnte: Er war in einem "Lichthaus" gelandet, einer Studentenwohnung, die zum verborgenen Teil des religiösen und sozialen Netzwerks um den islamischen Geistlichen Fethullah Gülen gehört. "Erst war es cool", berichtet Serkan. "Ich hatte mein eigenes Zimmer, ging weiter zur Nachhilfe, konnte danach noch die Studenten fragen." Merkwürdig kam es ihm erst vor, als fremde Männer im Haus einquartiert wurden. Sie waren, wie auch der Leiter seines Nachhilfeinstituts und die WG, Gülen-Anhänger, kamen meist aus der Türkei und hatten Termine in der Region oder bezogen dort Posten.

Die Gülen-Bewegung, die sich selbst "Hizmet" (Dienst) nennt, ist in Deutschland seit Mitte der 1990er-Jahre aktiv. Wie in der Türkei spann sie auch hier ein Netz aus Unternehmen, Schulen, Vereinen, Lichthäusern, Kindergärten, Verlagen und einer Zeitung. Offiziell wurden diese als Einzeleinrichtungen dargestellt. Dass sie zu einem internationalen Geflecht gehörten, stritten lokale und regionale Verantwortliche gegenüber Kommunen und der Presse stets ab.

Das änderte sich erst 2016, nach dem Putschversuch in der Türkei. Für diesen machen Regierung und Opposition das Netzwerk verantwortlich, die Bewegung gilt jetzt als türkische Terrororganisation, die etwa sieben Millionen Anhänger weltweit werden gejagt. Außerhalb der Türkei stoßen die Massenverhaftungen auf Empörung. Der Chef des Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, bezeichnete die Bewegung als "zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung".

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Informationen dringen nur über Dissidenten nach außen

Doch ob sie wirklich so harmlos ist, darf bezweifelt werden. In Berlin ist inzwischen die Stiftung Dialog und Bildung zentraler Ansprechpartner für die Öffentlichkeit. Sie produziert Bücher, der Vorstand verspricht auf Lesungen Transparenz und demokratische Werte. Doch nach wie vor dringen Informationen über Abläufe und Hierarchien im Innern der Bewegung nur nach außen, wenn Dissidenten berichten. Erstmals gehen jetzt auch Jugendliche an die Öffentlichkeit. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung berichteten sie vom Druck hinter den Kulissen, von autoritärem Fanatismus und wie die Väter ihre Familien der Bewegung geopfert haben.

Das Lichthaus, in dem Serkan zwei Jahre lang wohnte, ist kein Einzelfall. Lichthäuser gibt es in jeder größeren deutschen Stadt seit Mitte der 90er-Jahre. Wie viele es sind, sei unbekannt, da sie "privater Wohnraum" seien, wie es aus Führungskreisen der Bewegung heißt. "Licht" steht im türkischen Sufismus für Erleuchtung und Wissen. Die WG-Bewohner sind Gülens "Goldene Generation", eine muslimische Elite, die die Welt gebildeter und besser machen soll.

Zentrale Rituale der Lichthäuser - wie der Bewegung insgesamt - sind neben dem täglichen, fünfmaligen Beten das mehrstündige Sohbet (Gespräch): Koranstudium, Vorträge, Lektüre der Predigten und Koranauslegungen von Fethullah Gülen. Die Aktivitäten in den Häusern für Männer koordiniert ein "Abi" (großer Bruder), in Häusern für Frauen eine "Abla" (große Schwester). Abis und Ablas bilden auf Haus-, Regional- Landes- und Bundesebene eine Hierarchie, über die sich die Bewegung ausschweigt.