Junge Union:Auflehnung gegen Söders "One-Man-Show"

Landesversammlung Junge Union Bayern

Die Junge Union traut Ministerpräsident Söder offenbar nicht mehr zu, die CSU bei Wahlen wieder nach oben zu ziehen, jedenfalls nicht alleine.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Nach der verkorksten Bundestagswahl ist der Ärger groß in der Jungen Union - auch über den einst umschwärmten CSU-Chef. Die Herzen der Parteijugend fliegen dafür einem anderen zu.

Von Andreas Glas, Deggendorf

Den schmerzhaftesten Moment des Tages kriegt Markus Söder gar nicht mehr mit. Kurz vor zwölf Uhr ist die Limousine des CSU-Chefs hinausgerollt aus Deggendorf, wo am Samstag die Landesversammlung der Jungen Union (JU) stattfindet. Eine Stunde später berät die Parteijugend einen Antrag. Ein junger Mann namens Stefan Meitinger schnappt sich das Mikro und schlägt vor, zwei Wörter daraus zu streichen. Große Augen auf der Bühne, bei Moderator Konrad Körner, der die zwei Wörter lieber nicht streichen will. Die JU müsse sich "schon überlegen, welche Zeichen wir setzen". Hilft aber nix, Meitinger bleibt stur. Na gut, sagt Körner irgendwann. "Wir streichen Markus Söder."

Es geht um die Zeilen 88 und 89 des JU-Antrags. "Es ist Zeit", heißt es da, "ein schlagkräftiges, frisches Team hinter unserem starken Zugpferd Markus Söder zu bilden". Nun sollen die Delegierten also abstimmen, ob das Zugpferd Söder rausfliegt aus dem Antrag. Ob stattdessen nur die Rede sein soll vom "schlagkräftigen Team" der CSU. Die elektronische Abstimmung dauert ein paar Sekunden, dann erscheint das Ergebnis auf den Leinwänden: 75 Prozent Ja-Stimmen. Jubel, Applaus, die JU hat Söder tatsächlich gestrichen. Aua.

Klar, eine gewisse Frechheit gehört zur Folklore bei der JU, das war immer so. Aber die Botschaft des CSU-Nachwuchses ist ja gerade überall in der Partei zu hören: mehr Köpfe neben Söder, neue Gesichter für die CSU! Der Ärger ist groß nach der Bundestagswahl, 31,7 Prozent in Bayern, ein Debakel. Falscher Kanzlerkandidat, Corona-Malus, jeder in der CSU sieht darin Ursachen. Aber breite Teile der Partei sehen eben auch Fehler bei den Themen, der Kampagne, und damit: beim Parteichef. Als Markus Söder am Samstag, 10 Uhr, in die Deggendorfer Stadthalle marschiert, spielt die JU-Regie einen ACDC-Klassiker: TNT. Die Zündschnur in der Jungen Union, überhaupt in der CSU, ist kürzer geworden, wenn es um ihren Parteichef geht.

Die Herzen fliegen jetzt Manfred Weber zu

Etwa 40 Minuten wird Söder in Deggendorf reden. Danach muss er sich mal mehr, mal weniger deutlich anhören, dass die JU ihm offenbar nicht mehr zutraut, die CSU bei Wahlen nach oben zu ziehen, jedenfalls nicht allein. Schon am Freitag hat Generalsekretär Markus Blume die Kälte der JU zu spüren gekriegt. Am Samstag, als Söder zu Besuch ist, fällt immer wieder der Begriff "One-Man-Show". Am Ende des Tages wird ein Delegierter ins Mikro rufen: "Die JU hat heute Söders One-Man- Show beendet!"

Die Herzen der Parteijugend, die Söder lange hofiert hat, fliegen jetzt einem anderen zu: CSU-Vize Manfred Weber, den die JU mit langem Beifall, Sprechchören und Einlaufmusik von Queen empfängt - "Don't stop me now!" Und tatsächlich, Weber ist am Rednerpult kaum zu bremsen. Auch das verpasst der CSU-Chef. Als Weber in Deggendorf eintrifft, ist Söder schon drei Stunden weg - aber die Wellen, die Webers Rede schlägt, dürften ihn erreicht haben. Es ist eine Rede, mitten ins Herz der Partei - und schon auch in Söders Magengrube.

Zuerst gratuliert Weber dem JU-Chef Christian Doleschal, der gerade wiedergewählt worden ist, mit starkem Ergebnis, knapp 95 Prozent. "Der Markus Söder wäre um die 95 Prozent sicherlich froh gewesen", witzelt Weber. Und: Der Einzige, der bei solchen Zahlen "mithalten kann, das bin in bescheidenem Maßstabe ich in der CSU". Man muss wissen: Beim Parteitag im September wurde Söder mit eher mäßigen 87,6 Prozent als CSU-Chef bestätigt. Weber bekam als Parteivize 94 Prozent.

Nächstes Thema in Webers Rede: die Koalitionsfrage im Bund. Die Union müsse "deutlich machen, dass wir grundsätzlich zur Verantwortungsübernahme bereit sind", sprich: bereit für eine Jamaika-Koalition, die Söder quasi abgehakt hat. Der nächste Rempler also gegen den Parteichef. Weber erinnert daran, dass die CSU der FDP vor vier Jahren, nach ihrer Jamaika-Absage, vorgehalten habe, sich vor Verantwortung zu drücken. Er sagt: "Ich will nicht, dass wir uns das die nächsten vier Jahre anhören müssen."

Selbstkritik von Söder? Eher dosiert

Am selben Pult betont Söder wenige Stunden zuvor, dass es nicht er gewesen sei, sondern FDP und Grüne, die entschieden hätten, "nicht mehr mit uns weiter zu verhandeln". Er wiederholt, wo er die Hauptursache für das miese Wahlergebnis sieht, nämlich in der Nominierung des CDU-Chefs Armin Laschet als Kanzlerkandidaten und seiner Nicht-Nominierung. "Am Ende wollten die Deutschen einen anderen Kanzlerkandidaten", sagt Söder. Auch sonst verortet der CSU-Chef die Ursachen der Wahlklatsche mehrheitlich außerhalb seiner Verantwortung, etwa bei den Freien Wählern und der Wahlkampfstrategie, für die Söder offenkundig vor allem die CDU verantwortlich sieht.

Selbstkritik? Eher dosiert. Die CSU müsse die Balance zwischen Tradition und Moderne besser hinkriegen, sagt Söder, dessen Kurs vielen in der Partei zu modern ist. In Deggendorf sagt er: "Wir müssen beides ansprechen, die Modernisierung, aber auch den gesunden Menschenverstand". Mit letzterem Begriff wirbt sonst gern Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, die der CSU immer mehr Stimmen klauen, vor allem beim konservativen Publikum. Mehr Köpfe für die CSU? Er sei da offen, sagt Söder. Allzu engagiert geht er auf solche Forderungen aber nicht ein.

Anders Ilse Aigner, CSU-Bezirkschefin in Oberbayern, die ebenfalls in Deggendorf spricht. Sie lobt Söder, sie sagt aber, dass es "viele gute Persönlichkeiten" gebe, die Söder "ergänzen" könnten. Die JU feiert Aigner, aber noch mehr feiert sie Manfred Weber. Der sagt, dass es sowohl falsch sei, der AfD nachzulaufen als auch den Grünen. Beide Vorwürfe gab und gibt es ja in der CSU gegen Söder, dem der Ruf anhängt, sich eher an Stimmungen auszurichten als an Überzeugungen. Weber sagt in Deggendorf: "Lasst uns beim Themen-Setting nicht so danach gehen, was ankommt. Sondern lasst uns danach gehen, worauf es ankommt" in der Gesellschaft. Die CSU müsse das Soziale wieder stärker betonen und sich den Menschen zuwenden, "die in unserem bürgerlichen Bereich zuhause sind".

Dann spannt der Europapolitiker Weber den Bogen über Bayern hinaus. Er redet über Afghanistan, Hongkong, Taiwan und sagt: "Ich will morgen nicht in einer chinesischen Welt leben. Und das müssen wir deutlich machen." Geht es nach Weber, sollte die CSU mehr über globale Zusammenhänge sprechen. Auch deshalb, weil das die Themen seien, bei denen "niemand in Bayern sagen wird, ob der Hubert eine Idee dazu hat".

Man spürt: Hier bewirbt sich einer für eine Rolle, die in der CSU so viele vermissen. Die Rolle einer starken, konservativeren Stimme neben Söder. Und das Publikum, man kann es nicht anders deuten, nimmt die Bewerbung an. Das Applaus-o-Meter schlägt bei Weber viel heftiger aus als bei Söder, der nach seiner Rede keine Minute Beifall bekommt. Bei Weber sind es mehr als drei Minuten, dazu Jubelrufe, alle in der Halle stehen. Hätte JU-Landeschef Doleschal den Beifall nicht irgendwann unterbrochen, in Deggendorf würde womöglich immer noch geklatscht.

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CSU-Chef Markus Söder auf der Landesversammlung der Jungen Union Bayern

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