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Bayreuth:Erloschene Aufenthaltsgenehmigung wegen eines Formfehlers

Kolade Igbasan (rechts) engagiert sich gemeinsam mit seinen Kameraden seit Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bayreuth.

Kolade Igbasan (rechts) engagiert sich gemeinsam mit seinen Kameraden seit Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bayreuth.

(Foto: Privat)

Kolade Igbasan löscht Brände, übersetzt in Asylheimen und will in Germanistik promovieren. Nach sieben Jahren möchte die Stadtverwaltung nun seine Ausreise nach Nigeria erwirken.

Von Korbinian Eisenberger und Clara Lipkowski, Bayreuth

Sein Alarmgerät liegt im Schlafzimmer, und wenn das Signal ertönt, ist die Zeit für Träumereien vorbei. Wobei..., sagt Kolade Igbasan. In den vergangenen Wochen habe er ohnehin kaum ein Auge zugetan. Seinen letzten großen Feuerwehreinsatz hatte er im Sommer, er befindet sich gerade in einem Existenzkampf. An diesem Nachmittag im November zeigt Kolade Igbasan Fotos. Er, der erste schwarze Feuerwehrmann der Freiwilligen Feuerwehr Bayreuth. Der Schutzhelm verdeckt seine Dreadlocks. Beim Tag der offenen Tür im September 2019 hält er den Wasserschlauch in den Händen. Weil der Rückstoß so stark ist, stützt ihn ein Kamerad von hinten. Die Kraft eines einzelnen reicht oft nicht aus. Das weiß Kolade Igbasan mittlerweile sehr genau. Bei der Feuerwehr - und bei dem Kampf, den er derzeit mit den bayerischen Behörden führt.

Er hat einige Brände gelöscht in sieben Jahren bei der Feuerwehr. Ehrenamtlich hat er für die Stadt beim Übersetzen in Asylheimen geholfen - und Corona-Regeln im afrikanischen Yoruba und in Pidgin-Englisch eingesprochen. Nun fordert das Ausländeramt der Stadt von dem 41-Jährigen, der als Student gekommen ist, Deutschland zu verlassen. Wegen eines Formfehlers soll Igbasan seine Germanistik-Promotion an der Uni Bayreuth unterbrechen und zurück nach Nigeria fliegen, so die Behörde. Ende April 2020 nahm sie ausführlich Stellung zu seinem Fall und bekräftigte, dass er von seinem Heimatland aus sein Visum erneuern müsse.

In die Bayreuther Wohnung von Kolade Igbasan dröhnen laute Fernsehstimmen. "Meine Vermieterin ist 95 und hört nicht mehr so gut", erklärt er im Video-Gespräch. Er spricht fließend deutsch, aber wenn unten der Fernseher läuft, wird es mit der Verständigung schwierig. "Hauptsache, ihr geht es gut", sagt er.

Igbasan hatte bereits 2018 eine Promotionsstelle - und zwar an der Bamberger Uni. Weil sein Stipendium aber nicht weitergezahlt wurde, gab er die Stelle auf. Was ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war: In diesem Moment erlosch seine Aufenthaltsgenehmigung. Statt die Behörden sofort schriftlich darüber zu informieren, kehrte er an die Uni Bayreuth zurück, wo er zuvor seinen Master gemacht hatte. Später wollte er einen Nebenjob übernehmen und meldete dies. Doch erst Anfang 2020 fiel der Fehler den Behörden auf. Von nun an stand der Vorwurf im Raum, Igbasan habe sich seit 2018 illegal in Deutschland aufgehalten. Es folgte ein langes Hin und Her, Igbasan nahm sich eine Anwältin, der Fall landete zwischenzeitlich vor Gericht.

Bei der Stadtverwaltung wird die Lage geradzu unproblematisch betrachtet

Seine Unterstützer sprechen von "unzumutbarer Härte": Professoren von der Uni Bayreuth, Freunde - und die Kameraden von der Feuerwehr. Ein Wegbegleiter ist auch der stellvertretende Kommandant Stephan Fößel. Er erklärt am Telefon, dass sich immer weniger Bayreuther für das Ehrenamt berufen fühlen. Müsste Kolade Igbasan gehen, würde er einen Mann verlieren, "der hilfsbereit ohne Ende ist".

Bei der Bayreuther Stadtverwaltung sieht man die Sache geradezu unproblematisch: "Herr Igbasan kann einfach nach Nigeria ausreisen, seine Familie zu Weihnachten besuchen, dann in der dortigen Botschaft ein neues Visum beantragen und wieder nach Deutschland einreisen", sagt Ludolf Tyll am Telefon. Tyll ist der für das Ausländeramt zuständige Referatsleiter. Igbasans Kinder leben in Lagos. Sein Plan war, nach bestandener Promotion zurückzukehren. Referatsleiter Tyll sagt: Man warte nun, wie sich Igbasan bis zur neuerlichen Fristverlängerung am 23. Dezember äußere. Die eine Option: Er gibt an, wann konkret er freiwillig ausreist. Die andere: Er weigert sich und begründet das. Ist die Begründung unzureichend, droht die Abschiebung. Die Corona-Pandemie spreche grundsätzlich nicht dagegen, sagt Tyll.

Igbasan hatte zwischenzeitlich widersprochen: Die Botschaft in Lagos arbeite Corona-bedingt nicht. Doch, entgegnet Tyll, mittlerweile sei sie wieder tätig, darüber sei seine Behörde informiert. Auf der Webseite des Auswärtigen Amts ist zu erfahren, dass die Bearbeitungszeit für Studentenvisa im Generalkonsulat von Lagos "mehrere Monate" dauere.

Anruf bei Karin Birkner, Germanistik-Professorin an der Uni Bayreuth: Sie betreut Igbasans Promotion und erklärt, dass er sie nicht fortsetzen könne, sollte er zurück nach Nigeria müssen. Birkner berichtet von Partner-Universitäten in Nigeria, deren Professoren und Studenten seit einem halben Jahr versuchen, nach Deutschland zu reisen - vergebens.

Universität und Feuerwehr kämpfen dafür, dass Igbasan bleiben darf

Vor gut zwei Jahren beschäftigte der Fall eines Asylbewerbers die Bayreuther Behörden. Anders als Kolade Igbasan war der damals 22-jährige Danial M., als Geflüchteter nach Deutschland gekommen. Auch er galt als beispielhaft integriert. Nach langem Zerren, einer gescheiterten Abschiebung, weil M. nicht zu Hause war, als er abgeholt werden sollte und anschließendem Kirchenasyl bewahrte ihn im Sommer 2018 eine Ermessensduldung vor der Zwangsausreise. Die überraschende Wende wurde auch auf die bevorstehende Landtagswahl zurückgeführt. Der Regierung drohte Stimmenverlust auch wegen ihrer harschen Flüchtlingsrhetorik.

Heute ist M. "qualifizierter Geduldeter", er hat eine Ausbildung abgeschlossen und arbeitet.

Zeitweise setzten sich 55 000 Menschen per Petition dafür ein, dass er bleiben darf. Nun kämpfen in Bayreuth die Feuerwehr und die Uni für Igbasan. Eine Ermessensentscheidung in seinem Fall ist nicht abzusehen. "Gäbe es etwas, mit dem wir helfen könnten, hätten wir das längst gemacht", sagt Ludolf Tyll von der Stadt. Man sei ja nicht darauf aus, "Ausländer zu ärgern".

Ende August 2020 war der Feuerwehrmann Igbasan bei seinem letzten großen Einsatz. In die Kamera zeigt er Fotos von der Brandnacht, als er und 160 Feuerwehrler aus der Region eine Behindertenwerkstatt im Stadtteil Bindlach löschten. Igbasan sagt: "Ich tue das für die Bayreuther."

© SZ vom 09.12.2020/wean
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