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Integration in Bayern:Ibrahim, Saad und die Männer vom USK

Auf gemeinsamer Bergtour: Geflüchtete von Bellevue di Monaco und Beamte des Unterstützungskommando USK der Münchner Polizei

(Foto: Stephan Rumpf)

Bei einer gemeinsamen Wanderung im Loisachtal sollen junge Geflüchtete und Polizisten mehr Verständnis füreinander entwickeln. Über ein Dutzend Männer im Regen - und ihre Geschichten.

Von Julian Hans

Fast klingt es so, als wolle der Polizist sich entschuldigen: "Nach den ganzen Geschichten, die wir gerade gehört haben, ist es schwer, noch was draufzupacken", sagt er. Ein Dutzend Männer steht im Loisachtal im Wald; die Wolken hängen tief, Regen tropft aus den Tannen, die Männer haben einen Halbkreis gebildet, sie wollen sich erst einmal kennenlernen, bevor sie sich zusammen auf den Weg machen zum Gipfel.

Da ist Ibrahim aus Sierra Leone, der als Analphabet mit kaputten Knien nach Deutschland kam, seinen Schulabschluss gemacht hat, einen Marathon gelaufen ist und jetzt eine Ausbildung zum Mechatroniker begonnen hat. Da ist Saad aus dem Irak, der 14 Jahre alt war, als der Islamische Staat einen Genozid an seinem Volk, den Jesiden, verübte. Weil er der einzige war, der ein Auto fahren konnte, rettete der 14-Jährige am Steuer eines Fluchtwagens seiner Familie das Leben. Wenn er im Frühjahr seine Ausbildung als Elektriker abschließt, möchte er gleich den Meister machen. Da ist Ahmed aus Uganda, der für sein Land in der Olympia-Auswahl Taekwondo trainiert hat, bis er begann, sich politisch zu engagieren. Polizisten haben ihn verschleppt und gefoltert, mit Glück konnte er nach Europa fliegen.

Jetzt stehen ihm wieder Polizisten gegenüber. Durchtrainierte Männer vom Unterstützungskommando USK der Münchner Polizei. Dass Polizisten in Deutschland nicht willkürlich Menschen festnehmen und verschwinden lassen können, dass sie an Gesetze gebunden sind und oft sogar helfen können, ist eine der Lehren, die die Teilnehmer dieser außergewöhnlichen Wandertour am Abend mit nach Hause nehmen sollen. Vor allem aber, dass in den Uniformen auch Menschen stecken, wenn auch nicht mit ganz so wechselhaften Biografien.

Gemeinsam wandern Polizeibeamte und Gefüchtete auf den Rötelstein.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der eine hat Sport auf Lehramt studiert, bevor er zur Polizei kam, der andere war Tischler. Einer hat in seiner Jugend leidenschaftlich Eishockey gespielt, der andere war ein paar Jahre als Legionär bei Fußballvereinen in Kanada, Südafrika und Russland beschäftigt.

Der Sport ist das Verbindende, das alle an diesem Samstagmorgen im nassen Wald zusammenbringt. Das war auch die Idee von Paul Huf, der selber einen wechselhaften Weg vom Automechaniker zum Sozialarbeiter hinter sich hat. Vor einigen Jahren hat er im Bellevue di Monaco eine Laufgruppe gegründet, inzwischen macht er auch einmal in der Woche Krafttraining mit Geflüchteten. Seine Idee, mal mit den Münchner Beamten gemeinsam Sport zu machen, stieß im Polizeipräsidium auf positive Resonanz. Geflüchtete und Polizeibeamte treffen in der Regel nur in Konfliktsituationen aufeinander, bei Kontrollen oder bei Abschiebungen. So vertiefen sich auf beiden Seiten die negativen Vorstellungen über den anderen. Aus dieser Sackgasse soll die Wanderung herausführen.

Bis auf 1500 Meter würde an diesem Samstag die Schneefallgrenze sinken, hat der Wetterbericht angedroht. Aber mit jedem Schritt Richtung Gipfel schmilzt das Eis. Die USK-ler erzählen von der Jugend in der bayerischen Provinz, dem Leben in der Großstadt mit knappem Salär und den Schwierigkeiten, eine Familie zu gründen, wenn man im Schichtdienst rund um die Uhr eingesetzt wird. Die Geflüchteten erzählen von ihren Geschwistern, die sie zurücklassen mussten und von Vätern, die in München Tag und Nacht am Computer die Nachrichten in der alten Heimat verfolgen.

Die wenigen Spaziergänger, die sich bei diesem Wetter aus dem Haus gewagt haben, bleiben stehen und drehen sich verwundert um. Dass Touristen aus aller Welt nach Bayern kommen, ist nichts Außergewöhnliches. Aber diese gemischte arabisch-bayerisch-afrikanische Gesellschaft will irgendwie in kein Klischee passen. Gesprochen wird Deutsch und Englisch mit Akzent, durchsetzt von Bairisch, Fränkisch und Arabisch.

Vor einem Jahr hat Paul Huf schon einmal Geflüchtete und Polizisten beim Sport zusammengebracht. Nach dem Fußballspiel mit anschließendem Workout im Bellevue waren alle entschlossen, dass so etwas öfter stattfinden sollte, am besten regelmäßig. Aber ein Budget hat Bayerns Polizei für solche Veranstaltungen nicht und das durch Spender finanzierte Bellevue schon gar nicht. Dann kam auch noch Corona.

Inzwischen ist die BuntStiftung eingesprungen, sie spendiert auch die Kaminwurzen und die Brezen, die die Wanderer später auf dem zugigen Gipfel verzehren. Die Polizei hat die zwei Mannschaftswagen gestellt, mit denen die Wanderer bis zur Kreutalm gefahren sind. Für vier weitere Aktionen ist die Finanzierung durch die BuntStiftung gesichert.

"Da unten könntet ihr jetzt den Kochelsee sehen", sagt Harald Frießner und zeigt in die Nebelsuppe, die den Berg umgibt. Dann gibt es noch ein schnelles Gruppenfoto unterm Gipfelkreuz und der Abstieg beginnt.

Gruppenfoto am Gipfelkreuz

(Foto: Stephan Rumpf)

Frießner ist im Polizeipräsidium für Unternehmungen wie diese verantwortlich. Die Unwissenheit über das jeweilige Gegenüber führe "zu Missverständnissen und schlimmstenfalls zu konfrontativen Einsatzlagen, bis hin zu Widerstandshandlungen", heißt es im Konzept, das Frießner verfasst hat. Um Ängste abzubauen und Missverständnisse oder Vorbehalte auszuräumen seien "niederschwellige, vertrauensbildende Integrations- und Präventionsmaßnahmen mit Flüchtlingen sowie Vereinen und Einrichtungen der Flüchtlingshilfe notwendig." Es geht nicht nur darum, nett zueinander zu sein. Für eine erfolgreiche Verbrechensbekämpfung ist es wichtig, dass die Menschen der Polizei vertrauen und zum Beispiel auch die 110 wählen, statt Konflikte lieber unter sich zu regeln. Er hoffe, dass alle Teilnehmer gemerkt hätten, "wir sind bis auf ein paar schwarze Schafe eigentlich ein guter Haufen", sagt Frießner zum Abschluss im Wirtshaus bei Tee und Bier.

Das Ganze ist aber keine Einbahnstraße: Dass es auch bei Polizeibeamten Vorurteile gegenüber Migranten gibt, die sich zum Teil zu rechtsextremistischen Einstellungen verfestigt haben, überrascht nach den jüngsten Enthüllungen zu rechten Netzwerken in Sicherheitsbehörden niemanden mehr. Auch die USK hatte 2019 einen Skandal um antisemitische Äußerungen in einer Chatgruppe.

"Wir sehen im Alltag nur die Problemfälle", sagt Florian Reithmayer, einer der USK-Beamten. Bei Drogen-Kontrollen oder wenn die Polizei wegen häuslicher Gewalt gerufen wird. Abschiebungen belasteten auch die Polizisten, sagt er: "Es ist hart, wenn da manchmal Familien auseinandergerissen werden." Die Entscheidungen fällen aber Gerichte, nicht Polizisten. Statt nur die negativen Seiten der Gesellschaft zu erleben, hat er heute Migranten getroffen, die sich bei der Freiwilligen Feuerwehr engagieren und im Sportverein. Und es wirkt, als wäre er ein bisschen erleichtert.

© SZ vom 12.10.2020
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