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Naturschutz:Einzelgänger auf sehr leisen Pfoten

"Wildkatzen können Baldrian nicht widerstehen": Deswegen werden sogenannte Lockstäbe damit eingerieben, damit sich die Tiere daran reiben. Die Hinterlassenschaften werden dann genetisch untersucht.

(Foto: Thomas Stephan/BN-Archiv)

Wildkatzen sind ebenso scheu wie selten. Biologen wollen sie mit Baldrian locken - und so nachweisen, dass sie auch südlich der Donau vorkommen.

Die Instrumente, auf denen die Hoffungen von Kai Frobel ruhen, sind einfache, etwa einen Meter lange, raue Holzlatten, die mit Baldrian präpariert sind. Sie sollen endlich den Nachweis liefern, dass in Bayern auch südlich der Donau Wildkatzen leben. Dieser Tage rücken überall in die Wäldern von Schwaben, Oberbayern und weiten Teilen Niederbayerns ehrenamtliche Naturschützer aus und rammen solche Latten in den Boden.

"Wildkatzen können Baldrian nicht widerstehen", sagt Frobel, 60, Biologe und oberster Artenschützer im Bund Naturschutz (BN). "Er zieht sie magisch an." Sobald eine Wildkatze auf so eine Holzlatte stößt, umschmeichelt sie diese, richtet sich an ihr auf und reibt sich daran. Dabei lässt sie Haare und Hautpartikel an ihr zurück. Bei Kontrollgängen sammeln die Helfer die Hinterlassenschaften ein. Später werden sie in einem Speziallabor genetisch ausgewertet. Im Fachjargon heißen die Holzlatten denn auch Lockstäbe.

Die Wildkatze oder Felis silvestris silvestris zählt zu den seltensten Waldbewohnern hierzulande. Alles in allem, so schätzt Frobel, leben nur etwa 600 Exemplare im Freistaat. Die allermeisten in Franken, zum Beispiel im Spessart und im Coburger Land, aber auch im Oberen Maintal bei Lichtenfels, im Frankenjura östlich von Bamberg und - ganz neu - im südlichen Steigerwald im Landkreis Kitzingen, wie ein Monitoring des BN ergeben hat.

Weitere Nachweise gelangen in letzter Zeit in den Wäldern im Landkreis Cham und im Nationalpark Bayerischer Wald. Nur südlich der Donau sind alle Nachforschungen bisher vergeblich geblieben. Einzig in den Wäldern im Westen von Augsburg gab es vor einigen Jahren eine winzige Population. "Die Wildkatzen dort waren womöglich aus dem nahen Baden-Württemberg eingewandert", vermutet Frobel.

Laien halten Wildkatzen gerne für verwilderte Hauskatzen. Dabei haben Wildkatzen und Hauskatzen nichts mit einander zu tun. Sie sind zwei völlig verschiedene Arten. Felis silvestris silvestris ist ein heimisches Wildtier, das seit vielen tausend Jahren in den Wäldern Mitteleuropas verbreitet ist. Die Hauskatze oder felis silvestris catus stammt dagegen von der Falbkatze (Felis silvestris lybica) ab. Falbkatzen sind sehr zutraulich, weshalb sie angeblich schon 7500 vor Christus auf Zypern domestiziert wurden. Nach Mitteleuropa gelangen sie freilich erst sehr viel später durch die Römer.

Rein äußerlich sind sich beide Arten sehr ähnlich. Wildkatzen haben nur einen etwas kräftigeren Körper als Hauskatzen, ihr Fell wirkt ein wenig verwaschen. Auf dem Rücken haben sie einen Aalstrich, das ist ein dunkler Fellstrich längs der Wirbelsäule. Und ihr Schwanz ist eher kurz und buschig mit einem stumpfen Ende und mehreren schwarzen Fellringen.

Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Arten ist indes: Wildkatzen sind extrem scheu. Wenn einmal eine auf einen Menschen trifft, dreht sie sofort um und macht sich schleunigst aus dem Staub. Wildkatzen meiden aber nicht nur jeden Kontakt zu Menschen. Sondern auch zu Siedlungen und sogar zu alleinstehenden Häusern. Sie sind Einzelgänger und haben sehr große Reviere. Das Streifgebiet eines Wildkaters umfasst bis zu 3000 Hektar Fläche und ist so groß wie das von Rotwild.

Weibliche Tiere sind deutlich kleinräumiger unterwegs als Wildkater. Ihre Streifgebiete sind nur 300 bis 800 Hektar groß. Wildkatzen sind nachts aktiv. Bisweilen wandern sie aus den Wäldern hinaus ins Offenland - vorausgesetzt es gibt dort ausreichend Hecken, Bauminseln und Gebüsch, in denen sie sich schnell verstecken können. Tagsüber ruhen sie. Als Schlafplätze suchen sie sich hohle Baumstämme, Reisighaufen und bisweilen Felsspalten oder verlassene Fuchsbauten aus.

Wie ihre zahmen Genossen machen Wildkatzen hauptsächlich Jagd auf Mäuse und manchmal Vögel. Sie fressen aber auch Eidechsen, Frösche und große Insekten. Einst war der Irrglaube weit verbreitet, Wildkatzen gingen auch auf Rehkitze und sogar auf Hirschkälber los. Deshalb wurden die scheuen Tiere erbittert gejagt. Seit dem späten 19. Jahrhundert galten sie in Bayern als ausgerottet. In anderen europäischen Staaten, vor allem in Spanien, sind sie nach wie vor weit verbreitet. Deshalb gilt die Art insgesamt als ungefährdet.

Dass sie sich inzwischen auch in Bayern wieder ausbreitet, liegt am BN. Er startete 1984 eine Wiedereinbürgerungsaktion und setzte im Spessart einige hundert Wildkatzen aus. Von dort aus stoßen sie seither wieder in andere Regionen vor.

Freilich sehr viel langsamer als erhofft. Ein Grund dürfte das dichte Straßennetz auch in vergleichsweise dünn besiedelten Regionen sein, sagt BN-Mann Frobel. Denn das Auto ist der gefährlichste Feind der Wildkatzen - und zwar gerade der jungen Tiere, die auf Reviersuche sind. Dabei legen sie bisweilen nicht nur besonders weite Strecken zurück. Sondern sie überqueren auch immer wieder Fernstraßen und sogar Autobahnen. Entsprechend hoch ist ihr Risiko, überfahren werden.

Gleichwohl ist Frobel zuversichtlich. "Zwar ist die bayerische Wildkatzen-Population nach wie vor klein", sagt er, "aber sie ist stabil. Und das ist sehr wichtig, damit die Tiere hier eine Zukunft haben." Bis Frobel und seine Unterstützer nun aber wissen werden, ob auch südlich der Donau Wildkatzen leben, wird es bis Herbst dauern. Zwar geht das neue Monitoring selbst nur bis Ende März. Aber die Analyse der Fellhaare, Hautpartikel und anderen Hinterlassenschaften an den Lockstäben wird sich dann Monate hinziehen.

© SZ vom 05.02.2020/kaal
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