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Thurmansbang:Die Furcht vor dem Endlager

Atommüll-Endlagersuche

Sowohl im Bayerischen wie auch im Böhmerwald laufen zurzeit Auswahlverfahren für Endlager für den Atommüll aus deutschen und tschechischen Kernkraftwerken.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

In Deutschland und Tschechien laufen die Auswahlverfahren, wo hoch radioaktiver Müll deponiert werden kann. Im Bayerischen Wald hoffen sie, dass die Region von der Liste fällt - anderenfalls will man sich widersetzen.

Von Christian Sebald, Thurmansbang

Es sind nur noch drei Wochen: Am Montag, 28. September, veröffentlicht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) ihren "Zwischenbericht Teilgebiete". Der Termin ist wichtig für die Suche nach einem Endlager für die hochradioaktiven Abfälle aus den deutschen Atomkraftwerken. In dem Papier will die BGE die Regionen in Deutschland und damit auch in Bayern nennen, die aus ihrer Sicht definitiv nicht für das Endlager in Frage kommen.

"Natürlich hoffen wir alle, dass darunter auch der Bayerische Wald ist und wir endgültig ausscheiden", sagt Martin Behringer. "Aber man muss realistisch sein. Die BGE wird sich die Option für ein Endlager bei uns nicht so schnell nehmen lassen." Behringer ist seit gut 18 Jahren Bürgermeister von Thurmansbang (Kreis Freyung-Grafenau). In der Zeit ist er immer wieder damit konfrontiert worden, dass das Endlager für den deutschen Atommüll in seiner Heimat errichtet werden könnte.

Aber es ist nicht alleine die deutsche Endlager-Suche, die Behringer dieser Tage umtreibt. In Tschechien läuft ebenfalls der Auswahlprozess für einen Endlager-Standort für den Atommüll aus den Atomkraftwerken Temelin und Dukovany. Dort konzentriert sich Debatte auf vier Orte. Einer ist Chanovice. Das 700-Einwohner-Dorf liegt nur etwa 50 Kilometer Luftlinie östlich der bayerischen Grenze in den Ausläufern des Böhmerwalds, Thurmansbang ist 75 Kilometer Luftlinie von ihm entfernt. Die tschechische Endlager-Behörde Surao hat kürzlich den Chanovicer Bürgermeister Petr Klasek per E-Mail informiert, dass dessen Gemeinde womöglich Standort des tschechischen Atommüll-Endlagers wird.

Klasek stört am meisten, dass er als Bürgermeister offenbar kein Mitspracherecht haben soll. Sein bayerischer Kollege Behringer teilt nicht nur diese Besorgnis Klaseks. Sondern er ist auch strikt gegen ein Endlager in Chanovice. "Wir sind eine Region", sagt Behringer. "Egal ob die Sicherheit der Bevölkerung oder die wirtschaftlichen Auswirkungen etwa im Tourismus, das trifft uns alles genauso wie die Menschen auf tschechischer Seite."

Treffen könnte es wohl alle Regionen nördlich der Donau

Die deutsche BGE hält sich bislang sehr bedeckt über ihren "Zwischenbericht Teilgebiete". Selbst Experten in den bayerischen Fachbehörden haben keine Ahnung über seine Details. Insider gehen aber fest davon aus, dass die BGE nicht nur den Bayerischen Wald und das Fichtelgebirge als potenzielle Endlager-Standorte in der Debatte belassen will. Sondern auch viele andere in sie aufnehmen will, an die bisher kein Experte und kein Politiker gedacht hat. Im Prinzip könne es alle Regionen nördlich der Donau treffen, sagen Beobachter.

Das liegt daran, dass nach dem neuen Standortauswahlgesetz (StandAG) nun auch Granit als Gestein für das Endlager in Frage kommt. Und zwar Granit, der einerseits nicht absolut wasserdicht ist, so dass die Dichtigkeit des Endlagers erst mit "technischen oder geotechnischen Barrieren" hergestellt werden muss, wie es im StandAG heißt. Und andererseits Hunderte Meter tief unter der Erdoberfläche liegt und von Ton, Sandstein oder anderem Material überdeckt ist.

Die Wende ist insofern erstaunlich, als dass es zum Credo eines jeden bayerischen Umweltministers gehört, dass es in Bayern keinen Standort gibt, der als Atommüll-Endlager taugt. Auch der aktuelle Umweltminister Thorsten Glauber (FW) sagt: "Wir sind überzeugt, dass in Bayern kein geeigneter Standort für ein Endlager zu finden ist." Die Formulierung steht fast im gleichen Wortlaut auch im Koalitionsvertrag zwischen CSU und Freien Wählern.

Weiter sagt Glauber nur: Bei der Standort-Auswahl stehe die Sicherheit des Endlagers für einen Zeitraum von einer Million Jahren an erster Stelle. Technische oder geotechnische Barrieren, die von Menschenhand gebaut werden, könnten diese Sicherheit aber nicht liefern, erklärte der Minister schon früher. "Das wird sich auch im Rahmen der weiteren Untersuchungen ergeben." Dies ist auch die Hoffnung des Thurmansbanger Rathauschefs. Aber Behringer sagt auch: "Es muss jetzt die ganze Region zusammenstehen und mit aller Macht klar machen, dass wir so ein Endlager bei uns nicht akzeptieren."

Und wie ist das mit dem Endlager auf tschechischer Seite? Die Entscheidung für einen der vier Standorte dort soll 2025 fallen. Die Anlage selbst soll 2065 in Betrieb gehen. Nach ersten Überlegungen könnten die hoch radioaktiven Abfälle aus den beiden tschechischen Atomkraftwerken mehr als 500 Meter tief unter der Erdoberfläche in Beton-Containern eingeschlossen abgelegt werden. So ein Tiefenlager sei die sicherste Lösung, heißt es von Seiten der Endlager-Behörde Surao. Die beiden tschechischen Atomkraftwerke produzieren zwischen 80 und 100 Tonnen abgebrannte Brennelemente im Jahr. Sie werden derzeit - wie in Deutschland - in Zwischenlagern in den Anlagen Dukovany und Temelin untergebracht.

Umweltminister Glauber sagt zur Endlager-Suche auf tschechischer Seite: "Auch dort muss die Sicherheit der Bevölkerung an oberster Stelle stehen." Laut Umweltministerium gibt es zu allen Fragen der Atomkraft einen Austausch mit Tschechien. Der Freistaat betone dabei stets die Notwendigkeit transparenter Verfahren und die Einhaltung aller internationalen Vorschriften.

Der Thurmansbanger Bürgermeister Behringer ist dennoch skeptisch. "Wenn sich Tschechien tatsächlich für ein Endlager in Chanovice entscheiden würde, wäre das ein richtig schlechtes Signal für uns im Bayerwald", sagt er. "Und zwar nicht nur wegen der Sicherheit der Bevölkerung. Sondern weil sich jeder fragen würde, warum das deutsche Endlager nicht bei uns gebaut werden kann. Denn der Granit ist in Tschechien der gleiche wie bei uns."

© SZ vom 07.09.2020

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