Naturschutz:Wie die Behörden den Vogelschutz verschleppen

Naturschutz: Der Große Brachvogel zählt mit 500 Brutpaaren zu den seltensten heimischen Brutvögeln in Bayern. Auf der Roten Liste wird er als vom Aussterben bedroht geführt.

Der Große Brachvogel zählt mit 500 Brutpaaren zu den seltensten heimischen Brutvögeln in Bayern. Auf der Roten Liste wird er als vom Aussterben bedroht geführt.

(Foto: Marie-Therese Ritz-Burgstaller/LBV)

Der Flughafen München ist Teil eines europäischen Schutzgebiets. Der Freistaat hält sich aber seit Jahren nicht an die Vorgaben dafür. Die Grünen sprechen von "Farce", auch der Landesbund für Vogelschutz übt harsche Kritik.

Von Christian Sebald

Man glaubt es kaum: Aber der Flughafen München mit seinen mehr als 300 000 Starts und Landungen und 37 Millionen Passagieren im vergangenen Jahr ist gleichzeitig ein Top-Gebiet, was extrem seltene und streng geschützte Vögel anbelangt. Auf den weitläufigen Wiesen neben und zwischen den Start- und Landebahnen leben Braunkehlchen, Wiesenpieper, Trauerschnäpper, Gartenrotschwänze und 36 weitere besondere, meist streng geschützte Vogelarten - völlig unbeeindruckt von Fluglärm, Abgasen und anderem Unbill, die so ein Flughafen mit sich bringt. Im Gegenteil: Der Flughafen München ist zusammen mit dem Nördlichen Erdinger Moos ein Europäisches Vogelschutzgebiet - und zwar schon seit 2008. Es umfasst insgesamt 4525 Hektar Fläche, der Anteil des Flughafens München beträgt etwa 666 Hektar.

Zu den Regularien für so ein Vogelschutzgebiet gehört es, dass die Naturschutzbehörden - im Fall des Erdinger Mooses die Regierung von Oberbayern - einen Managementplan ausarbeiten. In dem Papier werden detailliert neben dem Artenbestand, der Pflanzenwelt und den Lebensräumen in dem jeweiligen Schutzgebiet all die Maßnahmen beschrieben, wie die Vielfalt zu erhalten und zu fördern ist. Außerdem werden auf seiner Basis Zuschüsse ausbezahlt. So ein Managementplan hat einen aufwendigen Vorlauf. Allein schon wegen der Kartierung der Vogelarten, Pflanzen und Lebensräume in dem entsprechenden Gebiet. Aber auch weil Grundbesitzer, Behörden und andere Fachstellen angehört und einbezogen werden.

Für das Vogelschutzgebiet Nördliches Erdinger Moos fehlt ein solcher Managementplan. Obwohl es demnächst 16 Jahre her ist, dass das Schutzgebiet eingerichtet worden ist. Der Grünen-Abgeordnete und Fraktions-Vize im Landtag, Johannes Becher, ist empört. "15 Jahre Vogelschutzgebiet ohne jeden Plan, wie man denn eigentlich Vögel und ihren Lebensraum schützen möchte, das ist eine Farce", sagt er. "Das einzig Beständige ist das Verschieben des Managementplans in die ferne Zukunft." Aus Bechers Sicht zeigt der Vorgang, "dass der Vogelschutz und der Schutz des Erdinger Mooses der Staatsregierung aus CSU und FW herzlich egal sind".

Naturschutz: Johannes Becher von den Grünen.

Johannes Becher von den Grünen.

(Foto: Renate Schmidt)

Auch beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) sind sie sauer. "Die Flughafenwiesen haben eine einzigartige Bedeutung für den Schutz von Kiebitz, Großem Brachvogel und anderen Wiesenbrütern in Bayern", sagt der Biologe und oberste Artenschützer im LBV, Andreas von Lindeiner. "Von den Brachvögeln leben sogar um die hundert Brutpaare im Umfeld des Flughafens. Das ist die größte Kolonie, die wir in Bayern haben, und ein Fünftel des gesamten Bestands." Dazu muss man wissen, dass der Freistaat seit vielen Jahren mit einem Artenhilfsprogramm, in das jedes Jahr Tausende Euro fließen, um das Überleben des Brachvogels in Bayern kämpft. "Aber gerade Oberbayern ist mit der Umsetzung der Vorgaben für Vogelschutzgebiete ganz hinten dran", sagt Lindeiner.

Tatsächlich hat es allein bis 2019 volle elf Jahre gedauert, bis die Regierung von Oberbayern überhaupt mit der Arbeit an dem Managementplan begonnen hat. Auf einer Auftaktveranstaltung sei dann ein erster Entwurf für Frühjahr 2020 angekündigt worden, erinnert sich Becher. Seither verzögert und verschiebt sich das Datum von Jahr zu Jahr. Das zeigen die Antworten der Staatsregierung auf Anfragen, die Becher seither in der Sache an sie richtet. Die aktuelle stammt von Anfang Februar. Darin kündigt das Umweltministerium nun Anfang 2025 das Erscheinen des Entwurfs an. Als Gründe für die fortwährenden Verzögerungen nennt das Haus von Minister Thorsten Glauber (FW) die "besondere fachliche Komplexität" der Aufgabe und das beschränkte Personal, das dafür zur Verfügung steht.

Und warum fühlen sich die Vögel ausgerechnet am Flughafen München so wohl? So genau weiß man das nicht. Aber der LBV-Mann Lindeiner hat eine Vermutung. "Der ganze 666 Hektar große Komplex ist eingezäunt", sagt er. "Da sind Brachvogel, Kiebitz, Wiesenpieper und Co. ungestört von Menschen. Außerdem sind sie vergleichsweise sicher vor Füchsen und anderen Fressfeinden." Der Fluglärm von den startenden und landenden Maschinen stört die Tiere nicht.

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