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Flüsse in Bayern:Nur die obere Isar ist intakt

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Die Isar bei Krün im Werdenfelser Land zählt zu den letzten wilden Flussabschnitten Bayerns.

(Foto: Martin Siepmann/Imago)

Die Umweltorganisation WWF zieht eine erschütternde Bilanz: Bayerische Flüsse können kaum noch natürlich fließen - mit gravierenden Auswirkungen auf Pflanzen und Tiere, vor allem bei den Fischen.

Von Christian Sebald

Die obere Isar vom Sylvensteinspeicher bis zur Grenze nach Österreich zählt zu den letzten wilden und weitgehend natürlichen Flussabschnitten in Bayern. Getreu ihrem lateinischen Namen Isara Rapidus (die Reißende) fließt sie hier noch weitgehend ungebremst von Wehren und Dämmen durch ihr Bett, türmt Kiesbänke auf und trägt sie beim nächsten Hochwasser wieder ab, um sie an anderer Stelle erneut aus dem Wasser aufragen zu lassen. Dank dieser Dynamik ist die obere Isar ein einzigartiger Lebensraum für seltene Pflanzen wie den immergrünen Rispelstrauch (Myricaria germanica), aber auch für streng geschützte Vogelarten wie den Flussuferläufer (Actitis hypoleucos) oder den Flussregenpfeifer (Charadrius dubius). Und die obere Isar ist der letzte Flussabschnitt in Bayern, in dem noch eine sich selbst erhaltene Population Huchen lebt. Die Raubfische können bis zu 1,20 Meter groß werden.

Die obere Isar zählt zu den 15 Prozent der Flussabschnitten im Freistaat, die in einem "sehr guten ökologischen Zustand" oder einem "guten ökologischen Zustand" sind und damit den Vorgaben der EU entsprechen. Alle anderen 85 Prozent sind kanalisiert, aufgestaut und so mit Wehren, Abstürzen und Dämmen zugestellt, dass sie mit einem natürlichen Fluss nichts mehr zu tun haben. So hat es die Umweltorganisation WWF in ihrem Bericht "Lasst den Flüssen ihren Lauf" errechnet. Das 71 Seiten starke Papier, das der WWF am Mittwoch vorgestellt hat, zieht eine erschütternde Bilanz. "Die bayerischen Flüsse leiden an Verstopfung", sagt Wolfgang Hug, der Leiter des WWF-Büros in Bayern. Er hat den Bericht mit seinen Mitarbeitern Sigrun Lange und Stefan Ossyssek verfasst. "Rein rechnerisch blockiert in ihnen alle 500 Meter eine Barriere den Weg der Fische und den Durchgang des natürlichen Geschiebes. Die Flüsse können kaum noch natürlich fließen."

Die Daten, auf die sich der WWF bezieht, sind die offiziellen des Landesamts für Umwelt (LfU) und der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Danach summieren sich die größeren Flüsse und Bäche im Freistaat auf eine Gesamtlänge von etwa 28 000 Flusskilometern. Die Zahl der Querbauwerke - so heißen Wehre, Dämme und Abstürze in der Fachsprache - in ihnen beträgt etwa 57 000. Es sind aber nicht nur die Querbauwerke selbst, die den Fischen und vielen Pflanzenarten die Lebensräume nehmen. Sondern die vielen Wasserkraftwerke, respektive deren Turbinen. In ihnen werden nach wie vor Zigtausende Fische getötet, amputiert oder verletzt. Die Folgen sind gravierend. Laut Fischzustandsbericht der LfL gelten 57 Prozent der heimischen Fischarten als gefährdet. Weitere 17 Arten stehen auf der Vorwarnliste, darunter sogar Allerweltsarten wie die Bachforelle oder der Seesaibling. Und von weiteren fünf Arten gibt es so wenige Daten, dass man nicht beurteilen kann, wie es um sie steht.

Das ist es aber nicht alleine. Die Bestände der Fische, also Mengen, gehen ebenfalls dramatisch zurück - laut WWF seit 1970 um bis zu 93 Prozent. Im Fischbericht der LfL heißt es dazu lapidar: "Ohne die seit vielen Jahren durch Fischereivereine, Fischereiverbände und Fischereiverwaltung durchgeführten bzw. fachlich begleiteten bestandsstützenden Maßnahmen wären viele Fischarten wahrscheinlich noch weitaus stärker bedroht." Unter "bestandsstützenden Maßnahmen" verstehen Fischer das Aussetzen von Zigtausenden jungen Fischen aus besonderen Zuchtanlagen in den Flüssen und Seen.

Der WWF hat drei Forderungen an die Staatsregierung. "Wir brauchen den konsequenten Schutz der letzten Wildflussabschnitte", sagt Hug. "Außerdem muss der Freistaat alle Pläne für neue Wasserkraftwerke stoppen. Stattdessen soll die Staatsregierung ein ambitioniertes Rückbau-Programm für Dämme und anderen Barrieren starten." Die Umweltorganisation befürchtet vor allem, dass der Freistaat an seinen Ausbauplänen für sogenannte kleine Wasserkraftwerke festhält. Das sind Anlagen mit weniger als einem Megawatt Leistung. Mit etwa 4000 der 4250 Anlagen bayernweit machen sie den Löwenanteil der Wasserkraftwerke im Freistaat aus. Ihr Anteil an der Stromproduktion ist laut WWF mit 1,5 Prozent aber verschwindend klein. Dabei sagen auch andere Experten, dass die Schäden an Flora und Fauna gerade durch diese Kleinanlagen besonders groß sind. Aus Sicht des WWF-Manns Hug "muss es deshalb das Ziel einer zukunftsgerichteten Flusspolitik sein, mehr frei fließende Flussabschnitte und möglichst natürliche Auenlandschaften zu schaffen".

© SZ vom 20.08.2020
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