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Naturschutz:Die Misere der Flüsse und Bäche

Kernkraftwerke Isar

Die Isar hat auf ihrem Weg zum Atomkraftwerk so gar nichts mit ihrem Beinamen "Die Reißende" zu tun.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Gewässer müssen in ökologisch gutem Zustand sein, fordert die EU. In Bayern sind die meisten davon weit entfernt.

Von Christian Sebald

Die Isar hinter Landshut ist ein gutes Beispiel, dort wo sie in Richtung des Atomkraftwerks Isar fließt: Träge liegt sie da in ihrem Bett, eingezwängt von Dämmen und Deichen und zu einem gigantischen See aufgestaut. Mit der "Isara rapidus", der reißenden Isar, wie sie auf Lateinisch heißt, hat sie dort überhaupt nichts mehr zu tun. Das Urteil des Landesamts für Umwelt (LfU) ist denn auch wenig überraschend. "Zielerreichung bis 2027 unwahrscheinlich", lautet es. Die dürren Worte besagen, dass der Isarabschnitt hinter Landshut auch in sieben Jahren nicht in dem guten ökologischen Zustand sein wird, den die EU schon seit 20 Jahren für alle Flüsse, Bäche und Seen im Freistaat einfordert.

Die Formel vom "guten ökologischen Zustand" ergibt sich aus der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) der EU. Sie besagt nicht nur, dass die Qualität des Wassers in dem jeweiligen Fluss, Bach oder See gut sein muss, wie das in Bayern so gut wie überall der Fall ist. Sondern auch, dass die Gewässer selbst in einem möglichst naturnahen Zustand sind, also zum Beispiel Kiesbänke haben und mäandern können. Denn nur dann können sie Lebensraum für die heimische Fauna und Flora sein - in allererster Linie natürlich für die Fischwelt. Die WRRL selbst ist der rechtliche Rahmen der Wasserpolitik der EU und damit verbindlich für die Mitgliedstaaten. Sie gilt bereits seit dem Jahr 2000. Ursprünglich sollten die Vorgaben bis 2015 umgesetzt werden. Als das scheiterte, verlängerte die EU die Frist dafür bis 2027. Aktuell sieht es aber ganz danach aus, dass der Freistaat die Vorgaben wieder krachend verfehlen wird.

Denn wie die Isar hinter Landshut sind die allermeisten Flüsse und Bäche in Bayern weit entfernt von einem guten ökologischen Zustand. 2015 erfüllten nur "15 Prozent der bayerischen Fließgewässer (135 von 880 Oberflächenwasserkörpern) die Kriterien", heißt es auf der Internetseite des LfU. In anderen Worten: 85 Prozent der Flüsse und Bäche in Bayern waren 2015 ökologisch nicht intakt, 80 Prozent dürften es auch 2027 nicht sein. Das zeigt eine Karte des LfU vom Mai dieses Jahres. Mit ihr beurteilen die Experten der Behörde die Aussichten, welche Flüsse, Bäche und Seen in sieben Jahren die WRRL erfüllen könnten. Nach der Karte hat sich seit 2015 kaum etwas verbessert. Bei den Seen galten 2015 immerhin 26 von 50 intakt.

Die Landtags-Grünen sprechen von einem Skandal. Aus Sicht ihres umweltpolitischen Sprechers Christian Hierneis kümmert sich die schwarz-orange Koalition "keinen Deut um die Ökologie unserer Gewässer". Der Freistaat sei fünf Jahren im Verzug, die WRRL zu erfüllen. Auch mit der Fristverlängerung bis 2027 werde es nicht besser werden. "Unsere bayerischen Flüsse und Bäche sind die Lebensadern unseres Landes", schimpft Hierneis. "Aber der Regierung von Ministerpräsident Markus Söder sind sie offenbar nicht viel wert." Dabei gehe es hier nicht nur um irgendeine europäische Richtlinie, sondern "um unsere Natur und um unsere Heimat".

Die Naturschützer stoßen ins gleiche Horn. Für sie ist die Karte des LfU die amtliche Bestätigung ihrer permanenten Klagen über den schlimmen Zustand der meisten Gewässer in Bayern. "Es ist überfällig, dass sich die Staatsregierung sehr viel mehr um die Renaturierung der Flüsse und Bäche in Bayern kümmert", sagt Christine Margraf, Biologin und Gewässerexpertin beim Bund Naturschutz. "Die allermeisten sind so kanalisiert und mit Dämmen, Deichen und Stauwehren zugebaut, dass sie kaum noch Lebensraum für Fische und Pflanzen bieten." Ein Übriges tun die Nährstoffeinträge und die Bodenerosion aus der Landwirtschaft.

Laut Margraf darf es nicht länger angehen, dass selbst einstige Allerwelts-Fischarten wie Nasen und Äschen, aber auch die Flussforelle auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten stehen - so wie 90 Prozent der heimischen Fischarten in Bayern. Die Biologin warnt eindringlich davor, dass die Staatsregierung schon jetzt auf eine weitere Verlängerung des Zeitrahmens für die Umsetzung der WRRL setzt. Sie fordert, dass Bayern stattdessen "schleunigst neue Renaturierungsprojekte vorantreibt".

Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) spricht denn auch von einer "entscheidenden Zukunftsaufgabe" und sagt, dass "wir hier noch besser werden müssen". Zugleich betont er, dass die Staatsregierung bereits sehr viel Geld für die bayerischen Gewässer in die Hand nehme. Allein in die Verbesserung der Durchgängigkeit der Flüsse und Bäche für Fische und andere Wasserlebewesen, aber auch in Renaturierungsmaßnahmen in den Gewässern selbst und in angrenzenden Auen investiere Bayern jährlich rund 60 Millionen Euro, sagt Glauber. Aus seiner Sicht ist die Staatsregierung denn auch "auf einem guten Weg".

© SZ vom 06.08.2020/vewo
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